So manche Freundschaft kann auf Dauer zur Belastung werden. Foto: Antonio Guillem/Shutterstock.com

Freundschaften können sich über die Jahre verändern und unter Umständen auch zur Belastung werden. Aber wie funktioniert Schluss machen in Freundschaften? Psychologin Muriel Böttger hat im Interview Tipps.

Enge Freundschaften sind für jeden wichtig. Allerdings halten nicht alle Verbindungen ein Leben lang. Manche Freundschaften können sogar zur Belastung werden, uns traurig oder wütend machen und den letzten Nerv rauben. Dann ist es Zeit, etwas zu ändern oder gar einen radikalen Schlussstrich zu ziehen. Woran ich das erkenne und wie Schluss machen in Freundschaften funktioniert, verrät Muriel Böttger, Psychologin und Expertin für mentale Gesundheit bei der Meditations-App Headspace im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news.

Viele Menschen sind überrascht und verunsichert, wenn sich enge Freundschaften verändern. Welche Gründe kann es dafür geben?

Muriel Böttger: Zunächst ist es mir wichtig zu betonen, dass die Unsicherheit ganz normal und auch verständlich ist. Freundschaften haben im Gegensatz zu romantischen Beziehungen eher den Ruf, unkompliziert zu sein und ein Leben lang zu halten. Aber das ist natürlich eine total idealisierte Vorstellung. Tatsächlich ist es ja so, dass sich auch Freundschaften ständig verändern, beispielsweise weil Gemeinsamkeiten wegfallen, aus denen die Verbindung entstanden ist. Wir kennen das alle: Wir beenden das Studium, wechseln den Job und verlieren irgendwie den Kontakt zu Kommilitonen und Kolleginnen, mit denen wir auch eng befreundet waren. Oder wir ziehen in eine andere Stadt und plötzlich ist der Kontakt zu manchen Freunden nicht mehr so eng. Es gibt auch Freundschaften, die sich auf Grund unterschiedlicher Lebensphasen verändern: Eine Freundin bekommt ein Kind, während die andere Freundin sich trennt, ihre Freiheit genießt und zur Nachteule wird. Beide schlafen wenig, aber eben aus ganz unterschiedlichen Gründen. Es ist gar nicht so einfach, diese stark verschiedenen Lebensrealitäten, Empfindungen und Bedürfnisse miteinander in Einklang zu bringen. Da braucht es dann viel Verständnis und Engagement von beiden Seiten. Bleibt das aus, wird die Verbindung schwächer.

Wie gehe ich vor, wenn ich feststelle, dass mir noch immer viel an der Freundschaft liegt, mich aber einiges am Verhalten meiner Freundin oder meinem Freund stört?

Böttger: Wenn ich eine Lösung dafür finden möchte, dass es besser wird, dann sollte ich mir vorab Folgendes überlegen: Was wünsche ich mir konkret an Verhaltensänderungen? Also, was wäre eine positive Entwicklung für mich? Und was ist mein eigener Anteil daran, dass es wieder besser wird? Gibt es da Vorschläge oder Zugeständnisse, die ich machen kann? Mit dieser Vorbereitung kann der Austausch konstruktiv werden. Im Gespräch selbst ist es hilfreich, Ich-Botschaften zu formulieren, damit mein Gegenüber auch die Möglichkeit hat, entspannt zuzuhören und sich nicht in die Ecke gedrängt fühlt. Das kann so klingen: "Mir ist aufgefallen, dass sich unser Kontakt verändert hat und ich würde mir wünschen, wieder mehr davon zu erfahren, wie es dir eigentlich geht" oder "Es belastet mich, dass wir nicht mehr so oft Kontakt haben und ich würde mir wünschen, dass du mich öfters anrufst." Natürlich kann auch genau das Gegenteil der Fall sein. Vielleicht fühle ich mich unter Druck gesetzt und wünsche mir mehr Verständnis, dass wir uns nicht mehr so oft austauschen. Wichtig finde ich es außerdem, der Freundin zu erklären, weshalb ich dieses Gespräch überhaupt suche. Das kann beispielsweise so klingen: "Ich weiß, dass es jetzt irgendwie unangenehm ist, hier dieses Gespräch zu führen, aber ich mache das, weil mir unsere Freundschaft so am Herzen liegt und ich mir um die Qualität unserer Freundschaft tatsächlich Gedanken mache." Dadurch wird die Situation für mein Gegenüber noch besser eingeordnet und die vermeintliche Kritik kann als Wertschätzung gehört werden.

Gibt es sonst noch etwas, das ich beachten sollte?

