Musik ohne Musiker: Rebecca Horn erinnert mit dem „Turm der Namenlosen“ (1994) an NS-Opfer. Foto: VG Bild-Kunst/Markus Tretter

Rebecca Horn hat sich in ihren Installationen auch gern über die Vorstellung männlicher Genies lustig gemacht. Man kann aber viel mehr in ihrem Werk entdecken. Eine Schau in München würdigt die Künstlerin zu ihrem 80. Geburtstag.

Und dann gibt es einen lauten Knall. Der Flügel ist abgestürzt, oder nein, eigentlich hat sich nur der Deckel geöffnet und sind die Tasten laut krachend herausgebrochen. Aber seit wann hängen Flügel kopfüber an der Decke? Wenn man durch den verrückten Maschinenpark von Rebecca Horn läuft, in dem sich Objekte wie von Geisterhand bewegen, sollte man keinesfalls nach dem Warum fragen. Wer den Arbeiten der Künstlerin mit schnöder Logik beikommen will und auf schnelle Erklärungen hofft, hat schon verloren.

Vermutlich hatte es Rebecca Horn deshalb beim breiten Publikum nie leicht. Sie gehört zu jenen Künstlern, die im Betrieb hoch geschätzt und gehandelt sind. Gleich mehrmals wurde sie zur Documenta in Kassel eingeladen, mit zahllosen Preisen überschüttet und hat weltweit ausgestellt – in der breiten Bevölkerung ist sie aber den wenigsten bekannt. Dabei ist ihr Werk so vielfältig wie anregend, weshalb es das Haus der Kunst in München nun in einer sehenswerten Retrospektive Revue passieren lässt.

Elektroblitze zucken durch die Betten-Skulptur

Die monumentalen Räume des Nazi-Baus sind ideal für die Arbeiten von Rebecca Horn, die gern groß denkt. Deshalb baute sie aus eisernen Krankenhausbetten eine riesige Skulptur, an der immer wieder elektrische Blitze zucken und böse Erinnerungen wecken an Elektroschocks, mit denen Kranke oder Häftlinge gequält wurden. Dann wieder hängt ein dickes Tau von der Decke und wird von einem Motor zum Tanzen gebracht – wie das sündige Weib, das den armen Mann mit ihrem verführerischen Schlangentanz betört.

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Wie viele Künstlerinnen ihrer Generation hatten Rebecca Horns frühe Arbeiten einen feministischen Impetus und kritisierten starre Geschlechterrollen und Klischees. Ihre Malmaschinen, bei denen albern fuchtelnde Pinsel Farbe durch die Gegend spritzen wie beim Action Painting mokieren sich über die Künstlerkollegen, die ihr Genie allzu eitel vor sich hertragen. Und in den Ballettschuhen, die sie von Geisterhand tanzen lässt, stecken traditionell weibliche Füße, die beim Spitzentanz malträtiert werden.

Aber Rebecca Horn war immer auch eine Tüftlerin und konstruierte Maschinen und Apparate, die sie mit Natur in Verbindung bringt und etwa Schmetterlingsflügel flattern lässt. Dann wieder setzt ein Motor Wasser in Bewegung und zaubert schöne, flüchtige Spiegelungen an die Wand. So setzt Rebecca Horn dem menschlichen Irrglauben, die Welt vermessen, kategorisieren und beherrschen zu können, immer wieder eine poetische Anarchie gegenüber.

Krankenhausbetten-Installation Foto: ConstantinMirbach

Deshalb sollte man sich im Haus der Kunst keinesfalls von den sperrigen und überambitionierten Texten der Kuratorinnen Jana Baumann und Radia Soukni abschrecken lassen, die die Arbeiten fast zwanghaft rationalisieren und damit genau das tun, was Rebecca Horn doch eigentlich aufzubrechen versucht. So hauen sie dem Publikum Begriffe wie „Inkorporierung“, „Entgrenzung“ und „Maschinenwerdung“ um die Ohren – statt es zu ermuntern, seine Sinne zu öffnen.

Wortgeklingel der Kuratorinnen schadet eher

Denn wenn man in den sich bewegenden Spiegel am Boden schaut, wird der Blick nicht nur ins Unendliche entführt, sondern spürt man unmittelbar den Zusammenhang zwischen dem eigenen Ich und dem Raum. Ein Thema, das Rebecca Horn schon als junge Frau immer wieder erforschte, indem sie sich im Spiegelkleid filmte und ihrem Körper plötzlich Teile zu fehlen schienen. Sie hat sich auch die Finger mit langen Stangen verlängert, um zu erproben, wie das die eigene Wahrnehmung verändert. In Filmen kann man diesen Experimenten aus den 1970er Jahren zuschauen – und staunt, wie wichtig es den Künstlerinnen und Künstler in dieser Zeit war, das Verhältnis zwischen Körper und Umgebung zu untersuchen.

Wenn man eine Botschaft aus den Arbeiten von Rebecca Horn herauslesen will, so ist sie eher philosophischer Art als konkret zu nehmen: Die Grenzen zwischen dem Ich und der Umwelt sind fließender, als der äußere Anschein glauben lässt. Ob es Rollen sind oder Kategorien, sie sind doch immer nur Hilfskonstrukte oder auch Machtinstrumente, die Sicherheit vorgaukeln. Am Ende zerrinnen die Gewissheiten und bleiben so ungreifbar wie das Quecksilber, das Rebecca Horn in einer Rinne in Bewegung hält. Ständig entstehen neue klare Formen und Konturen, die sich aber doch nicht greifen lassen.

Fabrikantentochter auf Abwegen

Person
Eigentlich sollte Rebecca Horn, 1944 in Hessen geboren, die Textilfabrik der Eltern übernehmen, brach das Volkswirtschaftsstudium aber ab und wechselte an die Hamburger Hochschule der Bildenden Künste. Nach mehreren Jahren in New York kehrte sie zurück und lebt heute in Berlin und Paris.

Ausstellung
bis 13. Oktober, geöffnet täglich außer Dienstag 10-20 Uhr, Donnerstag bis 22 Uhr. adr