Tausende Jugendliche haben am zweiten Tag der Reformationsfeier am Sonntag den Schlossplatz ­bevölkert – und alle waren bester Stimmung. Foto: Lichtgut / Oliver Willikonsky

Die evangelische Landeskirche Württemberg kann ihre Reformationsfeier als Erfolg verbuchen. Tausende Besucher haben sich am Wochenende auf dem Schlossplatz versammelt.

Stuttgart - Es war so viel geboten bei der Reformationsfeier der Evangelischen Landeskirche Württemberg am vergangenen Wochenende, dass man schnell den Überblick verlieren konnte. Musik an allen Ecken, Informationsstände überall, Mitmachaktionen, Diskussionen, Gottesdienste, Auftritte von Politikern – und nicht zu vergessen die kulinarischen Genüsse von der Reformationswurst über Maultaschen bis hin zur vegetarischen Quiche.

Alexandra hat „schwer gesündigt“

Alexandra Arnold hat für all diese Angebote erst einmal keine Augen und keine Ohren. Die 34-jährige geistig behinderte Schauspielerin muss sich auf ihren Auftritt konzentrieren. „Ich habe nämlich gesündigt, ich habe einen Mann verführt, den Nachbarn“, sagt sie. Alexandra und ihre geistig behinderten Schauspielkolleginnen und -kollegen führen mit nicht behinderten Schauspielern ein Stück auf, in dem der Ablasshandel thematisiert wird. Die integrative Theatergruppe vom Bruderhaus in Reutlingen hat seit September 2016 an dem Stück gearbeitet. Und sie macht ihre Sache großartig, der Applaus ist hochverdient. Vier Taler musste Alexandra bezahlen, auf dass ihre Seele aus dem Feuer springe, ehe ein Kollege als Martin Luther den Tisch auf der Bühne umstößt und ruft: „Gottes Barmherzigkeit kann man nicht kaufen.“

Wohl selten bekommt man derart viele gut gelaunte Jugendliche zu sehen, die nicht auf ihr Smartphone starren, sondern wie am Sonntag auf dem Schlossplatz Johannes Falk und seiner Band lauschen, sich unterhalten, still mit sich sind oder fröhlich scherzen. Auch Emma hat keine Zeit fürs Handy. Die junge Frau drückt ihren Vornamen mit einem Werkzeug und einer Schablone in ein Stück Karton. Das konnte man am Stand des evangelischen Blinden- und Sehbehindertendienstes tun. Die blinde Dorothea Holzäpfel aus Remshalden liest die Kartons dann mit den Fingern. Natürlich liest sie „Emma“. Schwieriger wird es bei zwei chinesischen Touristen. Doch auch hier entziffert Dorothea die Blindenschrift: „Yun und Xuesong!“

20 000 Besucher hören auch ernste Worte

Mehr als 20 000 Menschen haben die Reformationsfeier besucht. Und sie hörten auch ernste Worte. Der Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg, Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, kritisierte die Angstmacherei, die durch Populisten in Deutschland betrieben werde. „Angst darf nicht zur Hetze werden“, sagte Kaufmann. Die Stuttgarter Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) warb dafür, Kinder ohne Angst vor der Zukunft zu erziehen. Und auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) gab zu bedenken: „Der Sinn von Politik ist Freiheit, wie die Philosophin Hannah Arendt gesagt hat.“ Offen, verschieden und fröhlich würden die Menschen auf dem Schlossplatz feiern. Populisten dagegen würden das Zusammenleben von Gleichen propagieren. „Nur der Mensch wird geduldet, wie man ihn sich vorstellt“, kritisierte Kretschmann.

Württembergs evangelischer Landesbischof Frank Otfried July forderte Christen auf, sich im Einsatz gegen Rüstung und Bürgerkriege und im gesellschaftlichen Streit um Werte mit anderen auf den Weg zu machen und zu beten. Jesus Christus mache Mut zu diesem Engagement.

Bei den Judoka geht’s handfest zu

Der schönen Ideen und Aktionen waren viele. So suchen die Pfarrerinnen Cornelia Reusch und Claudia Feine aus Esslingen Freiwillige, die dementen Menschen im Pflegeheim ein Lied zur Nacht singen. Handfester geht es bei Michael Lautsch vom KSV Esslingen und Jaime Aguilar von der Diakonie Esslingen zu. Sie trainieren geistig behinderte Menschen im Judo. Die Gruppe steigt neben der Hauptbühne auf die Matte und demonstriert ihr Können.

Am Samstagabend begeisterte Laith Al-Deen mit seiner Band die Besucher, am Sonntag tat es ihm die Band Glasperlenspiel gleich. Das hat auch Pfarrer Christian Leidig und seinen Mitfahrern gefallen. Die mehr als 100-köpfige Gruppe war auf einer Fahrrad-Sternfahrt, bei der auch Menschen mit Behinderung dabei waren, auf den Schlossplatz gekommen. „. . . da ist Freiheit“ lautete das Motto der Reformationsfeier. Die mehr als 20 000 Besucher und 400 zum Teil ehrenamtlichen Helfer haben es genossen.

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