Die Gulf-Rennwagen und ihre Bewunderer Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Längst ist aus ein paar Freaks eine ernst zu nehmende Größe geworden: Die Oldtimerfans treffen sich zu Benzingesprächen auf der Retro Classics – und zum Einkaufen.

Stuttgart - Zum 20. Geburtstag der Oldtimermesse ist Prominenz aus Berlin gekommen: Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) war am Donnerstagabend der „Gaststar“ bei der offiziellen Eröffnung der Retro Classics. Was zeigt: die Fans betagter Fahrzeuge sind inzwischen nicht nur ein paar Freaks, sondern eine ernst zu nehmende wirtschaftliche Größe. Laut der Allensbacher Marktanalyse besitzen 1,59 Millionen Personen in Deutschland einen Oldtimer im Haushalt. Und jedes dritte Fahrzeug mit H-Kennzeichen ist in Baden-Württemberg oder Bayern zugelassen.

Schon aus diesem Grund gilt die Retro Classics, die noch bis Sonntag in allen Hallen der Messe Stuttgart stattfindet, als wichtiger Treffpunkt Branche, als Ort für „Benzingespräche“ aber auch für Geschäfte. Im Schnitt blieben die Besucher fünf Stunden auf der Messe, so der Veranstalter Andreas Herrmann von der Retro Messen GmbH. Bei der Ausstellungsfläche, rund 140 000 Quadratmeter, liege man „unangefochten“ vor den Mitbewerbern am Markt in Essen, Padua und Paris. Vor 20 Jahren war die erste Ausgabe, damals auf dem Killesberg, ein Treffen von Freunden seines Vaters Karl Ulrich Herrmann und Oldtimerverrückten. Inzwischen ist sie zu einem wichtigen Handelsplatz geworden; rund 1800 Autos sind 2020 für die Verkaufsbörse angemeldet worden – und damit fast doppelt so viele wie im Jahr zuvor.

Blau-orange lackierte Liebhaberstücke

Die Preise beginnen dieses Jahr bei unter 10 000 Euro für einen Youngtimer und enden im Millionenbereich. Rund 200 000 Euro ist manches Unikat wert, das bei der Auktion von Classic Bid am Samstagnachmittag unter den Hammer kommen. Nur zum Anschauen sind die 27 Rennwagen mit der charakteristischen blau-orangenen Lackierung des Sponsors Gulf im Atrium, unter ihnen auch das erste Fahrzeug, das jemals die Farben des Schmierstoffherstellers trug, der Mirage M1. Sie stammen aus der Privatsammlung von Roald Goethe, der selbst aus England zur Eröffnung gekommen war. Vor zehn Jahren habe er zu sammeln begonnen, erzählte er in fließendem Deutsch (er wurde in Deutschland geboren), zunächst um die Autos selbst zu fahren. „Daraus ist etwas Größeres geworden, in England würde man sagen: ,I created a monster‘ – aber ein sehr sympathisches.“

Charmant ist auf der Retro vor allem die Bandbreite der Exponate, die vom musealen Prachtstück bis zum Modellauto reicht und vom Ersatzteil bis zum Winzersekt. „Wir wollen Fahrkultur und Livestyle verbinden“, sagte Karl Ulrich Herrmann bei der Eröffnungs-Pressekonferenz. So gewinne etwa auch die Abteilung Landmaschinen immer mehr Freunde.

Beim Auftakt waren weniger die aufwendigen Stände der Premiummarken im Fokus der Besucher, sondern eher die liebevoll improvisierten Präsentationen der Clubs und kleineren Händler. Wie berichtet waren am Donnerstag etwas weniger Besucher auf dem Messegelände als sonst und die Hälfte der italienischen Aussteller hatte abgesagt. Schmankerl für Spezialisten sind auch dieses Jahr wieder die Sonderschauen, etwa die 16 Exemplare der vergessenen französischen Automarke Avions Voisin in Halle 10 sowie die Schweizer Motorräder und die Traktoren ohne Anlasser und Zündkerzen in Halle 8, genannt „Glühkopflegenden“.

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