Der Text aus dem Hit „Billie Jean“ weist den Weg in die neue Nachtlocation an der Lange Straße. Foto: Lichtgut / Ferdinando Iannone

Yusuf Oksaz, eine Größe des Nachtlebens, ruft das Comeback der Disco aus – prompt ist seine Kellerlocation Billie Jean zur Eröffnung zum Überlaufen voll. Nach dem Umbau kommt die Mischung aus Nostalgie und Zukunft gut an.

Stuttgart - Auf zur Zeitreise auf steilen Stufen abwärts! Disco-Veteranen mit Rüschen-Hemd, Anzugträger mit Einstecktuch, Menschen mit neonbunter Vergangenheit, aber auch viele unauffällig gekleidete Normalos lassen sich in der Nacht zum Freitag anziehen von großen Blockbuchstaben, die den Eingang von Billie Jean schmücken. Unten flimmern Röhren-Fernsehgeräte, eine überdimensionale Discokugel dreht sich über der DJ-Kanzel, eine alte Telefonzelle lockt mit der Leuchtschrift „Call me back“, Lichtstäbe über der Tanzfläche erstrahlen in Rot und Blau.

Mit Liebe zum Detail erinnert das Billie Jean an der Langen Straße, das kein Club sein, sondern stattdessen die gute, alte Disco wachküssen will, an analoge Zeiten, in denen Michael Jackson „Billie Jean is not my lover / She’s just a girl who claims that I am the one“ sang. Der komplette Text des Hits aus den 1980ern liegt den Besucherinnen und Besuchern zu Füßen, die so zahlreich in der ersten Nacht strömen, als sei wenigstens der King of Pop auferstanden oder noch was Wilderes in dieser Art passiert.

„Mensch, Jonger“, sagt Yusuf immer wieder

Der Text von „Billie Jean“ ist auf die Stufen geschrieben, die vom Eingang ins Kellertreiben des einstigen, ebenfalls von Yusuf Oksaz betriebenen Techno-Clubs Romy S. führen, das davor schon mal Disco war und mit Marmorboden Monument hieß. Von „analoger Digitalisierung“ spricht Yusufs Frau Britta Oksaz, eine Marketingexpertin. Die Vermischung der Vergangenheit mit der Zukunft gelingt an diesem neuen, alten Ort überraschend gut. Der Eingangsbereich ist mit Textelementen so toll gestaltet, dass sich nun ein neues Selfie-Paradies in Stuttgart auftut. Decke, Boden und Wände laden dazu ein, sich davor zu fotografieren und das dann zu posten. „Mensch, Jonger“, sagt Yusuf Oksaz, der außerdem das Dilayla und das Mrs. Jones führt, unentwegt. „Super, Alder“, kommt es zurück. In der ersten Nacht von Billie Jean, der neuen Lady in town, ist die Begeisterung der Gäste groß, wenn sie nicht gerade im Menschenstau feststeckt oder von den Bässen weggeknallt wird. „Voll, heiß und laut, fast wie früher“, sagt der einstige Oz- DJ und heutige Medienberater Frank Ilg.

Die Protagonisten des Stuttgarter Partylebens sind zahlreich erschienen. Fast alles da, wer irgendwas mit Nacht macht: Club- und DJ-Legenden wie Laura Halding-Hoppenheit, Frank Ilg, Angelika Find, Uwe Sontheimer, Oliver Joos,
Ex-Wirt Romulo Kuranyi, Wirt Luigi Aracri, Dekra-Kommunikationschef Stephan Heigl,die jüngere Generation der Musikverrückten wie DJane Alegra Cole, Model Duncan Hilbers oder Klaudia Kacijan von der Uhu-Bar . Dazu Stadtpromis wie Bandleader Berti Kiolbassa, die Fotokünstlerin Silvie Brucklacher-Gunzenhäußer, die schwäbische Schauspielerin Monika Hirschle, der Publikumsliebling der Marquardt-Komödie, und viele mehr.

Erinnerungen an wilde Disco-Nächte

Model Duncan ist 19 Jahre alt, läuft in Mailand, Paris und London und weiß nur vom Hörensagen oder von seinen Eltern, was eine Disco ist. Begeistert ist er im Billie Jean vom bunten Ambiente und dem knallroten Klo. In den Metropolen, in denen er oft zu tun hat, gehe er nicht mehr in die Clubs, weil da „zu viel mit drugs läuft“. Stuttgart sei vergleichsweise heile Welt, lobt er.

Und doch erinnert man sich bei Billie Jeans Eröffnungsparty für 400 geladene Gäste (wahrscheinlich waren doppelt so viele da) an wilde Disco-Nächte. Einmal, erzählt einer, habe er versehentlich ein Auto geklaut: „Mein Schlüssel war schon im Zündschloss, als ich bemerkte, dass es zwar das gleiche Modell 73er Ford Taunus in der gleichen Farbe war, aber nicht mein Auto.“ Die Anekdote vom zerissenen Slip und einem Gebiss macht die Runde – alles fand sich auf der Toilette.

Klassiker von Kool & The Gang laufen, viel Hip-Hop, natürlich auch Michael Jacksons „Billie Jean is not my lover“. Die erste Nacht hat gezeigt: Yusufs Billie Jean könnte zum Lover von vielen werden.

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