Das erste Neue Testament in koreanischer Sprache, 1887 Foto: © Bodleian Library, Oxford

Der nationale Ausstellungsmarathon zum Reformationsjubiläum hat begonnen – Berlin macht den Auftakt

Berlin - Es rauscht, rumort und rumst, es wummert und schallt, und zwischendurch erklingt auch mal ein Glockenton. Durchaus ein wenig beunruhigend ist der Weg, den der Besucher zum Auftakt der Ausstellung „Der Lutherffekt“ in Berlin zurücklegen muss. Es geht im Lichthof des Martin-Gropius-Baus durch eine imposante Installation von Hans Peter Kuhn, einen Wald aus 200 weiß lackierten, ebenso streng regelmäßig gehängten wie dynamisch versetzten Aluminiumröhren nebst einem sphärischem Soundtrack. Dort muss man hindurch, um zum ersten Schauobjekt zu kommen. Diese Sinnes­verwirrung gibt eine leise Ahnung von jenem Aufruhr, dem Gefühlssturm, der maßlosen Verunsicherung, die Anfang des 16. Jahrhunderts in vielen Teilen Europas geherrscht haben müssen, als die Reformation das Gottes- und das Weltbild der Menschen radikal auf den Kopf stellte.

Der Museumsmarathon zum 500-Jahr-Jubiläum der Reformation in Deutschland hat begonnen. Drei Ausstellungen von nationalem Rang eröffnen nun und warten bis über den Stichtag 31. Oktober hinaus auf Besucher aus aller Welt. Zwei große Projekte in Wittenberg und auf der Wartburg werden sich mit Leben und Werk Martin Luthers befassen. Den Auftakt in Berlin macht eine Schau des Deutschen Historischen Museums im Martin-Gropius-Bau, die sich mit der Ausstrahlung und den weltweiten Folgen des Thesenanschlags von 1517 befasst: „500 Jahre Protestantismus in der Welt“, so lautet der Untertitel.

Was das Reformationsgeschehen selbst angeht, die Ereignisse also im 16. Jahrhundert, gibt es in der Hauptstadt für die Besucher nur einen knappen Grundkurs. Bücher, Schriften und Gemälde illustrieren das Nötigste, was man zu den religiösen Neuerungen jener Zeit wissen muss: eine Ausgabe mit Luthers Thesen, ein Druck von Calvins Unterweisungen, zwei Ofen­kacheln mit Bildnissen von Verfechtern der Erwachsenentaufe, ein Bildnis vom sterbenden englischen König Heinrich VIII., dem Begründer der anglikanischen Staatskirche – das ist so knapp, dass es nicht schaden kann, von alldem im Schulunterricht schon mal gehört zu haben.

Gustav II. Adolf wurde zum „lutherischen Heiligen“

Da ist dann eben nur zu ahnen, dass all die Ideen und Debatten, für die diese Bücher, Stücke und Gemälde stehen, nicht nur von der Befreiung des Individuums zeugen, von erhebender Selbstreflexion und wachsender Autonomie, also von der Morgen­röte der Neuzeit – sondern auch von Streit, Gewalt, Krieg und Tod. Es geht in dieser Zeit eben auch, von fern ist noch leise die Kakophonie der Klanginstallation im Ohr, um Angriffe und Wortgefechte, um Hetze und Verteufelung, um zerstörte religiöse Kunst, um Zwangstaufen, um soziale Un­ruhen und Hetze gegen Minderheiten. So wie jede Religion dieser Welt zeigt auch das Chri­stentum an dieser Stelle sein Potenzial von Kraft und Fortschritt ebenso wie von Mord und Totschlag. Doch der „Luther­effekt“ interessiert sich weniger für diese Doppelgesichtigkeit, sondern mehr für die globale Schau.

Am Beispiel von vier Ländern, und das ist der Schwerpunkt in Berlin, beleuchtet die Ausstellung die Wirkungsgeschichte der Reformation in der Welt. Und diese vier Beispiele sind in ihrer Verschiedenartigkeit wirklich klug gewählt: In Schweden wird der Protestantismus zur Staatsreligion, in den USA zur Basis der politischen Kultur der Gründerväter, nach Tansania kommt das Luthertum im Gepäck der Kolonisten und Missionare, und in Südkorea sind die Evangelischen eine Boomreligion.

1527 erklärt der schwedische König Gustav Wasa die kirchliche Trennung von Rom, 1593 erklärt der Reichstag in Uppsala das lutherische Bekenntnis als verpflichtend für alle Untertanen. Im Dreißigjährigen Krieg wird Gustav II. Adolf, der „Löwe aus dem Norden“, zum militärisch ebenbürtigen Gegenspieler des katholischen Kaisers und dank seiner Siege zum „lutherischen Heiligen“. Die zahlreichen Prunkstücke in diesem Teil der Schau zeugen natürlich nicht nur von der Ernsthaftigkeit des schwedischen Bekenntnisses, sondern auch von der engen Verquickung von Religion und Politik. Der Kampf um den wahren Glauben ist auch ein Kampf um Macht. Schweden gewinnt dank seiner Staatsreligion in dieser Zeit den Rang einer europäischen Großmacht.

Eine eher lehrreiche als lukullische Schau

Die USA sind durch ihre (weiße) Einwanderungsgeschichte auch ein zutiefst religiöses Land. Scharen verfolgter Protestanten kommen als Auswanderer über den Atlantik in der Hoffnung, in der Neuen Welt ihre religiösen Ideale im Alltag in aller Reinheit verwirklichen zu können. Nun hat Reinheit immer den Anspruch auf Exklusivität, doch die Vielzahl der Bekenntnisse selbst im weiten Raum funktioniert nur durch möglichst weitgehende Toleranz untereinander. Diese einander widersprechenden Tendenzen führen zu einem Paradoxon: Die USA werden ein Staat, der in der Politik konsequent Staat und Kirchen trennt, und doch in seiner politischen Kultur und seinem Alltag viel tiefer kirchlich-religiös geprägt ist als die meisten anderen Länder der westlichen Welt.

Die Berliner Ausstellung ist für den Besucher eher lehrreich als lukullisch, aber sehr modern und abwechslungsreich aufbereitet und zweifellos informativ – doch in der Fülle der Details eher eine Phänomenologie als eine kritische Einordnung. Unangenehme Begleiterscheinungen der Verquickung von Religion und Politik wie beispielsweise der kulturelle Kampf gegen die Minderheit der Samen in Schweden oder die Verquickung von Mission und Kolonialismus in Afrika kommen vor, stehen aber auch irgendwie ganz für sich.

Die Kontroverse wird ausgespart

Das Ziel scheint zu sein, eine möglichst große Besucherschar erst einmal neugierig auf das Thema Reformation zu machen, bevor gleich wieder die große Kritikkeule geschwungen wird. Dabei bleibt aber die zweifellos spannende Debatte ausgespart, ob uns der „Luthereffekt“ mit all seinen Aspekten von Theologie und Politik auch etwas lehren kann für unsere aktuellen Debatten über das Verhältnis von Religion, Moderne, Toleranz und Gewalt.

Immerhin, auch zum Ausklang gibt es interessante Töne: einen Film vom Chorfestival der lutherischen Kirche in Usagatikwa in Tansania am 17. Juli 2016. Wie sich da plötzlich in schönster Kleidung ein gemischter schwarzafrikanischer Posaunenchor aufbaut und in aller Festlichkeit einen alten Gesangbuch-Choral darbietet – das illustriert den Luthereffekt auf aus­gesprochen anrührende Weise.

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