Der große Filmemacher Jiri Menzel 2007 auf der Berlinale Foto: dpa/Gero Breloer

Sein internationaler Ruhm kam schon in den 60er Jahren: Der junge Jiri Menzel machte ganz andere Filme, als die sozialistische Kulturbürokratie der Tschechoslowakei haben wollte. Nun ist der große Filmemacher gestorben.

Prag - Es war hintersinniger Humor, der die Filme des Regisseurs Jiri Menzel stets auszeichnete. Als der Fahrdienstleiter Hubicka in der Oscar-gekrönten Komödie „Liebe nach Fahrplan“ 1966 einem jungen Mädchen seinen Eisenbahnerstempel auf den nackten Po drückte, war das eine kleine Provokation in einer prüden sozialistischen Gesellschaft. Und es wurde in der damaligen Tschechoslowakei auch als Anklage der allgegenwärtigen Bürokratie gelesen. Am Samstagabend ist der Theater- und Filmregisseur nun im Alter von 82 Jahren gestorben, wie seine Frau Olga auf Facebook bekannt gab.

Entlarvung der Scheinmoral

Als Menzel für seine Tragikomödie über das Leben auf einer kleinen Bahnstation während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg 1968 einen Oscar entgegennimmt, ist er zwar erst 30 Jahre alt. Er war da aber schon eine Weile einer der Hauptprotagonisten der Neuen Welle des tschechoslowakischen Films. Sie zeichnete sich durch ausgesprochene Experimentierfreudigkeit aus: Improvisierte Dialoge, schwarzer Humor, die Besetzung mit Laienschauspielern und die Entlarvung der Scheinmoral - all das grenzte sie vom sozialistischen Aufbaufilm ab.

Wie viele seiner späteren Filme beruhte auch „Liebe nach Fahrplan“ auf einer Literaturvorlage des Schriftstellers Bohumil Hrabal (1914-1997). In ihm schien Menzel einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Im Jahr 2006 gelang es ihm endlich nach langem Streit um die Filmrechte, Hrabals Roman „Ich habe den englischen König bedient“ auf Zelluloid zu bannen. Die Geschichte des Jan Dite, der vom Würstchenverkäufer zum Millionär aufsteigt, lobten Kritiker als „Abschluss eines meisterlichen Lebenswerks“. Die Hauptrollen besetzte Menzel mit Oldrich Kaiser und der Deutschen Julia Jentsch.

Film im Tresor weggesperrt

Der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei schlug im August 1968 die Demokratiebewegung „Prager Frühling“ nieder. Nun war auch wieder Schluss mit künstlerischer Freiheit, wie auch Menzel zu spüren bekam. Sein 1969 fertiggestellter Film „Lerchen am Faden“ nach Motiven einer weiteren Hrabal-Erzählung landete für die nächsten zwanzig Jahre im Tresor. Zu weit ging den Machthabern die Kritik an den Zuständen im Land. Nach der Wende bekam Menzel für die Politiksatire nachträglich den Goldenen Bären der Berlinale.

Menzel war auch vor der Kamera aktiv und trat in den 1980er Jahren in deutschen und ungarischen Filmen auf. Der Sohn eines Kinderbuchautors hatte sich seit seiner Jugend für Literatur und Theater interessiert. Aus einem seiner letzten Interviews war ein gewisser Frust herauszuhören. „Die Filme, die wir in den 60er Jahren gemacht haben, sind passé. Der Zuschauer hat sich verändert, und ich kann dem nicht mehr ganz folgen“, sagte Menzel.

Hilfe von Fabrikarbeitern

Seine Liebe zu den Frauen war ein Markenzeichen der Filme von Jiri Menzel. Doch im richtigen Leben habe ihm das Selbstvertrauen gefehlt, sagte er: „Ich hatte immer Angst vor den Mädels - ich mochte sie, aber sie haben sich über mich lustig gemacht.“

Die gewagte Stempelszene aus Menzels melancholisch-sentimentalem Meisterwerk „Liebe nach Fahrplan“ wäre damals fast der Zensur zum Opfer gefallen. „Sie müssen das rausschneiden“, habe man ihm gesagt, erinnerte sich Menzel später. Er habe den Direktor des sozialistischen Filmstudios überreden müssen, eine Probevorführung vor Fabrikarbeitern zu veranstalten. Das Ergebnis war eindeutig: „Alle haben gerufen, dass die Szene drinbleiben muss.“

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