Bitterer Abgang – für immer? Bundestrainerin Steffi Jones muss um ihren Job bangen. Foto: dpa

Das Ziel war der Titel – das frühe Aus bei der EM nicht einkalkuliert. Die 1:2-Niederlage der Fußball-Frauen gegen Außenseiter Dänemark hinterlässt Spuren, das zeigen die Kommentare nach dem Scheitern.

Stuttgart/Rotterdam - Die Reaktionen auf das Aus der deutschen Fußball-Frauen im Viertelfinale der EM in Holland fielen nach dem 1:2 gegen Dänemark heftig aus – im Mittelpunkt der Kritik: Bundestrainerin Steffi Jones. Hier eine Auswahl an Pressestimmen:

„Sport 1“: „Als Trainer-Routinier Bernd Schröder vor zwei Jahren von der Ernennung von Steffi Jones zur Bundestrainerin erfuhr, dachte er laut eigener Aussage zunächst an einen Aprilscherz. Auch andere Experten im deutschen Frauen-Fußball waren über die Entscheidung der DFB-Spitze zumindest überrascht, schließlich hatte Jones bis dahin noch nie als Trainerin gearbeitet. Nach dem Debakel des Frauen-Nationalteams bei der EM können sich die Kritiker im Nachhinein bestätigt fühlen: Das Experiment mit Neuling Jones ist gescheitert.

Schließlich hatte die einstige Nationalspielerin beim Amtsantritt hohe Ziele ausgegeben: Sie wolle der Mannschaft eine eigene Handschrift geben, schöneren Fußball spielen und den EM-Titel gewinnen – was im Übrigen auch der erklärte Anspruch von DFB-Präsident Reinhard Grindel war.

All das ist Jones nicht gelungen. Der Titelverteidiger präsentierte sich in den Niederlanden spielerisch weit entfernt von früheren Glanztaten, agierte in allen Begegnungen vorne ideen- und harmlos sowie hinten unaufmerksam und fehlerhaft.

Die fünf Turniertore entstanden aus drei Elfmetern und zwei Torwartfehlern, die finale Niederlage gegen den klaren Außenseiter Dänemark war völlig verdient. Mehr noch: Seit 30 Jahren ist das DFB- Team, das zuletzt sechsmal in Folge den Titel holte, nicht mehr so früh bei einer EM ausgeschieden. Ein Jahr nach dem Olympia-Triumph liegt der deutsche Frauen-Fußball somit am Boden.“

„Bild.de“: „DFB-Boss Reinhard Grindel (55) war in Rotterdam nicht im Stadion, er wollte erst zum Halbfinale kommen. Aus dem Urlaub gab er via Facebook keine klare Rückendeckung für Jones: „Natürlich sind wir beim DFB alle sehr enttäuscht über das frühzeitige Ausscheiden und vor allem über die spielerische Leistung gegen das dänische Team.“ Nach „Bild“-Informationen will sich Grindel erst mit den bei der EM anwesenden DFB-Kollegen (Vizes Koch, Ratzeburg, Direktorin Ullrich) austauschen, dann entscheiden.

Spätestens da müssen die diversen Jones-Fehler auch bei den Bossen zur Sprache kommen:  Keine Stammelf gefunden; vom Erfolgssystem 4-2-3-1 auf Raute umgestellt; durch Fixierung auf Regisseurin Marozsan leicht ausrechenbar; statt Top-Torjägerin Islacker spielte die enttäuschende Mittag regelmäßig.

Grindel: „Wir werden mit allen Beteiligten analysieren und überlegen, was zu tun ist, damit unsere Frauen-Nationalelf wieder an frühere Erfolge anknüpfen kann.“

