Die Stettener haben ein ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl. Doch es fehlt ihnen an einem Ort, an dem sie dieses Gefühl leben können. Foto: Thomas Krämer

Die Filder sind im Umbruch. Die früheren Bauerndörfer wandeln sich fast schon in kleine Städte. In einer Serie beleuchten wir die Entwicklung einzelner Quartiere. Diesmal: Stetten.

Stetten - Ein typisches Fotomotiv für Stetten? Der Mann, der sich gerade beim Bäcker sein Mittagessen gekauft hat, muss einen Moment überlegen, dann aber passen. Und der nächste Passant schlägt das Alte Rathaus mit dem Turm vor, in dem zurzeit noch die Stadtwerke von Leinfelden-Echterdingen residieren. Oder die großartige Aussicht auf die Filderebene mit dem Flughafen“, wie der Einheimische ergänzt. Der Blick weg von Stetten als Motiv für Stetten? In der Tat: Man muss schon überlegen, ob es in dem Ort eine Stelle mit Wiedererkennungswert gibt, ein markantes Gebäude, einen Platz in der Mitte. „Stetten hat städtebaulich die größten Probleme von Leinfelden-Echterdingen“, weiß auch der Oberbürgermeister. In Stetten gebe es kein Zentrum, und es lasse sich auch keines herstellen, ergänzt Roland Klenk.

Der Stadtteil besteht aus Stetten, Weidach und Hof

Den Grund dafür findet man, wenn man sich ein wenig mit der Geschichte des Ortes beschäftigt – der eigentlich aus drei Siedlungen besteht. 1229 wird „stedin“ erstmals erwähnt, Ende des Jahrhunderts dann „Widach“, 1383 schließlich der Weiler Hof. Der Stadtteil von Leinfelden-Echterdingen besteht folglich aus Stetten, Weidach und Hof. „Erst seit 1819 werden die Weiler unter dem Überbegriff Stetten zusammengefasst“, sagt Stadtarchivar Bernd Klagholz. Das Ortsteildenken sei aber geblieben. Stetten lag „unten“ – dort wo der Filderboden fruchtbar war und die Feldfrüchte auf dem Acker gut wuchsen. „Hier lebten die reichen Bauern“, so Klagholz. Das genaue Gegenteil davon: Weidach, das mit der „Weidacher Höhe“ sogar den Grund für die Verlegung der Landebahn des Stuttgarter Flughafens nach Osten in den 1990er Jahren lieferte. Die Böden auf der Höhe waren arm, kein Löss wie auf der Filderebene, sondern eher sandiger und toniger Untergrund. Die Bauern hatten hier zwar den besten Überblick, aber am wenigsten Geld im Säckel. Und Hof? „Das lag irgendwo dazwischen“, so Klagholz. Die Kirche im vom Pietismus stark geprägten Ort, so der Stadtarchivar, sei 1934 ganz bewusst an der Weidacher Steige gebaut worden – „als letzter Kirchenbau in der Nazizeit“, wie Klagholz ergänzt. Kein richtiges Zentrum, dazu die Lage am Hang: Das erschwerte die Entwicklung Stettens. Die drei ursprünglichen Orte zeigen sich noch heute, hat die Stadtplanerin Dita Leyh kürzlich bei einer Veranstaltung gesagt. „Sie seien mittlerweile zusammengewachsen, die Bereiche dazwischen wurden teilweise mit viel Grün aufgefüllt“, fasste sie das Ergebnis einer Untersuchung zusammen.

