Vor der Liederhalle versammeln sich die Bankbeschäftigten zu einer kurzen, spontanen Protestkundgebung. Foto: Verdi

Bei Verdi wächst die Zuversicht, einen für die Belegschaften schmerzhaften Zusammenschluss der Commerzbank mit der Deutschen Bank abzuwenden. Das zeigt sich auch bei einer Belegschaftsversammlung der Commerzbanker in der Stuttgarter Liederhalle.

Stuttgart - Die wenig fröhlichen Gesichter der 300 Stuttgarter Commerzbank-Beschäftigten sprechen Bände: die mögliche Fusion mit der Deutschen Bank mitsamt dem drohenden Verlust von bis zu 30 000 Jobs macht ihnen zu schaffen. Nach einer Betriebsversammlung treffen sie sich vor der Liederhalle zu einer kurzen Protestkundgebung. Die Kommentare fallen entsprechend aus: „Die Stimmung ist natürlich gedrückt, zumal wir das Spiel schon einmal mit der Dresdner Bank mitgemacht haben“, sagt ein erfahrener Mitarbeiter. Er hat nur noch fünf Jahre bis zum 60. Lebensjahr, da könnte er sich vielleicht in ein Vorruhestandsprogramm retten. Aber traurig wäre dies für ihn in jedem Fall nach fast vier Jahrzehnten in Diensten der Bank.

Sein Kollege neben ihm zeigt sich „guter Dinge, dass wir das noch verhindern können“, weil die Belegschaft sich dagegenstemme. In diesem Sinne hat auch ein 34-jähriger Angestellter bei der Versammlung an Optimismus gewonnen, „weil so viele Punkte dagegen sprechen“. Einer Kollegin schwant: „Dies wird keine Fusion, sondern eine Übernahme – und wir sind dann das Bauernopfer.“ Schließlich gelte für die „Deutschbanker“ bis Mitte 2021 ein Kündigungsschutz. Zudem habe die Deutsche Bank über Jahre interne Abteilungen abgebaut – „da machen die uns auch platt“.

Commerzbank-Chef Zielke allein auf weiter Flur?

So wächst der Widerstand gegen den Zusammenschluss, zu dem sich die Führung der Deutschen Bank bis zur Vorlage der Quartalszahlen am 26. April äußern will. Die Gewerkschaft Verdi nährt die Hoffnung, ihn verhindern zu können. „Bundesweit ist die Belegschaft sehr kämpferisch – sie glaubt an die eigene Bank und will sich nicht kampflos in die Fusion begeben“, sagt ihr Fachmann Stefan Wittmann, der im Aufsichtsrat der Commerzbank sitzt, im Gespräch mit unserer Zeitung. Er schätzt die Chancen auf 70 zu 30, „dass wir die Fusion verhindern – weil es außer dem CEO niemanden gibt, der es wirklich will“. Gemeint ist Commerzbank-Chef Martin Zielke. Die Wirtschaftsweisen, die Bafin, die Bundesbank, die Europäische Zen­tralbank – alle würden auf die nicht einschätzbaren Schwierigkeiten einer Fusion hinweisen. Und viele Großkunden hätten dem Firmenkundenvorstand Michael Reuther gedroht: Wenn ihr fusioniert, sind wir weg. „Das macht mich zuversichtlich“, sagt Wittmann. „Menschen, die mit einem Gewerkschafter früher nicht bei offiziellen Anlässen geredet haben, rufen mich nun an und wollen diskutieren, wie man diesen Blödsinn verhindern kann.“

Vorstandschef Zielke hält aus seiner Sicht das Buchwertverhältnis gerade für günstig – die Commerzbank-Aktionäre würden einen größeren Teil vom Kuchen Deutsche Bank abbekommen, bevor diese sich an der Börse erholt hat. „Die Größe des Kuchenstücks ist aber völlig wurscht bei einem Kuchen, der nicht schmeckt“, rügt Wittmann. Er habe den Eindruck, „dass sich Führungskräfte intern sehr deutlich von Zielke distanzieren“. Dieser müsse sich am Ende die Frage stellen lassen, „ob er für die Bank noch tragbar ist“. Denn bei einer Abstimmung im Aufsichtsrat würde die Arbeitnehmerseite geschlossen dagegen sein. Und wenn dann nur ein einziger Kapitalvertreter dagegen stimme, habe Zielke keine Mehrheit mehr in dem Gremium.

Mobilisierungsschub in der Bankentarifrunde

Auch bei der Deutschen Bank herrscht eine Abneigung gegen eine Fusion. „Die will es definitiv nicht“, sagt Wittmann. Die Verdi-Mitglieder des dortigen Aufsichtsrates – allen voran Gewerkschaftsvorsitzender Frank Bsirske – äußern die Einschätzung, dass Bankchef Christian Sewing für seine Aktionäre ernsthaft prüfen müsse, ob eine Fusion sinnvoll sei – dass er aber selbst nicht daran glaube. Bleibt noch die Politik: Aus Sicht vieler Beschäftigter vor der Liederhalle strebt vor allem Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) den Zusammenschluss an. Am 8. April will das SPD-Präsidium darüber reden. „Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass die Zeile ,Scholz vernichtet 30 000 Arbeitsplätze‘ den Europawahlkampf beherrschen soll“, sagt Wittmann. Konkret ginge es dabei insbesondere um ungefähr 10 000 Jobs in Frankfurt und Umgebung, wenn die beiden Hauptverwaltungen zusammengelegt würden – ferner um 6000 Beschäftigte in den gut 400 Filialen mit deckungsgleichem Einzugsgebiet sowie um 8000 Arbeitsplätze in den Tochtergesellschaften mit ähnlichen Aufgaben.

Bundesweit kommt es daher in beiden Banken zu immer mehr Protestaktionen. Die laufenden Tarifverhandlungen helfen Verdi bei der Mobilisierung. Denn gegen die Fusion darf zwar nicht gestreikt werden, da gilt es rechtlich sauber zu trennen – aber dass die Beschäftigten im Rahmen eines Warnstreiks der Tarifrunde auch in eigener Sache ihren Unmut kundtun, will die Gewerkschaft keineswegs verhindern. Bei der Commerzbank habe sich die Belegschaft den Slogan „Getrennt in den Farben – gemeinsam in den Zielen“ ausgedacht. Dies scheint zu wirken: „Das erste Mal in ihrer Geschichte haben wir eine flächendeckend zählbare Unterstützung der Deutschbanker“, betont Wittmann.

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