Ob das mit Steffi Jones gelingt?“

Mutiger Neuanfang

„FAZ“: „Die Niederlage von Rotterdam ist auch die Folge eines radikalen Neuanfangs im deutschen Frauenfußball. Bundestrainerin Steffi Jones sagte seit ihrem Dienstantritt vor einem Jahr immer wieder, dass sie die Abkehr vom auf extreme taktische und defensive Disziplin gründenden, überaus erfolgreichen Umschaltfußball ihrer Vorgängerin Silvia Neid hin zu einem spielerischeren Ballbesitzfußball samt offensiver Ausrichtung für unvermeidbar hält – falls Deutschland auch künftig noch in der Weltspitze mitspielen und 2019 Weltmeister werden will. Vor der EM erklärte sie, dass bei allem Willen, Erster werden zu wollen, das Turnier eigentlich zu früh komme. Nun ist Deutschland so früh wie noch nie bei diesem kontinentalen Wettbewerb nur noch Zuschauer. Der Neuanfang war mutig, und es ehrt Steffi Jones, dass sie im Moment der Niederlage nicht ihre eigene Einschätzung des Entwicklungsstands als Entschuldigung vorbrachte. Steffi Jones weiß aber auch, dass ihre Auswahl selbst im Umbruch mindestens das Finale hätte erreichen müssen, weil Deutschland auf den am besten besetzten Kader bauen kann.“

„Rheinische Post“: „Die Bundestrainerin war optimistisch, dass ihr Team nach holpriger EM-Gruppenphase im Viertelfinale überzeugen würde. Man hätte es Steffi Jones gegönnt. Nach Abpfiff aber blieben nur Tränen der Enttäuschung. Die Däninnen feierten ihren verdienten 2:1-Erfolg über den Top-Favoriten des Turniers. Die Deutschen weinten über ein Ausscheiden, das für eigene Ansprüche viel zu früh kam. Nach sechs EM-Titeln in Folge formulierte Jones selbst stets das einzig akzeptable Ziel: Titelgewinn. Stattdessen folgte auf Kreativlosigkeit und katastrophale Chancenauswertung das Debakel. Es waren Fehler auf dem Platz, die die fehlende Erfahrung der Trainernovizin offenbarten. Jones hat dem Frauenfußball - nach der Ära der unterkühlten Vorgängerin Silvia Neid - ein sympathisches Gesicht verliehen. Doch sportlich ist sie gescheitert. Im Männer-Fußball wäre klar: Der Trainer muss gehen. Frauenfußball aber ist anders. Es gibt kaum öffentlichen Druck, kaum Aufmerksamkeit abseits großer Turniere. Das ist Jones’ Glück. Der Rückhalt von DFB und Mannschaft genügt. Und den genießt sie – noch.“

Der Anfang vom Umbruch

„Süddeutsche Zeitung“: „Beim nächsten großen Frauenfußball-Turnier, der WM 2019, wird in Grenoble und Montpellier gespielt, in Le Havre, Nizza und Paris. Nicht gespielt wird aktuellen Recherchen zufolge in Rotterdam, was aus Sicht des deutschen Fußballs vermutlich eine gute Nachricht ist. In Rotterdam ist der deutsche Fußball nämlich traditionell außer Form, wie man spätestens seit Sonntag bilanzieren muss. In Rotterdam haben die deutschen Männer bei der desaströsen EM 2000 ein Vorrunden-Abschlussspiel abgeliefert, das eine Abschaffung der Sportart nahelegte. Und auch die deutschen Frauen haben sich jetzt Rotterdam ausgesucht - für ein Spiel, das ebenfalls historische Züge trägt. Sechsmal hintereinander waren die DFB-Frauen zuletzt Europameister geworden, achtmal insgesamt – und jetzt müssen sie das Turnier plötzlich verlassen, bevor es richtig losgeht.

Vermutlich dürfen sich die Frauenfußballerinnen damit trösten, dass hier die Rotterdamer Parallelen enden. Der deutsche Männerfußball hatte damals abgewirtschaftet, er war aus der Zeit gefallen wie der dazugehörige Trainer Erich Ribbeck, und es brauchte sehr gründliche Reformen, um aus dieser Sportart wieder Fußball zu machen. Bei den Frauen ist weder radikaler Reformbedarf noch eine aus der Zeit gefallene Trainerin zu erkennen, es drängt sich eher der gegenteilige Eindruck auf: Das war nicht das Ende von etwas. Zu sehen war eher etwas, was noch ganz am Anfang steht.“

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