Oben schlägt es kulturell-sportlich, unten kommerziell

„Sehr sympathisch mit toller Aussicht und einer noch recht dörflichen Ausstrahlung“: So charakterisiert der Oberbürgermeister heute den Stadtteil, dem er zudem eine hohe Integrationskraft bescheinigt. Und die war ganz bestimmt auch nötig, als nach dem Zweiten Weltkrieg Heimatvertriebene in den Ort kamen. 783 waren es 1958 laut Stadtchronik – ein Drittel der Einwohner. Die bis zur Gemeindereform selbstständige Gemeinde investierte viel, schuf auf der Höhe in den 1960er und 70er Jahren mit Schule, Turn- und Festhalle ein neues Zentrum. Gestärkt wurde dies durch die Sportanlagen sowie das 1976 eröffnete Naturtheater mit der ersten freitragenden Betonkuppel in der Bundesrepublik. Für Leyh haben diese Entscheidungen dazu geführt, dass Stetten ein Ort mit einem Doppelherz ist: Oben schlägt es kulturell-sportlich, unten kommerziell. Das jedoch sei für die Leute kein Problem, sie hätten sich daran gewöhnt, wie die Vereinsringsvorsitzende Irmgard Quelle sagt. „Vermisst wird oben jedoch der Bäcker als Treffpunkt, als Ersatz für eine Dorflinde.“

Vor allem entlang der Hauptstraße sind Einzelhandel und Dienstleister beheimatet. „Die Einkaufsmöglichkeiten sollten verbessert werden“, gibt Leyh Wünsche von Bürgern wieder, die per Umfrage ermittelt wurden. Außerdem generationenübergreifendes und barrierefreies Wohnen. Die Städtetbau-Professorin hält dafür das Gelände am Ungerhaldenweg für geeignet – nicht zuletzt aus dem Grund, weil der Hang nicht mehr so steil ist.

Und einen weiteren Wunsch hatten ihr die befragten Menschen mitgeteilt, der nach einem Treffpunkt, einem zentralen Platz, einer neuen Mitte. „Die bestehenden Plätze und Grünanlagen werden kaum als Treffpunkt genutzt, so Leyh.

Diesen Bedarf sieht auch der Oberbürgermeister. „Was Stetten braucht, ist ein Versammlungsplatz, an dem sich die Menschen treffen können“, sagt Klenk und erwähnt in diesem Zusammenhang Veranstaltungen wie das Feuerwehrfest oder den Adventsbasar. In der Tat: Stetten ist seiner Ansicht nach ein Ort, in dem man das große Zusammengehörigkeitsgefühl spürt. Doch fasst man die Äußerungen zusammen, dann fehlt eine Stelle, an der man dieses auch leben und ausleben kann.

An der Jahnstraße entstehen neue Häuser

Die Topografie hat mit dazu geführt, dass das Gewerbegebiet von Stetten rund um die 1968 in Betrieb genommene Kläranlage eingerichtet wurde und heute günstig direkt an der B 27 liegt. Doch es sei „voll“, wie der Oberbürgermeister sagt. „Eine Erweiterung ist jedoch weder möglich noch geplant“, sagt Klenk.

Und was Wohnungen angeht? Da entstehen gerade an der Jahnstraße neue Häuser. Eine weitere Reserve sei das 1,5 Hektar große Riedenberg-Gebiet an der Grenze zu Plattenhardt. Aber so ziemlich jede Erweiterung ginge auf Kosten von Äckern und für die Natur wertvollen Streuobstwiesen, die den Ort heute noch umgeben und teilweise unter Landschaftsschutz stehen. „Es wird in nächster Zeit darum gehen, die geschaffene Infrastruktur zu erhalten“, sagt Klenk. Die Sanierungen würden Zeit und Geld kosten, „neue Bauten stehen daher nicht im Vordergrund“.

„Das Alte Rathaus ist das einzige ältere Gebäude mit Flair und Atmosphäre in Stetten“, betont Quelle. Und das ist wohl auch der Grund, warum im Ort so intensiv über das neue Feuerwehrhaus diskutiert wird, über den Platz, wo es entstehen, vielleicht auch bleiben soll. Neu aufgebaut am jetzigen Standort auf dem Haldenareal oder 150 Meter weiter unten neben dem Alten Rathaus, das nach Ansicht Quelles dadurch entwertet würde. Oder doch am Ungerhaldenweg, wie manche fordern.

Aber egal, wie die Entscheidung über den Standort der Feuerwehr dann letztlich ausfällt: „Stetten“, so lautet das kürzlich gezogene Fazit von Dita Leyh, „hat sehr großes Potenzial“.

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