Muntere Debatte am Konferenztisch (oben) mit Lokal-Chef Holger Gayer (links), Christoph Doll und Angela Hantke vom Lehn (rechts) sowie (unten, von links) Astrid Riehle, Dagmar Hempel, Matthias Vosseler und Martin Haar. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Beim Besuch der Stadtleben-Redaktion kündigeten die drei Stuttgarter City-Pfarrer Matthias Vosseler (Stiftskirche), Eberhard Schwarz (Hospitalkirche) und Christoph Doll (Leonhardskirche) an, sich in Zukunft politisch einmischen zu wollen: „Wir wollen Stachel im Fleisch der Gesellschaft sein.“

S-Mitte - Gottesdienst, Taufe, Konfirmation, Hochzeit. Für kirchlich sozialisierte Menschen sind das Wegmarken und Feste ihres Lebens. Die Trauung in Weiß gehört dazu. Die Farbe des Brautkleids hat sich im Wandel der Zeit, der Säkularisierung, kaum verändert. Aber den Bund der Ehe schließt heute keiner mehr zwangsläufig unter dem Segen Gottes.

Die Kirche befindet sich daher auf einem dauernden Rückzugsgefecht. Was sich auf dem Land noch nicht so drastisch darstellt, ist in der Stadt längst ein veritables Problem geworden. Man muss also kein Ketzer sein, um sich die Frage zu erlauben: „Braucht man die evangelische Kirche in der Stadt überhaupt noch?“

Der Lokalchef der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten, Holger Gayer, stellt diese pointierte Frage den Vertretern der Citykirchen, die zu einem Austausch in die Stadtleben-Redaktion am Hans im Glück-Brunnen gekommen sind. Wer annimmt, die Pfarrer Eberhard Schwarz (Hospitalkirche), Christoph Doll (Leonhardskirche) und der Stiftspfarrer Matthias Vosseler seien angesichts einer zu vermutenden Impertinenz seitens des Journalisten die Spucke weggeblieben, irrt. Die Silben des city-pastoralen Selbstverständnisses flogen wie wild durch die Redaktionsstube. „Der Gottesdienst und die Seelsorge sind immer noch unsere eigentliche Aufgaben“, beginnt Eberhard Schwarz den Reigen, „da sitzen wir gerade in der Stadt mit dieser extrem bunten Gesellschaft an einem Tisch. Da helfen wir Menschen, sich in allen Lebenssituationen zu orientieren.“ Und damit klar wird, dass es hierbei um keine Floskel handelt, merkt Schwarz an: „Da sind wir gefragt wie nie. Diese Begegnungen sind sehr herausfordernd.“ Sein Kollege Doll nickt zustimmend: „Das Geschäft geht uns wirklich nicht aus.“

Die Kürzungen des Pfarrplans schmerzen

Soll heißen: Gerade in der Stadt, dem Schmelztiegel unterschiedlichster Kulturen, Menschen und auch Religionen, sind die drei City-Kirchen mit ihren unterschiedlichen Schwerpunkten (Bildung, Diakonie, Musik) so gefragt wie selten zuvor. Das Problem sei laut Pfarrer Schwarz nur, dass die Arbeit zwar anspruchsvoller werde, aber das Personal weniger: „Wir erleben, dass das öffentliche Leben zunehmend auf der Plattform Innenstadt stattfindet, aber wir durch den Pfarrplan 2024 eine ganze Stelle verlieren. Damit wird unsere Arbeit geschwächt.“ Damit kein falscher Verdacht aufkommt: Freilich verlieren auch die drei Gemeinden in der Stadt wie alle christlichen Kirchen Mitglieder. In der Stadt zeichnet sich ein außergewöhnliches Phänomen ab. „Sobald die Leute in die City ziehen, treten sie aus“, erklärt Matthias Felsenstein, Kirchengemeinderatsvorsitzender der Hospitalkirche, „die alten parochialen Strukturen passen da nicht mehr.“

Dies bedeute aber nicht, dass diese Christen die Angebote der Kirchen nicht mehr wahrnehmen. Im Gegenteil. Bei manchen ist sogar das Engagement innerhalb der Gemeinde größer als bei gewöhnlichen Mitgliedern. Felsenstein kann über die Gründe dieser hohen Austrittsquote nur spekulieren. Aber er und die drei Pfarrer haben ein gutes Gespür für die Motivation dieser „neuen“ Christen: „Sie haben weniger starke Bindungen und wollen die Kosten des teuren Stadtlebens abfedern, indem sie keine Kirchensteuern mehr zahlen“, ahnt Felsenstein. Pfarrer Doll glaubt indes, dass auch die landessynodale Entscheidung, gleichgeschlechtliche Paare nicht in der Öffentlichkeit segnen zu dürfen, eine Rolle spielt: „Für viele Menschen ist diese Entscheidung ein Affront.“

Frei nach Bonhoeffer: Wer fromm ist, muss politisch sein

Für alle drei City-Pfarrer ist damit klar: Ihr Auftrag ist wichtiger denn je. In erster Linie in der Verkündigung des Evangeliums – auch im politischen Kampf um zukunftsfähige Strukturen innerhalb des Kirchenkreises Stuttgart und in dem politischen Kampf um Gerechtigkeit in der Stadt. Frei nach dem Vorbild des von den Nazis hingerichteten Protestanten Dietrich Bonhoeffer denkt auch Pfarrer Christoph Doll: Wer fromm sei, müsse auch politisch sein. „Wir müssen Stachel in der Gesellschaft sein“, ruft Doll in die Runde.

Diesem Appell wollen sich Vosseler und Schwarz anschließen. Jeder auf seine Weise. Doll, dem die soziale Schieflage durch seinen Standort immer wieder sehr drastisch vor Augen geführt wird („An den Armen der Leonhardskirche stöckeln die Reichen mit ihren 17 Einkaufstüten in Richtung Züblin-Parkhaus vorbei“), fordert daher von seiner Kirche schlagkräftigere Strukturen: „Dafür sollten wir die Diakoniepfarrstelle und die Pfarrstelle der Leonhardskirche zusammenführen.“ Matthias Vosseler will in der Stiftskirche das schaffen, was Landesbischof July vor der Herbstsynode und im Streit um die Homosegnung nicht gelungen ist: Er will die in Liberale und Konservative gespaltenen Protestanten zusammen mit Prälatin Gabriele Arnold durch Aktionen und Diskussionen einen. „Wenn wir das in unserer disparaten Stiftskirche schaffen“, sagt Vosseler, „ dann schafft es auch die ganze Landeskirche.“

Womit bewiesen scheint: Die City-Kirchen, vor allem aber die Stiftskirche, besitzen weiterhin eine hohe Strahlkraft. Und an deren Daseinsberechtigung dürften nach diesem Redaktionsbesuch kaum noch Zweifel herrschen. Zumindest haben die Argumente Lokal-Chef Holger Gayer überzeugt. Er verabschiedete die Besucher mit einer Aufforderung: „Ich glaube, dass die Kirche ein unglaublich wichtiges Sprachrohr in der Stadt sein kann. Nutzen Sie diese Möglichkeit!“

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