Chaotischer Haufen: „Die Nachtwache“ von Rembrandt van Rijn, 1642 Foto: Rijksmuseum

Zum 350. Todestag des Künstlers zeigt das Rijksmuseum in Amsterdam „Alle Rembrandts“ der Sammlung. Eine Offenbarung.

Amsterdam - Der Künstler reißt die Augen auf und formt den Mund zu einem staunenden O. Nächstes Bild: Rembrandt lacht breitmäulig. Nächstes Bild: Rembrandt runzelt die Stirn. Nächstes Bild: Rembrandt fletscht die Zähne. Mit einem ganzen Schwarm früher Selbstporträts, allesamt kaum größer als Briefmarken, empfängt das Rijksmuseum seine Besucher zur Ausstellung „Alle Rembrandts“, mit der es seinen größten Künstler zu dessen 350. Todestag in diesem Jahr feiert.

Zu verstehen ist der Titel der Schau ganz wörtlich. Alles, was das niederländische Nationalmuseum von diesem Maler besitzt – und das ist die größte Rembrandt-Sammlung weltweit – präsentiert es in diesem Gedenkjahr in seinen Ausstellungsräumen. Die Museumswerkstatt hatte gut zu tun, um allein die sechzig Zeichnungen und dreihundert Radierungen des Rijks mit Passepartouts und Rahmen zu versehen. Besuchern verschafft die Schau die einmalige Gelegenheit, vier Monate lang die großen Gemälde direkt neben der lichtempfindlichen (und daher selten über einen längeren Zeitraum ausgestellten) Grafik zu sehen, einzutauchen in das Werk dieses überragenden Künstlers und sich von seiner genialen Könnerschaft, seinem Erzähltalent, seiner Zärtlichkeit, aber auch seiner Brutalität ergreifen zu lassen. „Rembrandt geht es nicht um Schönheit“, sagte der Chef des Rijksmuseums, Taco Dibbits, zur Eröffnung, „es geht ihm darum, uns als menschliche Wesen mit unseren Stärken und Schwächen zu zeigen“.

Bettler, Obdachlose, Penner

Angefangen hat der Müllerssohn aus Leiden mit der Erforschung der menschlichen Seele bei sich selbst. Der Blick in den Spiegel zieht sich durch das gesamte Oeuvre, kaum ein anderer Künstler hat sich so oft konterfeit wie dieser. Seine rund neunzig Selbstporträts sind jedoch nicht einer überdurchschnittlich narzisstischen Persönlichkeitsstruktur zu verdanken – Rembrandt, von der Natur mit wirrem Haarmopp und Kartoffelnase ausgestattet, dürfte seine körperlichen Vorzüge wohl kaum überschätzt haben. Nein, er steht sich selbst Modell, zieht Grimassen, übt als No-name-Künstler am Beginn seiner Laufbahn, an der eigenen Physiognomie und an der Familie die Darstellung unterschiedlicher Gemütszustände, experimentiert mit verschiedenen Techniken und Lichtwirkungen wie in dem ebenfalls im ersten Raum zu sehenden, fast völlig verschatteten Selbstporträt von 1628.

In Amsterdam, wohin er 1631 zieht, schätzt man den jungen Maler vor allem als begnadeten Porträtisten. Dieser signiert seine Gemälde fortan selbstbewusst mit „Rembrandt“ – nur mit dem Vornamen, so wie die großen Renaissancemaler Michelangelo oder Leonardo es gemacht haben. Aber während die großartigen Porträts der Amsterdamer High Society und die monumentalen Historienbilder entstehen, ist der Künstler mit seinem Skizzenblock auch in der Stadt unterwegs und zeichnet, was er auf den Straßen sieht: Bettler, Obdachlose, Penner, Marktweiblein am untersten Rand der Gesellschaft, den Rembrandt mit genauem Blick für die Wirklichkeit ins Visier nimmt. Er wendet ihn auch nicht ab, wo andere schockiert weggucken würden. Einen in aller Öffentlichkeit ungeniert pinkelnden Landstreicher hält er mit der Radiernadel ebenso fest wie eine urinierende Magd hinter einem Baum, die sich nervös umschaut. Diesem Künstler ist nichts Menschliches fremd.

Himmelsbote in gleißendem Licht

Und so zeigt diese Schau vor allem eines: die Empathie, mit der Rembrandt seinen Zeitgenossen begegnet, ob reich, ob arm, ob im überlebensgroßen, repräsentativen Format der (erst 2018 erworbenen) Porträts von Marten Soolmans und Oopjen Coppit, den Frischvermählten aus begüterten Familien, oder der Vorsteher der Tuchmacherzunft, oder eben in den kleinen Blättern, die er „naer het leven“ vom Amsterdamer Lumpenproletariat anfertigt. Dieselbe Beobachtungs- und Einfühlungsgabe sind es auch, denen sich die Bilderzählungen verdanken. Die Verkündigung des Engels an die Hirten etwa wird bei ihm zu einem dramatischen Kampf zwischen Hell und Dunkel – des samtigen Dunkels, das mit der Radiernadel kein anderer so hinkriegt wie Rembrandt: Der Himmelsbote erscheint in gleißendes Licht getaucht, während die Männer drunten auf dem Feld samt ihren Tieren in Panik auseinanderrennen. Eine Sensation wie die Geburt Christi, weiß Rembrandt, ist kein alltägliches Ereignis, einfache Hirten kriegen es beim Anblick eines mitten in der Nacht auftauchenden geflügelten Wesens erst einmal mit der Angst zu tun.

Seinem Blick entgehen auch nicht die komischen Seiten des menschlichen Makels. Die „Nachtwache“ zum Beispiel, das immerfort von Besuchertrauben umlagerte Hauptwerk des Rijksmuseums, ist so ein komisches Bild. Man kann das am Vergleich mit den anderen Gemälden von Schützengilden im selben Raum erkennen: Wo andere Künstler die Mitglieder der im 17. Jahrhundert verbreiteten Bürgerwehren als würdige, ordentlich posierende Herrenriege darstellen, ist die Kompanie von Kapitän Frans Banning Cocq und Leutnant Willem van Ruytenburgh bei Rembrandt ein chaotischer Haufen. Die Männer stolpern ins Bild, gucken in alle Richtungen, fuchteln herum, einer verdeckt mit der Hand das Gesicht seines Nebenmanns, und hinter dem Anführer löst sich sogar versehentlich ein Schuss. Die klassische Dreieckskomposition wird hier zur Lachnummer. Im Lichte dieser Ausstellung, die einem noch einmal die Augen öffnet für Rembrandts Humanität, seine Lebenslust, seinen Humor, seinen Realitätssinn, muss man diesen Künstler einfach lieben.

Bis 10. Juni, täglich von 9 bis 17 Uhr. Karten sind über die Internetseite des Rijksmuseums erhältlich und gelten für ein Zeitfenster.

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