Böttger: Ja. Die Atmosphäre ist ganz wichtig, finde ich. Das Gespräch sollte nicht zwischen Tür und Angel stattfinden und auch nur dann, wenn beide den Kopf dafür haben. Wenn meine Freundin sich gerade auf eine wichtige Prüfung oder eine Präsentation vorbereitet, dann sollte ich das Gespräch erst nach diesem Termin suchen. Ich würde auch vermeiden, die Situation unnötig aufzuladen. Also auf gar keinen Fall in dieser oder einer ähnlichen Form ankündigen: "Können wir uns in zwei Wochen treffen? Ich würde da gerne etwas mit dir besprechen." Das baut Druck bei der anderen Person auf, der überhaupt nicht hilfreich ist. Lieber dafür sorgen, dass es entspannt ist. Dazu kann ich auch am Tag des Gesprächs selbst etwas beitragen, indem ich Zeit für eine kleine Achtsamkeitsübung einplane. Wer schon meditiert oder beispielsweise ein Tagebuch schreibt, kann das ganz bewusst zur Vorbereitung einsetzen. Wer damit noch keine Erfahrung hat, dem empfehle ich, sich ein paar Minuten vor dem Treffen Zeit zu nehmen und einfach nur tief zu atmen. Das beruhigt unser Nervensystem und entspannt unseren ganzen Körper. Beste Voraussetzungen.

Was kann ich denn von so einem Gespräch erwarten? Also, weshalb lohnt sich der ganze Aufwand?

Böttger: Es bringt einfach Klarheit und meistens stellen wir fest, dass es der Person ähnlich geht. Wir sind nämlich selten die Einzigen, die sich unwohl in einer Verbindung fühlen. Durch ein offenes Gespräch haben beide die Chance, das unangenehme Gefühl mal in Worte zu fassen und es wird schnell klar, ob gemeinsam nach Lösungen gesucht wird oder ob die Freundschaft ein Ende gefunden hat. Zumindest für den Moment. Es kann ja sein, dass in der Zukunft wieder eine Annäherung möglich ist, beispielsweise weil sich die Werte, Themen und Interessen erneut verändern und einen wieder zusammenbringen. Also, nur Mut. Verlieren kann ich nichts. Wenn die Situation im schlimmsten Fall eskaliert und ich im Streit auseinander gehe, dann weiß ich immerhin, woran ich bin und kann damit umgehen.

Mal angenommen, mir geht es gar nicht darum, die Freundschaft wieder zu beleben. Viel stimmiger fühlt es sich an, sie zu beenden. Wie mache ich in Freundschaften Schluss?

Böttger: Ja, darin haben wir wenig Übung, weshalb die meisten es bevorzugen, sich davon zu schleichen, also Treffen absagen und auf Nachrichten irgendwann nicht mehr reagieren. Ehrlicher und hilfreicher ist es aber, auch in diesem Fall mutig zu sein. Das Gespräch unterscheidet sich im Wesentlichen nicht so sehr von dem, das ich eben beschrieben habe. Wichtig ist ein persönliches Treffen, kein Anruf oder eine Nachricht. Das ist einfach zu unpersönlich und verletzend, außerdem kann es leicht zu Missverständnissen führen. Im Gespräch empfehle ich konkret darzulegen, weshalb ich zu dem Entschluss gekommen bin, die Freundschaft zu beenden. Das ist natürlich ganz individuell. Wichtig ist es, bei sich zu bleiben und die Person nicht zu verurteilen oder zu beschuldigen. Das Ziel dieses Gesprächs ist ja nicht, die Verbindung einfach nur schlecht zu machen, sondern möglichst ein gutes und klares Ende zu finden, mit dem beide Seiten leben können. Es ist gar nicht so anders als ein Trennungsgespräch in romantischen Beziehungen. Nur wird aus dem, hoffentlich ernst gemeinten: "Lass uns Freunde bleiben", eben ein: "Lass uns Bekannte sein". Im besten Fall kann man sich nämlich nach dem Ende der engen Beziehung immer noch höflich grüßen, wenn man sich zufällig auf der Straße oder auf Veranstaltungen wiedersieht. Entscheidend ist es zu besprechen, wie der zukünftige Umgang miteinander für beide am verträglichsten ist, so dass man nicht jedes Mal Angst vor einer zufälligen Begegnung hat. In einer langjährigen Freundschaft ist es ja auch oft so, dass es viele Überschneidungen gibt. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis man wieder aufeinandertrifft.

Das klingt echt anspruchsvoll. Gibt es nicht vielleicht doch noch eine andere Alternative als diese direkte Konfrontation?

Böttger: Klar, es klingt erstmal absolut überfordernd, aber leider raubt uns die Alternative, das klassische Aussitzen und Verdrängen, noch mehr Energie und zwar über einen viel längeren Zeitraum. Die unverarbeiteten Emotionen werden mich so lange begleiten, bis ich sie ausgesprochen habe. Wenn wir uns durch das Verhalten einer Person verletzt fühlen, dann sollte diese Verletzung auch Anerkennung finden, indem sie geäußert wird und zwar an der richtigen Anlaufstelle und nicht bei einer dritten Freundin. Das kennen auch viele von uns. Es fällt uns leicht, uns an eine andere unbeteiligte Person zu wenden und hier unser Herz auszuschütten oder zu fluchen. Das fühlt sich im ersten Moment erleichternd an, aber auf die Dauer bringt es uns gar nichts. Wenn wir uns trauen, uns verletzlich zu zeigen und uns mit unserer Enttäuschung an die Freundin wenden, die es auch betrifft, nur dann, haben wir auch die Chance auf ein versöhnliches Ende.