60 Prozent der deutschen Taxis kommen aus dem Hause Daimler – doch das Verhältnis zur Branche ist massiv angespannt Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Steigen künftig viele Taxifahrer von Mercedes auf andere Automarken um? So weit ist es noch nicht – doch der Ton zwischen dem Taxigewerbe und seinem wichtigen Partner Daimler verschärft sich. Mehrere Branchenverbände fordern den Autobauer zum Umlenken auf.

Stuttgart - Die Neujahrsnacht in New York City fiel in diesem Jahr für manchen Partygänger recht überraschend aus. Wer den in Deutschland unlängst verbotenen Fahrdienst Uber Pop zur Heimfahrt nutzte, staunte nicht schlecht. Denn die Preise hatten sich mal eben verzehnfacht. Eine kurze Strecke, die sonst mit dem Taxi für 20 Dollar (17,80 Euro) zu haben ist, kostete fast 200 Dollar (178 Euro). Der Grund: die große Nachfrage in dieser besonderen Nacht. Ein prima Geschäft für den Konzern und die angeschlossenen Fahrer.

In Deutschland sollen feste Taxitarife solche Auswüchse verhindern und für die Verbraucher Sicherheit schaffen. Doch ausgerechnet der Stuttgarter Daimler-Konzern steht jetzt im Kreuzfeuer der Kritik der Taxibranche. Der Vorwurf lautet, der Autobauer wolle über seine Tochter MyTaxi die Tarife aushöhlen. „Konzerne wie Daimler mit der Tochter MyTaxi sowie Uber rabattieren mit dem Kalkül, die Tarifpflicht zu kippen. Ist dies erreicht, sind Wucherpreise zu Stoßzeiten die Regel“, sagt Dieter Schlenker, Vorsitzender der Genossenschaft Taxi Deutschland. Er spricht gar von „Verbrauchertäuschung“.

Auslöser ist eine Marketingaktion von MyTaxi. Dabei handelt es sich um eine Anwendung fürs Mobiltelefon, mit der legal angeschlossene Taxis bestellt werden können. Die App ist eine Konkurrenz für die bestehenden Vermittlungszentralen des Taxigewerbes. Fahrer, die sich für MyTaxi entscheiden, sind deshalb nicht überall in der Branche wohlgelitten. Derzeit bietet MyTaxi den Fahrgästen Rabatte von bis zu 50 Prozent. Weil das durch die festen Tarife eigentlich nicht erlaubt ist, erhalten die Fahrer das volle Entgelt. Die zweite Hälfte übernimmt MyTaxi aus seinem Marketingetat. Die Branchenverbände laufen dagegen Sturm.

Daimler ist der wichtigste Partner des deutschen Taxigewerbes. 60 Prozent der rund 90 000 Fahrzeuge tragen einen Stern. Doch der Konzern fährt im Beförderungsgewerbe mehrgleisig. Schließlich weiß keiner so genau, wohin der Weg bei der Mobilität führt. Deshalb unterstützt das Stuttgarter Unternehmen nicht nur die bestehenden Taxistrukturen, sondern ist über MyTaxi oder den Carsharing-Dienst Car2go auch in alternative Modelle eingestiegen. Doch offenbar ist jetzt der Punkt erreicht, an dem sich die Taxiverbände diese Mehrgleisigkeit nicht mehr gefallen lassen wollen.

„So lange MyTaxi regulär arbeitet, akzeptieren wir das. Allerdings überzieht man mit dieser Rabattaktion. Wir sind sehr enttäuscht“, sagt Michael Müller, Präsident des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbandes (BZP). Man brauche die bisherigen Vermittlungszentralen und Strukturen. Die aber würden nun von MyTaxi „massiv angegriffen“. Der Verband hat deshalb jetzt eine Resolution verabschiedet. Darin wird Daimler aufgefordert, umzulenken. Man sehe „die seit Jahrzehnten bewährte Partnerschaft des deutschen Taxigewerbes mit Mercedes erheblich gefährdet“, heißt es darin.

Wie schwer dem Verband dieser Frontalangriff auf seinen wichtigen Partner gefallen sein dürfte, lässt sich nachvollziehen, wenn man weiß, dass Daimler Fördermitglied im Verband ist und ihn nicht unerheblich finanziell unterstützt. Dennoch ist man jetzt auf Konfrontationskurs zum Autokonzern gegangen. In Müllers Augen könnte die Rabattaktion nämlich illegal sein. Er kündigt deshalb an: „Wir werden das juristisch überprüfen lassen.“

Sowohl bei Daimler als auch bei MyTaxi versteht man die Aufregung nicht. Es handle sich um eine auf zwei Wochen begrenzte globale Aktion, sagt ein Sprecher von MyTaxi. Der Vorwurf der Tarifaufweichung sei „haltlos“. Man wolle mit der Aktion lediglich einen Anreiz für die Kunden schaffen, eine neue Bezahlfunktion auszuprobieren. Auch eine Mercedes-Benz-Sprecherin verwendet die exakt selbe Formulierung: „Der Vorwurf ist haltlos.“ Man habe die Marketing-Aktionen vorher geprüft und „für absolut rechtmäßig befunden“.

Die Sprecherin betont, die Daimler AG sei nicht nur Autohersteller, sondern auch Mobilitätsanbieter. Deshalb habe man auch Dienste wie MyTaxi oder Car2go im Portfolio. Jedoch verbinde den Konzern eine jahrzehntelange Partnerschaft mit dem Taxigewerbe. „Die Branche ist für Mercedes-Benz von hoher Bedeutung“, so die Sprecherin. Man verfüge über eine breite Produktpalette und attraktive Angebote für Taxifahrer.

Wie weit der Streit eskaliert, ist derzeit offen. „Wir haben Gespräche aufgenommen und hoffen auf eine Lösung“, sagt Verbandspräsident Müller. Wer letztendlich am längeren Hebel sitzt und einlenkt, muss sich aber erst noch zeigen.

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