Spaniens Zimmermädchen proben den Aufstand gegen ihre Arbeitsbedingungen. Foto: dpa

Zahllose deutsche Touristen genießen während der Sommerferien Spaniens Strände. Sie ahnen zumeist nicht, wie schlecht es denjenigen geht, die für frischbezogene Betten und saubere Duschen sorgen. Doch nun regt sich Protest.

Ibiza - Am Samstagmorgen gegen 8 Uhr hat sich ein Tourist in Port d‘Es Torrent auf Ibiza derart von einer Demonstrantengruppe gestört gefühlt, dass er aus seinem Hotel stürzte, auf eine der Demonstrantinnen zulief, ihr deren Tröte entriss und sich danach mit einem Gewerkschafter anlegte, der der Frau zur Hilfe geeilt war. Der Tourist hatte Recht: Die Demonstranten störten, und sie wollten stören. So viel Lärm hatten sie noch nie gemacht. Es waren die Kellys, die an diesem Wochenende auf Ibiza und der kleinen Nachbarinsel Formentera zum ersten Zimmermädchenstreik in Spanien aufgerufen hatten. „Zu sehen, wie wir die Angst überwunden haben und auf die Straße gegangen sind, ist schon ein enormer Sieg“, sagte am Samstag eine der Aktivistinnen zur Netzzeitung eldiario.es.

„Las Kellys“ steht für „Las que limpian” – die, die saubermachen. In Deutschland nennt man sie Zimmermädchen; Sauberfrauen wäre ein passenderer Name. Die wenigsten Touristen nehmen sie wahr, ein kurzer Gruß im Hotelflur, wenn überhaupt – das war’s. In Spanien hat sich das geändert, da haben sie sich selbst auf die politische Agenda gebracht. Seit gut drei Jahren sind rund 2000 von ihnen im Verband der Kellys organisiert. Das ist nur ein kleiner Teil der – nach Schätzungen der Gewerkschaft Comisiones Obreras – insgesamt 140 000 Zimmermädchen in spanischen Hotels. Aber dieser kleine Teil macht Lärm für alle. Und er hat schon etwas erreicht.

Ihre Forderung: Leiden als Berufskrankheiten anerkennen

Ihren medialen Durchbruch erlebten die Kellys im April vergangenen Jahres, als sie sich mit dem damaligen konservativen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy trafen und ihn in zwei Stunden Gespräch kaum zu Wort kommen ließen. Keine zwei Monate später stürzte der Sozialist Pedro Sánchez die Rajoy-Regierung. Die von Sánchez auserwählte Tourismusministerin Reyes Maroto telefonierte mit den Kellys, bevor sie ihren Amtseid ablegte. Und hörte sich deren Forderungen an. Das sind vor allem zwei: das Ende des Outsourcing und die Anerkennung von Leiden als Berufskrankheiten.

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Seitdem hat es Fortschritte gegeben. Noch im Sommer vergangenen Jahres wurden das Karpaltunnelsyndrom (durch Überlastung der Hände), die Bursitis (Entzündung vor allem am Ellbogen) und der Tennisarm als Berufskrankheiten anerkannt. Außerdem begann das Tourismusministerium, seinen „Masterplan würdige Arbeit“ in die Tat umzusetzen. Es schickte regelmäßig Inspektoren in die Hotels, um dort die Lage des Personals unter die Lupe zu nehmen. Nach Darstellung des Ministeriums trugen diese Inspektionen allein zwischen August letzten und Januar diesen Jahres dazu bei, die Arbeitsbedingungen von 14 000 Hotelbeschäftigten zu verbessern.

Dumpinglöhne nach Outsourcing

Natürlich ist deswegen noch nicht alles gut. Vor allem die seit 2012 gesetzlich erleichterte Auslagerung der Hotelreinigung an Fremdfirmen dient der Gewinnmaximierung zulasten der Zimmermädchen. Die Festangestellten unter ihnen verdienen rund 1200 Euro im Monat, die Leiharbeiterinnen 750 Euro. Nach dem Willen der Tourismusministerin soll mit dieser Diskriminierung bald Schluss ein – wenn Spanien denn endlich wieder eine gewählte Regierung hat.

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Mit dem Streik an diesem Wochenende auf Ibiza wollten die Zimmermädchen Druck machen. Die Arbeitsbelastung steige, sagen sie. Und wer sich beschwere, bekomme vom Chef womöglich zu hören, dass ja „niemandem eine Pistole an den Kopf gesetzt“ werde und man sich jederzeit in einem anderen Hotel nach einer besseren Stelle umschauen könne. So sprach ein Hoteldirektor auf Fuerteventura mit seinen Angestellten; die Kellys machten eine Aufnahme seiner Worte vor ein paar Tagen publik. Mit ihrem Lärm haben sie sich nun erneut Gehör verschafft.

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