Fett und panisch: Gerd Ritter und Anna-Lena Hitzfeld als Gier und Angst. Foto: Alexander Wunsch

Hanneke Paauwe hat im Jungen Ensemble Stuttgart ihr neues Stück „Als der Baum mit den Roten Haaren weinte“ uraufgeführt. Darin macht sie deutlich, dass die Kinder für eine bessere Welt kämpfen müssen.

Stuttgart - Nie mehr Fleisch essen? Auf Plastik verzichten? Und sogar Schluss mit Lederschuhen und Ledertaschen? Das wollen die Kinder dann doch nicht – und so bejubeln sie emsig den König Murat, der ihnen in der TV-Show „Reich, reicher, am reichsten“ vollmundig Wohlstand verspricht. Doch Hanneke Paauwe hat die Zuschauer im Jungen Ensemble Stuttgart aufs Glatteis geführt. Denn in ihrem neuen Theaterstück „Als der Baum mit den roten Haaren weinte“ mag der König zwar Wohlstand propagieren, dass in seinem Land aber auch Armut existiert, das mag er nicht sehen.

Da haben sich die jungen Zuschauer wohl etwas zu leichtfertig zum falschen Kandidaten hinreißen lassen und applaudieren, bevor sie darüber nachgedacht haben, welcher Preis für Wohlstand bezahlt sein will. Schimpfend humpelt eine Frau in Lumpen über die Bühne – die personifizierte Armut.

Es ist eine sehr deutliche Lehre, die Hanneke Paauwe ihrem Publikum erteilt. Im Jungen Ensemble Stuttgart (Jes) hat die niederländische Theatermacherin die Uraufführung von „Als der Baum mit den roten Haaren weinte“ nun selbst inszeniert. Es ist ein eigenwilliges Theaterstück, das zwar für ein Publikum ab acht Jahren gedacht ist, aber wenig mit klassischem Kindertheater zu tun hat. Die Hauptfiguren sind Archibald Angst und Gerhard Gier, die die Weltherrschaft übernehmen wollen. Sie ziehen den König auf ihre Seite. Um sich beliebt zu machen, sperrt der die Armen und Obdachlosen fort in Miniwohnungen unter der Erde. Fenster gibt es hier nicht, dafür hat man schließlich Fernseher.

In einem geheimnisvollen Wald spielt das Märchen, in dem es plakativ um Gut und Böse geht. Michaela Broschs herrlich schrille Kostüme aus alten Pullis und Daunenjacken lassen die Figuren wie Fabelwesen wirken. Dabei ist das Stück aber auch sehr heutig und formuliert klar Kritik am aktuellen Kapitalismus. Auch wenn Hanneke Paauwe witzige Momente bietet, skizziert sie ein düsteres Szenario. Eine Seherin (Sabine Zeininger), wie man sie aus dem antiken Drama kennt, verbreitet Pessimismus. Und auch die Benefizaktion, zu der der König sich schließlich durchringt, ist mehr als zynisch: Zwei obdachlose Kinder sollen gönnerhaft in den Genuss kommen von Wohltätigkeiten „auf unserer Seite des Zauns“.

Das ist durchaus harter Tobak, zumal die Texte mitunter anspruchsvoll sind und nicht alles ganz verständlich ist. Aber Paauwe findet doch Bilder, die so prägnant sind, dass die Kinder die Botschaft sehr wohl hören. „Wenn die Liebe nicht für sich selbst sorgen kann, müssen es andere tun“, heißt es einmal – und es ist die Königstochter (Milan Gather), der es gelingt, dass die Liebe letztlich in die Welt zurückkehrt und Angst (Anna-Lena Hitzfeld) und Gier (Gerd Ritter) Paroli bietet. So wird in diesem düsteren Märchen von heute die Welt doch noch gut – und stimmen die kleinen Besucher willig ein und rufen: „Teilen, teilen, teilen.“

Vorstellungen
Vom 11. bis zum 13. Dezember

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