Die Medizinerin Rhona Mahony, der irische Gesundheitsminister Simon Harris und eine Medizinstudentin (von links) werben für ein Ja, doch die Gegner des Referendums machen ebenfalls mobil. Foto: dpa

Am Freitag entscheiden die Iren darüber, ob das Abtreibungsverbot in ihrem Lande aufgehoben wird. Das wäre eine Revolution.

Dublin - Im Nordwesten Irlands, auf dem Weg von Sligo nach Bundoran, haben Autofahrer auf der Nationalstraße N15 vorige Woche nicht schlecht gestaunt. Am Tafelberg Ben Bulben waren über Nacht zwei riesige weiße Lettern erschienen, die sich ausnahmen wie ein Fingerzeig Gottes. „NO“ war das Wort. Was damit gemeint war, wusste natürlich jeder vor Ort. Die Iren sollten mit Nein stimmen an diesem Freitag, beim Referendum zur Aufhebung des irischen Abtreibungsverbots. Für die Botschaft hatten die sogenannten Pro-Life-Aktivisten gesorgt, die darauf hoffen, dass ihre Landsleute mit „No“ stimmen werden – gegen die geplante Reform. Der Gemeinderat ließ die beiden Buchstaben eilends abtragen. Mary Casserly, eine Gemeinderätin, stöhnte: „Die Leute werden froh sein, wenn dieses Referendum ausgestanden ist.“

Casserlys Meinung dürften viele teilen. 35 Jahre nach dem ursprünglichen Abtreibungsreferendum, das der Republik Irland eines der schärfsten Abtreibungsverbote der Welt bescherte, hat der aktuelle Revisionsversuch erneut viel Zwist ausgelöst. Seinerzeit, im Jahr 1983, hatte die damals noch alles dominierende römisch-katholische Kirche erreicht, dass das gesetzliche Abtreibungsverbot per Volksabstimmung in die Verfassung aufgenommen wurde. Der Zusatz 8 bestimmt seither, dass das Leben eines Fötus dem der Frau, die ihn trägt, gleichgestellt ist. Nur bei ausdrücklicher Lebensgefahr für die Schwangere ist Abtreibung erlaubt, nicht aber bei „bloßen“ Gesundheitsproblemen der Schwangeren oder lebensgefährlichen Missbildungen des Fötus. Mädchen und Frauen, die vergewaltigt worden sind, müssen aus solchen Gewaltakten hervor gehende Kinder austragen. Ärzte und Patienten, die gegen das „Achte Amendment“ verstoßen, sehen sich mit einer Gefängnisstrafe von 14 Jahren bedroht.

Abtreibung kann auch bei einer Fehlgeburt verweigert werden

Schreckliche Vorfälle haben die Härte dieser Verfassungsklausel illustriert. Einer der krassesten Fälle war der einer 31-jährigen Inderin, selbst Ärztin, der ein Abbruch verweigert wurde, obwohl sie inständig darum bat – und sich offenkundig in einem kritischen Zustand befand, als sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die Ärzte diagnostizierten eine beginnende Fehlgeburt, weigerten sich aber, eine Abtreibung des Fötus vorzunehmen, da dessen Herz noch schlug. Eine Krankenschwester erklärte Savita Halappanavar, dass ein Eingriff nicht möglich sei, „weil wir ein katholisches Land sind“. Halappanavar starb wenige Tage später an einer Blutvergiftung. Amnesty International sprach von „mittelalterlichen Zuständen“. Die Vereinten Nationen haben Irlands Umgang mit Frauen „unmenschlich“ und „grausam“ genannt.

Enorme soziale Folgen hat der Verfassungszusatz jedenfalls gezeitigt. Etwa 170 000 Mädchen und Frauen sollen über die Jahre zu einem Schwangerschaftsabbruch nach Großbritannien oder in andere europäische Länder mit liberaleren Gesetzen gereist sein. Der endlose Zug der Hilfesuchenden ins Ausland – es sollen noch immer Tausende von Irinnen sein jedes Jahr – wird seit der Aufnahme neuer Zusätze von der Verfassung ausdrücklich gebilligt. Nur im eigenen Land dürfen sie nicht abtreiben. Auch Abtreibungspillen, per Post aus dem Ausland bezogen, sind strikt illegal.

