Lilla Flammann wohnt im Stuttgarter Osten – in der Nähe der Kultkneipe „Schlampazius“, die auch dieses Mal viele Fußballfans besuchen könnten. Foto: Lichtgut/Zophia Ewska

In der Region Stuttgart leben Menschen aus allen Ländern, deren Mannschaften zur Fußball-EM in der Landeshauptstadt spielen. In unserer Serie erzählen sie über sich und ihre EM-Wünsche. Heute: Lilla Flammann (46) aus Ungarn.

Lilla – wer denkt bei diesem Vornamen an einen Fußballverein, zumal einen aus Ungarn? Lilla Flammann trägt ihn, obwohl sie Fußball eigentlich nie besonders interessierte. Lila mit etwas Weiß sind die Farben des Vereinswappens von Újpest aus Budapest, dem erfolgreichsten Verein Ungarns. Muss man da noch hinzufügen, dass Vater Mihály ein großer Fußballfan ist?

Zum Fußball fand Flammann der Liebe wegen

Dabei wohnte die Familie im Städtchen Tótkomlós in der Nähe von Szeged, 220 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Nach Stuttgart kam Flammann 1997, um Architektur und Stadtplanung zu studieren. Ausgerechnet hier fand sie später dennoch zum Fußball, 2006 zur WM. Frisch verliebt begleitete sie ihren künftigen Mann zum Public Viewing. „Ich habe es wegen ihm mitgemacht und mich dann mitreißen lassen, die Stimmung war einfach toll, das war einmalig“, sagt sie im Garten ihrer Wohnung in Stuttgart-Ost, unweit der Kultkneipe „Schlampazius“.

Sie erinnere sich noch gut, wie zum Spiel der schottischen Nationalmannschaft schon nachmittags in den Kneipen das Bier ausgegangen sei, der trinkfreudigen schottischen Fans wegen. Wie sich nach den Spielen Fremde umarmten und das Leben nach draußen verlagerte. „Alle sind aus sich herausgekommen und lockerer geworden, nicht nur die Schwaben.“

18 Jahre danach steht sie bereit, abermals zur Mitläuferin zu werden. „Ich kann mich mitreißen lassen.“ Neben ihrem Mann Marko hat sie mittlerweile zwei fußballbegeisterte Kinder als Motivatoren, Sohn Pál (9) und Tochter Lara (11). Bereits jetzt befindet sich drei Viertel der Familie im emotionalen Ausnahmezustand, weil der Lieblingsverein VfB Woche für Woche in der Bundesliga begeistert hat und Vizemeister wurde. Die drei werden Frau und Mutter für die Spiele der ungarischen und deutschen Nationalmannschaft aus dem Abseits holen, es soll zum Public Viewing gehen. „Mein Mann und die Kinder würden am liebsten jedes Spiel sehen. Aber die Kinder müssen ja noch in die Schule gehen.“

Flammann arbeitet für die Stadt Ludwigsburg als Stadtplanerin. Sie ist ein offener Mensch, der sich gerne unter die Leute mischt. In einem ungarischen Kulturverein unterrichtet sie ihre Muttersprache. Interessenskonflikte, wem sie im Spiel Deutschland gegen Ungarn die Daumen drücken soll, trägt sie keine aus, so weit reicht die Begeisterung dann doch nicht. „Natürlich wünsche ich mir, dass die deutsche Mannschaft weit kommt, wegen der Stimmung. Und auch die ungarische, weil sie schon lange nicht mehr erfolgreich war.“

Die ersten Anfragen zum Übernachten trudelten schon ein

Bei der letzten EM schied Ungarn in der Vorrunde als Gruppenletzter aus. Von der berüchtigten Gruppe einiger rechtsextremistischer ungarischer Fans habe sie schon gehört, meint Flammann. Sie hofft, dass nur die „die ganz normalen Leute“ nach Stuttgart zum Zugucken kommen. Es solle wohl Charterflüge nur für Fußballfans geben. Bei ihr trudelten bereits die ersten Anfragen zum Übernachten ein, von Bekannten.

Vielleicht gehen bald auch von ihnen Bilder um die Welt, vom Fanfest auf dem Schlossplatz. Flammann mag Stuttgart, sonst wäre sie nicht geblieben. Nur die Luft im Osten der Stadt könnte besser sein. Sicherere Fahrradwege und ein Badesee wären auch nicht schlecht, meint sie, wobei sich letzteres wohl nicht ändern lasse.

Einen EM-Tipp wagt Flammann nicht abzugeben. Die Tochter, die gerade aus der Schule kommt, allerdings schon. Sie hat bereits die deutsche Gruppe und mögliche Gegner im Achtelfinale analysiert. Für Deutschland und Ungarn sei dort Schluss, meint Lara – zu stark die Konkurrenz. Frankreich werde die EM gewinnen.

Flammann würde auch das die Stimmung nicht verderben. Für sie gibt es trotz ihres Vornamens ohnehin nur eine Sache, die wirklich wichtig ist. „Familie. Alles geht um die Familie.“