Hier in der Württembergstraße oberhalb von Untertürkheim werden die Systembauten bis Anfang 2026 stehen – die Stadt braucht jeden Platz. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko/Lichtgut/Max Kovalenko

Die Situation in Syrien bereitet vielen Menschen Sorge. Manche befürchten eine neue Flüchtlingswelle. Leer stehende Unterkünfte gäbe es dafür in Stuttgart nicht. Denn es herrscht nach wie vor Vollbelegung. Grund ist die wachsende Fläche für jeden Einzelnen.

Stuttgart - Es ist noch nicht lange her, seit Zigtausend Flüchtlinge 2015 und Anfang 2016 nach Deutschland geströmt sind. Die Bilder von zu Notquartieren umgebauten Turnhallen auch in Stuttgart sind noch präsent. Doch das Thema ist nach und nach wieder in den Hintergrund gerückt. Bis zum Einmarsch der türkischen Armee in Syrien. Spätestens seit diesem Zeitpunkt warnen nicht wenige Experten vor einer neuen Welle von Geflüchteten, die sich anbahnen könnte.

Wer glaubt, in diesem Falle gäbe es inzwischen wieder jede Menge frei stehende Kapazitäten, liegt ziemlich daneben. Denn obwohl zuletzt immer weniger Flüchtlinge in Stuttgart angekommen sind, geht es weiter eng zu. In der angespanntesten Zeit zählte die Stadt rund 10 000 Plätze. Derzeit sind es immer noch 7500 in 105 Unterkünften in der gesamten Stadt. Von der kleinen Wohnung bis zum großen Systembau ist alles dabei. „Es besteht quasi Vollbelegung“, sagt Stadtsprecher Sven Matis.

Die Stadt kann es sich deshalb nicht leisten, freiwillig auf Kapazitäten zu verzichten, zumal in den nächsten Monaten zwangsweise einige Quartiere wegfallen. Der größte Verlust an Plätzen steht auf dem Killesberg bevor, wo bisher auf dem früheren Messeparkplatz an der Landenbergerstraße 220 Menschen untergebracht sind. Aber nur noch bis Jahresende. Im nächsten Jahr müssen einige kleinere Unterkünfte geräumt werden, so dass über kurz oder lang nur noch rund 7000 Plätze vorhanden sind.

Noch immer 6100 Geflüchtete

Die Stadt hat deshalb die Laufzeiten für mehr als zwei Dutzend Unterkünfte verlängert. Die Systembauten, die in der ganzen Stadt errichtet worden sind, sollten ursprünglich fünf Jahre lang belegt werden. Diesen Zeitplan kann man nicht halten. Weil die Gebäude auf bis zu zehn Jahre Nutzung ausgelegt sind, soll dieser Rahmen jetzt voll ausgeschöpft werden, falls nötig.

Derzeit leben 6100 Geflüchtete in den Unterkünften. Voll sind die Gebäude dennoch, weil in Quartiere von Familien keine Fremden eingewiesen werden können und aufgrund von Gebäudeschäden immer ein gewisser Anteil nicht bewohnbar ist. Außerdem steht die Stadt unter Druck, was die Fläche pro Kopf betrifft. Denn seit 2018 läuft die im Land vorgeschriebene Umstellung, die jedem Bewohner statt vorher 4,5 nun sieben Quadratmeter Fläche zuspricht. Damit braucht man mehr Fläche für dieselbe Anzahl an Leuten.

„Derzeit verfügen von den 6100 Geflüchteten noch 1550 über 4,5 Quadratmeter“, sagt Matis. Sie sollen nach und nach, wie sich Kapazitäten ergeben, mehr Raum bekommen. Nach den Erfahrungen des Sozialamts bringt die Umstellung neben Flächenpro­blemen aber auch Vorteile mit sich. Am Montag soll im Rahmen des Flüchtlingsberichts auch der Gemeinderat davon in Kenntnis gesetzt werden. Demnach sorgt der zusätzliche Platz in den Bewohnerzimmern „für eine spürbare Entspannung“. Außerdem nutzen dadurch weniger Personen die Gemeinschaftsräume wie Küchen und Sanitärbereiche. Das gestaltet das tägliche Miteinander einfacher.

Leute werden ungeduldig

Umgekehrt verzeichnet die Stadt allerdings, dass viele Bewohner, die noch auf der kleineren Fläche leben müssen, zunehmend ungeduldiger werden. Sie verstehen nicht, dass der Prozess so lange dauert. „Die Verwaltung bemüht sich im Rahmen des Möglichen um eine Verbesserung der Situation“, sagt Matis. Dafür bräuchte es aber mehr Wohnraum, als vorhanden ist.

Verschärfend kommt hinzu, dass der angespannte Immobilienmarkt in Stuttgart und der Region es nicht gerade einfach macht, Flüchtlingen reguläre Wohnungen zu beschaffen. Seit Jahresanfang kommen jeden Monat etwa 100 neue Flüchtlinge in Stuttgart an. Rund 160 ziehen aus. Eine Zahl, die schlechter sein könnte – doch eigentlich müssten viel mehr Menschen die städtischen Unterkünfte verlassen. Derzeit haben 5300 der 6100 Bewohner eine Aufenthaltserlaubnis oder Duldung, könnten also ausziehen und Platz machen. Doch das stellt sich für viele als sehr schwierig heraus.

Und was passiert, falls die Flüchtlingszahlen doch wieder in die Höhe schnellen sollten? „Die Entwicklungen in Griechenland und der Türkei bleiben abzuwarten. Wir verfolgen sie aufmerksam“, heißt es im Sozialamt. Sollte es zu einem erneuten Anstieg kommen, würde sich „auch dieses Mal die Landeshauptstadt Stuttgart mit Engagement, Tatkraft und auch mit Improvisationsvermögen bemühen, die Situation bestmöglich zu meistern“ – ähnlich wie 2015 und während des Balkankriegs. Klar ist aber auch: „Die Schaffung zusätzlicher Unterkunftsplätze wäre dann erforderlich.“

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