Ziel des Ja-Lagers: ein ähnliches Gesetz wie in Deutschland

All dies Elend hat nach und nach zu neuen Reformbestrebungen geführt. Mit dem schwindenden Einfluss der Kirche, vor allem nach der Enthüllung so vieler Fälle von Kindesmissbrauch durch Priester, haben die Befürworter einer Liberalisierung Aufwind verspürt. Eine von der vorigen Regierung einberufene „Bürgerversammlung“, die Änderungsvorschläge ausarbeiten sollte, erwies sich als unerwartet reformfreudig. Und der jetzige Taoiseach (Regierungschef) Irlands, Leo Varadkar, seines Zeichens Mediziner und vormals Gesundheitsminister, wagte dieses Jahr den entscheidenden Schritt. Varadkar rief, zusammen mit seinem Fine-Gael-Kabinett, das neue Referendum aus, das den Zusatz aus der Verfassung löschen und die künftige Regelung der Abtreibungspraxis ans Parlament übertragen soll.

Gedacht ist an eine Zwölf-Wochen-Frist, wie sie in den meisten europäischen Ländern üblich ist, und danach an abgestufte, medizinisch gerechtfertigte Möglichkeiten von Eingriffen – für Irland eine Revolution. Varadkar sprach von „einer Entscheidung, wie es sie nicht wieder geben wird für unsere Generation“. Jeder wisse, dass Abtreibung „auch in Irland eine Realität“ sei. Man müsse das „jetzt akzeptieren und es vernünftig regulieren“.

Gegner: Feuer wird vom Himmel regnen

Auf der Gegenseite hat der Vorstoß Entrüstung provoziert – und das Gefühl, „zum letzten Gefecht“ um eine höhere moralische Ordnung anzutreten. Abtreibung sei „eine kriminelle Praxis, die den Gesetzen der Moral widerspricht“, verkündete Bischof John Kirby, Oberhirte der Diözese von Clonfert. Tausende junger Aktivisten, oft mit religiösem Hintergrund und häufig mit finanziellen Ressourcen aus auswärtigen Quellen, haben sich seither „in die Schlacht“ geworfen. Varadkar bekam Briefe, in denen steht, dass „Feuer vom Himmel regnen“ werde, falls die Welt „die Sünde der Abtreibung“ nicht für immer stoppt. Überhaupt sind die Abtreibungsgegner in ihrer Wortwahl nicht zimperlich, wie ihre Plakate zeigen: „In England wird jedes fünfte Baby abgetrieben – bringt so etwas bloß nicht nach Irland!“ – das weckt alte nationale Ressentiments. „Ich bin neun Wochen alt und kann schon gähnen und kicken“, steht auf einem anderen Plakat neben einem Fötus im Großformat. Rhona Mahony, Direktorin der Nationalen Mutterschafts-Klinik Dublins und eine Leitfigur des Reform-Lagers, bedauert, dass „Plakate wie die von 1983“ an den Laternenpfählen hingen.

Einige Rückschläge mussten die „Pro-Lifer“ hinnehmen. Zuerst eröffnete ihnen der Verband katholischer Priester, es sei unakzeptabel, dass einzelne Pfarrgemeinden es Aktivisten erlaubten, ihre „Botschaft“ von der Kanzler herunter zu verbreiten wie früher. Dann verbot Google auf seiner Plattform Referendums-Anzeigen, die von ausländischen Interessensgruppen bezahlt waren. Facebook bannte wenig später gleich alle Werbung, die mit dem Referendum zu tun hatte.

Bei den Umfragen geben sich viele unentschlossen

Dennoch ist es den Reformern bewusst, dass sie noch verlieren können. Letzte Umfragen sagen ihnen keinen sehr großen Vorsprung voraus. Und die Zahl derer, die angeben, sich nicht entscheiden zu können oder ihr Votum für sich behalten möchten, liegt zwischen 15 und 20 Prozent. Varadkar gestand, er fürchte Schlimmes für Irlands Frauen, wenn das Referendum verloren gehe. Klinikdirektorin Mahony wiederum fände es „katastrophal“, wenn die Reform jetzt nicht käme. „Dann müssten Frauen weiter sterben, bevor ihnen ärztliche Fürsorge zuteil werden kann. Dann gäbe es weiter Backstreet Abortion, illegale Abtreibung. Und wir würden Frauen weiter massenhaft ins Ausland treiben.“

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