Enttäuschung beim VfB Stuttgart nach dem 2:2 im Hinspiel der Relegation gegen den 1. FC Union Berlin Foto: Baumann

Der Klassenverbleib des VfB Stuttgart wird mehr denn je zum Kraftakt. Will der Club in der Bundesliga bleiben, muss sich das Team am Montag in Berlin deutlich steigern. Spieler und Trainer mühen sich um Zuversicht.

Stuttgart - Drüben, auf dem Cannstatter Wasen, ist die Achterbahn längst wieder abgebaut. Wer im Anschluss an das Hinspiel der Relegation 2019 aber in die Gesichter der Beteiligten vor allem aus Stuttgart sah, wusste: das Auf und Ab hatte auch in der Mercedes-Benz-Arena Konjunktur – auf emotionale Art und Weise. Und: Nicht unbedingt zum Vergnügen des VfB Stuttgart.

„Wir haben uns mehr vorgestellt“, klagte Mario Gomez nach dem Remis gegen den 1. FC Union Berlin. Und Christian Gentner, der Spielführer des VfB, meinte: „Es ist kein Traumergebnis.“ Aber, ergänzte Gentner mit ernstem Blick: „Wir sind noch im Spiel.“

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Das galt erst recht in der vorangegangenen Partie. Gleich zweimal nämlich hatte sich der 16. der Fußball-Bundesliga auf dem Weg nach oben gewähnt – oder besser gesagt: auf der Fahrt zur weiteren Zugehörigkeit zum Oberhaus. Der Jubel war riesig, der Lärm ohrenbetäubend, die Kampfkraft, die von den Rängen ausging, riesengroß. Aber: Auf dem Rasen der Mercedes-Benz-Arena wollte sich das Feuer einfach nicht so recht entzünden. Und so kam es, dass die Jungs des 1. FC Union Berlin dem Rückspiel am kommenden Montag (20.30 Uhr/Eurosport Player) freudig und zuversichtlich entgegensehen. „Wir sind zu Hause sehr stark“, sagte der Berliner Spielführer Christopher Trimmel, „unsere Chance ist definitiv da.“ Kein Wunder – nach diesem Spielverlauf. Und nach dieser Leistung.

Union Berlin reicht ein 0:0 oder 1:1

Ein schnödes 0:0 oder 1:1 am Montag – und die Berliner wären erstmals in ihrer Vereinsgeschichte Mitglied der Bundesliga. Und der VfB im Tal der Tränen. An dessen Eingang die Stuttgarter schon am Donnerstagabend standen.

Es lief die 78. Minute, als Sebastian Andersson der Ball am Stuttgarter Strafraum vor die Füße fiel. Der schwedische Stürmer der Berliner überlegte nicht lange, zog ab – und wäre nicht Ron-Robert Zieler dank einer richtig starken Parade noch mit den Fingerspitzen an den Ball gekommen, es wäre ein noch bitterer Abend geworden für den VfB Stuttgart. So ähnlich wie wenig später in der Nachspielzeit, als Zieler noch einmal rettete. Doch auch so gab es wenig Zufriedenstellendes aus Sicht des Favoriten.

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Dieser Rolle nämlich wurde der Bundesligist nie gerecht im ersten Teil des Überlebenskampfes in zwei Akten. Viel Nervosität, wenig Struktur, keine Kreativität – und kaum etwas zu sehen von der Energie, die Trainer Nico Willig („Das haben wir uns anders vorgestellt“) der Mannschaft in den vergangenen Wochen eigentlich eingeimpft hatte. Und doch meinte es das Schicksal gut mit dem VfB. Das erste Mal in der 42. Minute.

Zweimal in Führung, zweimal der Ausgleich

Christian Gentner, der Kapitän, hatte sich in der eigenen Hälfte den Ball erkämpft, Anastasios Donis übernahm das Spielgerät – und sprintete los. Der Grieche ließ alle Berliner stehen und passte am Ende in den Strafraum – wo wieder Gentner zur Stelle war. 1:0. Erleichterung, Jubel – und die sofortige Ernüchterung.

Gerade einmal 87 Sekunden dauerte es, bis der Zweitligist zurückschlug. Anspiel, ein langer Ball, ein gewonnenes Kopfballduell, eine geschickte Drehung – schon lag der Ball nach einem Schuss von Suleiman Abdellahi im VfB-Tor. Eine ganz bittere Pille. Die der VfB sich nach der Pause gleich noch einmal einverleibte.

Der eingewechselte Mario Gomez war es diesmal, der den VfB wieder in Führung gebracht hatte. Diesmal hielt das Glück zwar ein bisschen länger, doch in der 68. Minute ließ sich die Stuttgarter Defensive erneut düpieren. Ozan Kabak ließ Marvin Friedrich nach einem Eckball hochsteigen – und der Union-Abwehrmann nickte ein. 2:2 und damit zwei Auswärtstore der Berliner: Die Stuttgarter Hypothek fürs Rückspiel ist riesengroß.

Gomez ärgert sich über die destruktive Stimmung

Der VfB braucht im ausverkauften Stadion an der Alten Försterei einen Sieg (oder ein 3:3, 4:4 . . .) um diese miserable Saison noch in letzter Sekunde zu retten. Kein Ding der Unmöglichkeit, klar. „Wir haben noch eine zweite Chance“, sagte Gomez, dem die destruktive Stimmung nach dem Hinspiel gar nicht passte: „Wir sind noch nicht abgestiegen.“ Dass soll auch weiter nicht geschehen. Der Klassenverbleib jedoch wird mehr denn je zum Kraftakt – und bedarf einer klaren Steigerung. „Wir fühlen uns jetzt wie ein Boxer, der eine abbekommen hat“, sagte Coach Willig und forderte fürs Rückspiel „mehr Mut“ und „mehr Aggressivität“.

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