Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (links) und Oberbürgermeister Fritz Kuhn nehmen am 23. Mai 2016 die neuen Blitzer auf Stuttgarts Partymeile in Betrieb. Mit Erfolg – bis Ende April sind dort 113 000 Tempoverstöße gezählt worden. Foto: dpa

Das Ordnungsamt hat im Jahr 2016 so viele Tempoverstöße in Stuttgart verzeichnet wie noch nie zuvor. Der Hauptgrund dafür sind die beiden neuen Säulen auf der Partymeile – dort blitzt es alle vier Minuten. Hunderte Fahrer bekommen Fahrverbote.

Stuttgart - Mancher Autofahrer lässt sich durch nichts beeindrucken. Ein junger Mann jedenfalls, der offenbar zu der Spezies gehört, die versucht, das Partypublikum in der Innenstadt durch aufheulende Motoren und hohes Tempo zu beeindrucken, wollte es ganz genau wissen. „Der ist in Richtung Hauptbahnhof in den Blitzer an der Friedrichstraße gerauscht. Dann hat er gewendet, Gas gegeben und ist auf dem Weg zurück an derselben Stelle nochmal geblitzt worden“, erzählt Joachim Elser, Leiter der städtischen Verkehrsüberwachung – und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Der doppelte Fauxpas kommt den Betroffenen teuer zu stehen. Denn nachts zwischen 22 und 6 Uhr gilt auf der Partymeile, also der Theodor-Heuss- und der Friedrichstraße, inzwischen Tempo 30. Das bedeutet: Wer mit gut 60 Sachen dort unterwegs ist, kann seinem Führerschein nur noch hinterherwinken. Seit 23. Mai vergangenen Jahres überwachen dort zwei Blitzersäulen die Einhaltung der Regelung. Die Stadt wollte damit vor allem die nächtliche Raserszene ausbremsen, die zuvor große Probleme gemacht hatte. Laut Elser klappt das bereits recht gut: „Das spürt man sehr deutlich.“

Das drückt sich auch in Zahlen aus: In den ersten gut elf Monaten bis einschließlich Ende April haben allein die beiden neuen Säulen rund 113 000 Geschwindigkeitsverstöße registriert. Es gab bisher 576 Fahrverbote, besonders nachts. Da schafft es mancher, mit um die 100 Sachen ein Foto zu produzieren. Ein wirklicher Gewöhnungseffekt hat sich dabei noch nicht eingestellt. „Gerade auf solchen Hauptachsen mit wechselndem Publikum kann das eine ganze Weile dauern“, weiß Elser aus Erfahrung. Für die Stadt bedeutet das ganz nebenbei auch Einnahmen in Millionenhöhe.

Zahl der Fahrverbote schießt in die Höhe

Die beiden neuen Blitzer haben bereits im vergangenen Jahr über 78 000 Verstöße festgehalten – und sind damit im Alleingang dafür verantwortlich, dass das Ordnungsamt im Jahr 2016 so viele Geschwindigkeitsverstöße wie noch nie registriert hat. An den 34 stationären Anlagen an 15 verschiedenen Standorten waren 330 833 Autofahrer zu schnell – ein Zuwachs um 66 000. Dazu kommt noch die mobile Überwachung, die in 30er-Zonen und auf Vorbehaltsstraßen weitere 108 250 Verstöße festgehalten hat. Unterm Strich stehen allein bei der Stadt – ohne die Zahlen der Polizei – fast 440 000 Verstöße zu Buche. Ein einsamer Rekord, begründet vor allem durch die stetig wachsende Zahl an Überwachungsanlagen.

Alarmierend ist aber vor allem die Zahl der Raser. Denn ein Fahrverbot erhalten haben im vergangenen Jahr 1442 Autofahrer. 2015 sind es noch 945 gewesen. Die Geschwindigkeiten, die auch außerhalb der Partymeile zum Teil gemessen werden, klingen fast unglaublich. Mit über 100 km/h die kurvige Weinsteige hinunter ist ebenso möglich wie Tempo 146 in der Cannstatter Straße, wo der Verkehr wegen der Luftreinhaltung nicht schneller als 50 km/h fließen sollte. Diese zweifelhaften Fähigkeiten haben zumindest im vergangenen Jahr diverse Autofahrer bewiesen. Und mancher Raser dürfte sogar noch Glück gehabt haben, denn in der Innenstadt waren wegen der Stuttgart-21-Baustellen nicht immer alle stationären Anlagen in Betrieb. Sonst sähen die Zahlen wohl noch einmal ganz anders aus.

Weitere Anlagen geplant

Der bisher auf ein Jahr befristete Versuch in der Theodor-Heuss- und Friedrichstraße soll aufgrund der bisherigen Erfahrungen weiterlaufen – dafür sprachen sich am Dienstag auch die Stadträte im Ausschuss für Umwelt und Technik aus. Weitere stationäre Blitzer sind grundsätzlich geplant. Zum Beispiel im Schwanenplatztunnel zwischen der Innenstadt und Bad Cannstatt. Wann es dort so weit ist, steht allerdings noch nicht fest. Laut Elser hängt das auch davon ab, welche technischen Systeme infrage kommen, die in einem Tunnel zuverlässig sind und keine allzu großen Umbauarbeiten erfordern.

Bis dahin genügen ja auch die schon vorhandenen Anlagen für einen Rekord – besonders die auf der Partymeile. Es muss ja nicht gleich jeder zwei Mal Fotos schießen.

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