Immer auf Achse: Werner Rau ist die Hälfte des Jahres mit dem Campingbus unterwegs. Seine Erfahrungen veröffentlicht er in Reiseführern. Foto: Leonie Schüler

Seit drei Jahrzehnten veröffentlicht Werner Rau seine Campingbus-Reisen im eigenen Verlag. Wir haben uns mit dem Weltenbummler getroffen und uns von seinen Erlebnissen erzählen lassen.

Kaltental - Wenn Werner Rau und seine Frau Rosemarie wieder einmal für einen mehrwöchigen Trip mit ihrem Campingbus aufbrechen, wünschen ihnen Bekannte häufig einen schönen Urlaub. „Urlaub? Das ist Arbeit!“, sagt Werner Rau. „Wir wissen gar nicht, wie Urlaub geht.“ Schließlich geht aus jeder Tour ein Reiseführer hervor – und zwar speziell für Leute, die mit dem Wohnmobil unterwegs sind. Ausgestattet mit Block, Stift und Kamera touren die beiden durch ganz Europa. Was nach Abenteuer klingt, ist für das Ehepaar Rau inzwischen Routine.

Das war nicht immer so. Aufgewachsen ist Werner Rau in einem kleinen Ort in Oberschwaben. „Meine Mutter war Kriegerwitwe, Urlaub konnten wir uns nicht erlauben.“ An seine erste Reise kann er sich noch gut erinnern. Mit zwölf Jahren fuhr er mit einem Freund mit dem Fahrrad los. Ausgerüstet mit Luftmatratzen, die nachts die Luft verloren, und einem Zelt ohne Boden machten sie sich auf den Weg ins Allgäu. „Aber nach acht Tagen hatten wir Heimweh und sind wieder nach Hause zurückgekehrt“, erzählt Rau lachend. Heimweh kennt er inzwischen nicht mehr. „Eher das Gefühl der Notwendigkeit, wieder nach Hause zu müssen.“

Die Ausbildung im Reisebüro weckte das Fernweh

Zu seinem eigenen Reiseführer-Verlag kam Werner Rau auf Umwegen. Nach der Schule riet man ihm beim Arbeitsamt, Speditionskaufmann zu werden. Die Firma, an die man ihn vermittelte, war aber in erster Linie ein Reisebüro. Schicksalhaft in zweierlei Hinsicht: Einerseits wurde dort seine Reiselust wachgekitzelt, andererseits lernte er dort seine Frau kennen.

Schon bald zog es Werner Rau in die Ferne: 1968 ging er als Steward zur Lufthansa und kümmerte sich um die Gäste der First Class. Als Kabinenchef bereiste er die ganze Welt. „Damals war ich öfter in Bangkok und New York als daheim“, erinnert er sich. Auf seinen Reisen fing er irgendwann an zu fotografieren. „Die Bilder habe ich an eine Bildagentur gegeben, und die meinte eines Tages, wenn ich etwas dazu schreiben würde, könnte man sie noch besser verkaufen.“ Und so fing Werner Rau an, Artikel zu schreiben – etwa über eine Schlangenfarm in Bangkok oder die Seidenraupe in China.

Von Spanien bis Hammerfest

1975 wurde der Grundstein für den späteren Reisebuchverlag gelegt: Werner Rau und seine Frau kauften sich einen VW-Bus. „Damit sind wir in sechs Monaten von Spanien bis Hammerfest gefahren. Das war unsere schönste Reise“, schwärmt der 73-Jährige. Damals habe er festgestellt, dass es auf dem Buchmarkt noch keine Reiseführer speziell für Wohnmobile gab. „Da haben wir gesagt, dann müssen wir es selber machen.“ Nach langer Suche fand sich schließlich ein Verlag, der das erste Buch veröffentlichte. „9000 Kilometer durch Skandinavien“ lautete der Titel. „Ich war stolz wie Bolle“, erinnert sich Rau. Das Buch verkaufte sich gut, und so gab der Verlag Aufträge für sechs weitere Titel. „Die Reiserei mit dem Campingbus, das hat uns gut gefallen“, sagt Rau.

Doch als im Jahr 1986 die Honorarzahlungen ausblieben, musste ein neuer Weg gefunden werden, und der war, einen eigenen Verlag zu gründen. „Ich hatte so viel Zeit und Elan in die Reisebeschreibungen reingesteckt, das sollte nicht umsonst gewesen sein.“ Ob ihn dieser Schritt viel Mut gekostet habe? „Man kann es auch Halsstarrigkeit nennen“, sagt Rau. Von da an waren die Raus etwa die Hälfte des Jahres auf den Straßen Europas unterwegs, die andere Hälfte verbrachten sie im Büro, um ihre Reiseempfehlungen zu Papier zu bringen. „Wir sind richtige Aussteiger geworden.“ Erinnerungen teilt das Ehepaar viele. Eine, die beide zum Lachen bringt, ist die Geschichte von einer Tour durch Spanien im Jahr 1977. Mit ihrem Campingbus fuhren sie durch die Altstadt von Sevilla. Rosemarie Rau navigierte die beiden ins Zentrum hinein, die Gassen wurden immer schmaler. „Irgendwann hatten wir uns festgefahren und kamen weder vor noch zurück“, erzählt Werner Rau. Erst mithilfe junger Leute, die das Auto anhoben und Stück für Stück um die Kurve trugen, kamen sie aus ihrer misslichen Lage wieder heraus. „Wir waren schweißgebadet.“

Von den Reiseerfahrungen sollen die Leser profitieren

Erfahrungen wie diese fließen in die Reiseführer des Rau-Verlages ein. Wo sind Engstellen, wo befinden sich besonders schöne Campingplätze, welche Passstraße ist für Wohnmobile ungeeignet? – all das wird in den mittlerweile 23 Titeln aufgeführt. Regelmäßig überarbeitet das Ehepaar die Ausgaben. Schließlich, so Rau, habe sich in den vergangenen Jahren für mobil Reisende viel verändert. Auf Campingplätzen werde es immer voller, gleichzeitig aber auch komfortabler. „Früher mussten wir den Strom noch mit Krokodilklemmen irgendwo abzwacken“, sagt Rau und erzählt, wie einmal der ganze Campingbus unter Strom stand.

Wenn Werner Rau und seine Frau einmal ausspannen wollen, fahren sie auf die Schwäbische Alb. „Da gönnen wir uns dann auch mal ein schönes Hotel.“ Campen möchten sie in Deutschland nicht. Zu eng seien hier die Campingplätze und zu voll mit Dauercampern. „Die Gartenzwerg-Romantik ist nichts für uns. Uns zieht’s weiter weg.“ Obwohl sie auf der Welt schon viel gesehen haben, gibt es noch Ziele, von denen die beiden träumen. Eines Tages wollen sie die Seidenstraße in China bereisen. „Das wird dann aber kein Reiseführer“, sagt Werner Rau. Vielleicht lernen die beiden dann doch noch, wie Urlaub geht.

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