Begehrtes Produkt: Nutellagläser in einem französischen Supermarkt. Foto: AFP

Die Rabatt-Schlägerein in Frankreichs Supermärkten lösen eine politische Debatte aus. Präsident Macron muss sich unangenehme Fragen gefallen lassen.

Paris - Die Pariser Zeitungen äußern ihr „Unwohlsein“. Wirtschaftsminister Bruno Le Maire meinte empört, man könnte nicht „an jedem vierten Morgen einen Volksaufstand tolerieren“. Und sogar die Supermarktkette Intermarché rang sich zum Kommentar durch, es tue ihr „für die Kunden leid“.

Eine Woche ist es schon her, dass der viertgrößte Einzelhändler Frankreichs die Aktion „Ein Glas Nutella für 1,41 Euro statt für 4,50 Euro“ lancierte. Schon vor der Ladenöffnung massierten sich die Kunden vor den Toren der knapp 1500 Läden im Land; als sich die Pforten öffneten, stürzten sie sich auf die Gläser und rissen sie sich aus den Händen. „Hört auf, meine Großmutter wird zertreten“, schreit eine Stimme in einem Handyvideo.

Kollektive Hysterie

Zuerst sprachlos, schimpften die sozialen Medien bald über Nutella, diese Mischung aus Zucker, Haselnuss und Palmöl, die offenbar das Zeug habe, das Tier im Mensch zu wecken. Dann dehnte Intermarché seine Rabattaktion namens „Die vier günstigsten Wochen“ auch auf andere Produkte wie gemahlenen Kaffee oder Pampers-Windeln aus – und löste damit neue Volksaufläufe und Prügelszenen aus.

Warum gab es diese Szenen „kollektiver Hysterie“, wie der Forscher Medhi Moussaïd formuliert? Er führt sie auf den Mechanismus des „sozialen Dilemmas“ zurück: „Von einem individuellen Gesichtspunkt betrachtet ist es am besten, schneller als andere zu sein, um von dem 70-Prozent-Rabatt zu profitieren. Das Problem besteht darin, dass alle dieser Überlegung folgen.“ Gegen diese Sicht wendet sich Jean-Yves Mano vom Konsumentenverein CLCV. Er verurteilt die Kunden nicht: „In Frankreich gibt es neun Millionen Arme. Sie sind schlicht gezwungen, dauernd nach Vergünstigungen oder Treueboni Ausschau zu halten.“ Damit wird die Debatte politisch. Der Grünen-Politiker Yannick Jadot meint, die Nutella-Tumulte enthüllten in erster Linie das Kaufkraftproblem mittelloser Franzosen. Damit kritisiert er auch Präsident Emmanuel Macron, der vor allem die Reichen steuerlich entlastet hat. Sein Minister Le Maire meint zur Verteidigung: „Auf Rabatte von 50 oder 70 Prozent stürzen sich die Konsumenten immer – das gilt für Nutella oder Pampers, doch man kann sich solche Szenen auch in Luxusläden ­vorstellen.“

Jetzt muss der Supermarktchef vorreiten

Reiche Damen in der Avenue Montai­gne, der Pariser Luxusmeile, die sich um einen Gucci-Pelz balgen? Die Konsumforscherin Nathalie Damery hält das nicht für dasselbe: Für viele einfache Leute, Rentner oder Arbeitslose aus den Außenvierteln seien schon Markennamen wie Nutella oder Pampers „Luxusprodukte“, die sie sich nicht leisten könnten. „Das sind keine raffgierigen Schnäppchenjäger, das sind Leute, für die es auf jeden Euro ankommt.“

Um Druck von der Regierung zu nehmen, hat Minister Le Maire nun den Intermarché-Direktor zu einer Standpauke vorgeladen. Dann präsentierte die Regierung eiligst ein seit Langem geplantes Gesetz, das die Beziehungen zwischen Bauern und dem Einzelhandel regelt. Dazu gehört auch die Frage von Dumping-Rabatten. Die Details sind noch nicht bekannt; nach letztem Stand sollen aber nur noch 34 Prozent Rabatt erlaubt sein. Vermutlich wird das französische Verfassungsgericht darüber befinden müssen, wie viel Sonderrabatt der Frieden im Supermarkt und im Land verträgt.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: