Barbara Graf, hier vor dem Hegel-Gymnasium, geht in den Ruhestand. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Zehn Jahre lang war Barbara Graf Rektorin des Hegel-Gymnasiums, sechs Jahre lang streitbare Geschäftsführende Schulleiterin der Gymnasien. Die Pensionärin kämpfte darum, die Interessen der Kinder höher zu bewerten als das Abitur. Nun blickt sie nach vorn.

Stuttgart - Nichts kommt ohne Interesse zustande, schrieb Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831). Er ist Namenspatron des Gymnasiums in Vaihingen, wo Barbara Graf (65) Rektorin ist. Zehn Jahre lang hat die gebürtige Hannoveranerin Hegel beim Wort genommen, jetzt geht sie in den Ruhestand.

„Ich bin auf vieles stolz, was wir erreicht haben“, sagt sie und legt eine Liste ihrer „Leuchttürme“ auf den Tisch. Darunter das Projekt Startklar. „Die Schüler sollen sich in der 9. Klasse fragen: Was kann ich? Was interessiert mich? Und sie sollen im Lauf dieses Schuljahres daraus Berufsmöglichkeiten und Praktika ableiten“, erläutert sie. Viele Bildungspartnerschaften mit schulnah ansässigen Firmen und Institutionen haben die Idee mit Leben gefüllt und Schüler beruflich dort hingeführt, wo ihre Interessen lagen.

Zahl psychisch belasteter Schüler steigt

Obwohl sie das klare Profil ihres Gymnasiums streitbar verteidigt hat – Barbara Graf ist keineswegs in einer Einbahnstraße unterwegs: „Wir brauchen den gesellschaftlichen Diskurs darüber, dass das Selbstwertgefühl eines Kindes von der Entfaltung kreativer Kräfte abhängt und nicht von Mathematiknoten.“ Die Zahl psychisch belasteter Schüler sei signifikant nach oben gegangen wegen des Drucks, das Abi zu machen. Insofern ist sie um jeden froh, der seine Neigungen rechtzeitig erkennt, auch wenn er mit der mittleren Reife die Schule verlässt. „Mich interessiert das Glück der Kinder. Ich wünschte, auch Eltern wünschten das.“

Die Germanistin und Politikwissenschaftlerin verströmt in hektischen Zeiten, in denen Kinder auf Höchstleistung getrimmt werden, Ruhe, Haltung und einen sachlichen, streitbaren Geist. Die Parteiarbeit bei den Grünen war dafür ein gutes Training. Von Mai 1993 bis April 1997 gehörte sie zusammen mit Winfried Hermann, dem heutigen baden-württembergischen Verkehrsminister, zum Landesvorstand der Partei. Basisdemokratie war das Ziel und blieb es auch beruflich: „Ich habe Eltern eingeladen, sich an der pädagogischen Entwicklung der Schule zu beteiligen. Eltern wollen ganz genau wissen, was an der Schule passiert, ihre Meinung sagen und eingreifen.“ Voller Stolz sagt sie: „Es gab null Prozesse in meiner Zeit als Rektorin.“

Verschleppte Sanierungen schlagen ihr auf den Magen

Am Hegel-Gymnasium lernen alle voneinander: die Lehrer im Tandem-Unterricht, die Schüler in einem Curriculum, wie man richtig lernt, und die Schüler in AGs, deren Vielfalt überrascht. „Die Lehrer haben eine höhere pädagogische Kompetenz denn je, die Schüler eine ungeheure Routine bei Präsentationen. Das soll denen erst mal einer nachmachen“, räumt sie Klagelieder der Bildungsbürger und Meckereien über Rechen- und Rechtschreibfehler vom Tisch.

Ihre Berufserfahrung als Lehrerin in Backnang und Ditzingen, als Rektorin am Paracelsus-Gymnasium in Plieningen und seit 2007 am Hegel-Gymnasium, ihre Systemkenntnis und ihre Gelassenheit sind unabdingbare Eigenschaften einer geschäftsführenden Schulleiterin. Seit 2011 war sie im Amt, aber sie habe selten einen schweren Stand gehabt: „Die Wahrnehmung von Bildung im Gemeinderat und in der Verwaltung ist hoch .“ Nur die verschleppten Schulsanierungen (siehe Artikel oben) „schlagen mir voll auf den Magen“.

Ihr Blick richtet sich jetzt nach vorn: „Ich freue mich auf sehr viel freie Zeit, auf meine sechs Enkelkinder, auf Kultur, aufs Lesen, die Alpenüberquerung mit dem Rad und auf mein Abschiedsfest: Da will ich die Rolling Stones hören und meine Kollegen zum Tanzen bringen!“

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