Das Glück muss nun noch ein wenig länger anhalten. Die Realschüler in Baden-Württemberg haben ihre letzte Prüfung erst am 27. April. Foto: Patricia Sigerist

Weil es einen neuen Termin für die Abschlussprüfung an den Realschulen im Fach Deutsch gibt, haben die Lehrer mehr Arbeit und weniger Zeit zum Kontrollieren der Klausuren – und die Jugendlichen kommen erst später zum Feiern.

Filder - Niels Tiegelkamp (17) und seine Klassenkameraden von der Michael-Bauer-Schule (MBS) in Vaihingen sind genervt. „Wir hatten eigentlich schon geplant, dass wir am Donnerstag auf den Cannstatter Wasen gehen, um unsere Prüfungen zu feiern“, sagt der Waldorfschüler. Der Besuch auf dem Frühlingsfest fällt nun flach, die Schüler müssen am nächsten Tag fit sein. Denn die Abschlussprüfung der Realschüler im Fach Deutsch ist erst am Freitag, 27. April. Weil Unbekannte in einer Schule in Bad Urach (Kreis Reutlingen) einen Umschlag mit den Aufgaben geöffnet hatten, sah sich das Kultusministerium gezwungen, die Prüfung um zehn Tage zu verschieben.

Niels Tiegelkamp ist einer von etwa 40 000 betroffenen Schülern in Baden-Württemberg. Dass durch die Verschiebung der Klausur nun neun Tage mehr Zeit zum Lernen wären, sieht er nicht positiv: „Bei Mathe würde das vielleicht etwas bringen, wenn man noch ein paar Tage mehr Zeit zum Üben hat. Aber bei Deutsch bringt mehr Lernzeit überhaupt nichts.“ Im Gegenteil, der 17-Jährige befürchtet, dass die Aufgaben des Nachschreibetermins nun schwieriger sein könnten.

Horst Eisenmann hat da keine Bedenken. Er ist an der Michael-Bauer-Schule für die Realschul-Abschlussprüfungen zuständig, die an der Waldorfschule erst in der elften Klasse ansteht. „Das ist eine Empfindungssache. Manchen erscheinen die Aufgaben am Nachschreibetermine schwieriger, anderen nicht. Im Grunde aber müssen die Aufgaben immer vergleichbar sein“, sagt Eisenmann.

Hoher organisatorischer Aufwand für die Lehrer

Die Verschiebung der Realschulprüfung im Fach Deutsch sei an seiner Schule kein allzu großes Thema gewesen. „Es ist bedauert worden, dass der Zyklus nicht eingehalten werden konnte. Aber es gab keinen großen Aufstand“, sagt der Lehrer. Auch die Schüler seien recht entspannt. Manche seien verärgert, weil sie am Freitag „schon was vorgehabt hätten“. „Es ist aber alles kein Drama“, so Eisenmanns Fazit.

Das sieht Karin Grafmüller genauso. Die Rektorin der dreizügigen Fritz-Leonhardt-Realschule in Degerloch findet es richtig, dass das Kultusministerium so rigoros entschieden und den Termin für Deutsch verschoben hat. „So eine Prüfung ist eine wichtige Sache“, sagt sie. Für Karin Grafmüller ist das ein Novum. Seit Anfang der 80er Jahre ist sie Lehrerin, aber noch nie sei eine Abschlussprüfung verschoben worden. Als sie und ihre Kollegen Anfang der Woche davon erfuhren, „konnten wir es zuerst gar nicht glauben“, sagt die Rektorin.

Doch dann habe man handeln müssen. Denn die Organisation der Termine sei ein großer logistischer Aufwand. So müssen die Prüfungen von zwei Lehrern beaufsichtigt werden. Zudem hatten die Lehrer die Pflichtlektüre der Schüler, die sie während der Prüfung verwenden dürfen, bereits eingesammelt und auf Spickzettel und Anmerkungen an den Seitenrändern kontrolliert. „Wegen der verschobenen Prüfung müssen wir nun die Bücher noch einmal rausgeben und dann erneut einsammeln und kontrollieren“, sagt Karin Grafmüller. Darüber hinaus haben die Lehrer weniger Zeit zum Korrigieren der Arbeiten. Die Rektorin der Degerlocher Realschule hat darum bereits ihren für den Maierfeiertag geplanten Ausflug abgesagt. Statt wandern heißt es für sie nun Abschlussklausuren bewerten.

Eine emotionale Katastrophe für die Schüler

Auch Nadia Bescherer-Zeidan, die Rektorin der Vaihinger Robert-Koch-Realschule, und ihr Team sind im Stress. Auch sie mussten die Prüfungspläne noch einmal umschreiben und sich noch einmal um Aufsichtspersonenkümmern, was an der vierzügigen Schule aufwändig ist. Und auch sie sieht ein zeitliches Korrekturproblem. „Wegen der frühen Pfingstferien und den mündlichen Prüfungen, die danach beginnen, wird das jetzt alles ganz eng“, sagt Nadia Bescherer-Zeidan. Sie hat Verständnis dafür, dass das Kultusministerium die alten Prüfungsaufgaben aus dem Verkehr gezogen hat. „Da müssen die Verantwortlichen konsequent sein. Aber ich hätte mir gewünscht, dass es einen früheren Nachholtermin gibt“, sagt die Rektorin. Besonders leid tut ihr es aber wegen der Schüler. „Für sie ist das eine emotionale Katastrophe. Deutsch ist immer die Türöffnerprüfung. Die Jugendlichen waren darauf eingestellt, und mussten nun mit Mathe beginnen.“

Das Feiern holen die Jugendlichen aber nach. „Wir treffen uns dann alle am Freitagabend“, sagt zum Beispiel Niels Tiegelkamp von der Michael-Bauer-Schule.

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