Die Geburtenrate ist mit 1,5 Kindern pro Frau zwar leicht gestiegen, doch vielen Menschen bleibt das Kinderglück verwehrt. Foto: Mauritius

Das Baby soll aussehen wie Brad Pitt? Bei der bundesweit ersten Publikumsmesse zum Thema Kinderwunsch scheint auch das möglich. Die meisten Menschen aber, die hierherkommen, suchen Rat. Sie wünschen sich sehnlichst ein Kind.

Berlin - Wer bei der amerikanischen Samenbank an Stand 25 bestellt, der kann seine freie Auswahl sogar online treffen: Soll der Spender lockiges Haar haben oder nicht, Hunde mögen oder lieber Wellensittiche, ein Kunstfan sein oder lieber Fußball spielen? Darf der Großvater einen Schlaganfall gehabt haben, oder ist das ein Ausschlusskriterium? Häkchen in die entsprechende Box, und die Suche wird verfeinert. Sogar das Foto eines beliebigen Menschen kann die Kundin hochladen, wenn sie möchte, dass der Spender ihm ähnelt. Eine Software scannt die Fotos entsprechend. „Find a Match“, so wirbt die Samenbank für ihre Dienstleistung: Tinder für Kinder – der nächste Flirt ist bei dieser App nur einen Wisch entfernt.

Ein freundlicher älterer Herr steht am Stand für Fragen bereit. Es klingt wie ein ganz normales Verkaufsgespräch, wenn er die Vorzüge der Selektion erläutert, die man sich hier kaufen kann. Was sagt er Menschen, die das zum Grausen finden? „Auswahl treffen Menschen immer. Wir können medizinische Risiken minimieren, das ist ein Vorteil.“

Mehr als 40 Aussteller sind vor Ort

Ein Hotel in Berlins Mitte, Konferenzetage, warmes Licht. Hier finden an diesem Wochenende die Kinderwunschtage statt – zum ersten Mal veranstaltet eine Firma in Deutschland eine Publikumsmesse zum Thema.Die Zielgruppe: Ungewollt kinderlose hetero- und homosexuelle Paare oder Singles. Mehr als vierzig Aussteller präsentieren hier zwei Tage lang alles, was Menschen dazu verhelfen soll, Eltern zu werden – auch wenn einiges davon in Deutschland illegal ist. Die beiden Großsponsoren der Veranstaltung sind Kinderwunschkliniken – eine in Spanien und eine im US-Bundesstaat Oregon.

Im Angebot sind Verfahren wie eine Eizellenspende und Leihmutterschaft, beide sind in Deutschland verboten. Grob gesagt endet die Reproduktionsmedizin hierzulande an den Grenzen, die eine Frau hat: Sie darf nur ihre eigene Eizelle – innerhalb oder außerhalb des Körpers – befruchten lassen und eine Schwangerschaft selbst austragen. Samenspende ist erlaubt. Diese gesetzliche Regelung ist ein Problem für Paare oder Frauen, die wegen ihrer Eizellen keine hohe Chance auf Schwangerschaft mehr haben, was durchaus ab Mitte dreißig ein Thema ist. Auch homosexuelle Männer bleiben so kinderlos.

Aber man muss nicht weit reisen, um Hoffnung zu finden. Im Internet bieten Kliniken und Unternehmen alles an, was möglich ist. In Spanien, Polen, Tschechien, Belgien, Großbritannien oder Holland sowie in den USA ist Eizellenspende erlaubt, Leihmütter lassen sich ohne Weiteres in der Ukraine, Griechenland, USA oder England finden. Und das ist ein Geschäft. Mit drei Klicks im Netz lassen sich Sonderangebote für Eizellenspenden finden, die Preisspanne bewegt sich zwischen etwa 4000 zum Beispiel in Tschechien und 40 000 Dollar in Amerika. Eine Leihmutterschaft in Indien ist für etwa 25 000 Dollar zu haben, dort werden Milliarden damit umgesetzt.

Große Fragen für eine kleine Messe

Ungewollte Kinderlosigkeit ist für viele Menschen ein sehr schmerzliches Schicksal. Aber was ist ethisch vertretbar? Wie weit soll Reproduktionsmedizin gehen dürfen? Wann vermischen sich der Wunsch nach einem Kind und der Bau eines Wunschkindes? Darf man die Körper anderer Menschen gegen Bezahlung benutzen, um selbst Eltern zu werden?

Für eine so kleine Messe sind das große Fragen, die auch außerhalb des Berliner Hotels viele Menschen bewegen. Aber die Veranstaltung steht in der Kritik. Der katholische Erzbischof Heiner Koch hat erklärt, er finde es „gut, dass in Deutschland nicht alles erlaubt ist, was medizinisch möglich ist“. Der Berliner Berufsverband der Frauenärzte argumentiert, es handele sich um eine Werbeveranstaltung, bei der keine sachlichen Informationen zu erwarten seien.

Gabriele Ziegler teilt solche Kritik nicht. Sie ist die Vorsitzende des Vereins Wunschkind, der sich seit mehr als zwanzig Jahren als Sprachrohr für die Sorgen von Menschen mit Kinderwunsch versteht. „Die Betroffenen haben nach wie vor viel zu wenig Beratung“, sagt sie. „Sie suchen und brauchen Hilfe. Und sie haben es schwer, mit ihrem Schicksal an die Öffentlichkeit zu gehen, weil so viele Klischees kursieren.“ Viele erlebten Ablehnung. „Wenn die im Freundeskreis von einer Kinderwunschbehandlung erzählen, hören sie, sie ließen sich ein Kind klonen.“ Deshalb begrüßt sie die Messe – als Forum für Austausch, als Instrument zur Enttabuisierung.

Kritiker werfen den Anbietern vor, vor allem kommerzielle Interessen zu haben

Ihr Verein ist genau so vertreten wie das Beratungsnetzwerk Kinderwunsch in Deutschland. Gabriele Ziegler glaubt, dass die Gefahr kommerzieller Ausbeutung durch Transparenz nicht größer, sondern kleiner wird. „Natürlich wird mit Reproduktionsmedizin Geld verdient, aber mit allem anderen doch auch.“

David McAllister hat diesen Dialog schon so oft geführt, dass seine Antwort automatisch kommt: „Hier geht es nicht um Kommerz. Hier geht es ums Elternwerden.“ Der Brite veranstaltet die „Kinderwunschtage“. Mit seiner Firma ist er seit Jahren Profi für Messen in jener Lebenszone zwischen Medizin und Lifestyle, zwischen maximalem Leidensdruck und dem Wunsch nach Daseinsoptimierung. Er hat Messen zu Allergien, Rückenschmerzen und veganem Leben im Programm, zurzeit denkt er über eine zu psychischen Erkrankungen nach. „Hier geht es vor allem um Austausch und Information“, sagt der Veranstalter. „Wir haben viele Beratungseinrichtungen eingeladen.“Als vor zehn Jahren ein Konkurrent in London die erste Kinderwunschmesse anbot, hat sich McAllister geärgert, weil er die Idee zuvor verworfen hatte. Er glaubte damals nicht daran, dass Menschen aus der Anonymität heraustreten und sich in einer Messe­halle versammeln. „Aber der Leidensdruck ist groß – und unsere Vorstellung von Familie ändert sich.“

Die Gesellschaft akzeptiere zunehmend, dass der Begriff sich erweitere: Homosexuelle Paare bekämen Kinder, es gebe Menschen mit Kinderwunsch, die sich entschlössen, Eltern zu werden, ohne eine Beziehung zu führen.

Es ergeben sich viele gesellschaftliche Folgen

Es kann einem schwindelig werden, wenn man sich die vielen Seins- und Lebensfragen überlegt, die sich in der Folge aufwerfen. Zu den wichtigsten gehört die nach dem Recht, das Kinder aus Samen- oder Eizellenspenden auf Informationen zu ihrer Herkunft haben. Wer zu diesem Feld Rat sucht, findet auf der Messe zum Beispiel den Stand von DI-Net – in dem Verband haben sich Familien nach Samenspende organisiert. 1200 Kinder kommen so jedes Jahr allein in Deutschland auf die Welt.

Wie geht man damit um? Die gesellschaftlichen Folgen reproduktionsmedizinischer Möglichkeiten wachsen. Petra Kowalski hat mit einer davon zu tun: Wer Geld bezahlt, bei dem stellt sich – den Regeln des Marktes gehorchend – auch eine entsprechende Ergebnisorientiertheit ein. Kowalski hat sich darauf spezialisiert, Menschen mit Kinderwunsch zu beraten. „Paare wünschen sich ein Kind. Sie tun das so sehr, dass sie über die Folgen, über ihr Leben mit Kind, über Grenzen gar nicht mehr nachdenken.“

Wenn dann eine Fruchtbarkeitsbehandlung nach der anderen bezahlt und absolviert wird, landen die Betroffenen oft in einer Schleife: Die Frauen sind körperlich am Boden, die Beziehung leidet, der Wunsch scheint sich verselbstständigt zu haben. Petra Kowalskis Erfahrung: „Wenn ein Paar schon 40 000 Euro investiert hat, dann muss auch das Kind kommen – und es ist schwierig, Abstand zu nehmen und sich zu fragen: Wo liegt die Grenze?“

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