Die einzige Frau im Team, Nasheska Castillo, mit ihren Kollegen José Pinillo (Mitte) und Juan Camillo – ausnahmsweise mal entspannt im stählernen Globus Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky

Wenn die Artisten auf ihren Motorrädern in der „Todeskugel“ kreisen, dann sitzt ihnen die Angst im Nacken. Und doch bestätigen sie Tag für Tag einen Weltrekord.

Stuttgart - Nach der Pause steht in der Manege eine Riesenkugel aus groben stählernen Strängen. Das Ding sieht aus, als sei es aus der Zeit gefallen. Dann knattert es und stinkt, die ersten Motorräder rollen ins Zelt. Die Helfer öffnen eine versteckte Tür in der Kugel, und es geht los. Erst drei, dann sechs, dann noch mehr rasen durchs Innere, wie verrückt gewordene Bienen. Unmöglich, sie zu zählen. „Die Pinillos“, hat sie Moderator Björn Gehrmann angekündigt, „halten seit 2009 den Weltrekord, mit neun Motorrädern gleichzeitig durch die Kugel zu fahren. Heute wollen sie es zu zehnt versuchen und den eigenen Weltrekord brechen.“

Man muss sich das mal vorstellen: Sie liefern einen Rekord nach dem anderen, jeden Nachmittag und Abend und manchmal auch am Vormittag. „Einfach nur, weil wir arbeiten gehen“, sagt José Antonio Pinillo Ramez, kurz José Pinillo. Er ist der Kopf der gleichnamigen Truppe von Motorradartisten, die noch bis zum 6. Januar beim Weltweihnachtscircus (WWC) auftritt. Die Pinillos sehen mit ihren weißen Protektoren aus wie moderne Gladiatoren. Sie zeigen auf dem Wasen eine schwindlig machende Show in der Stahlkugel mit einem Durchmesser von nur sechs Metern. Ihren Arbeitsplatz nennen sie Globe of Speed, Globus der Geschwindigkeit. Oder auch Todeskugel.

Seit 2005 ziehen die Pinillos um die Welt, vor vier Jahren waren sie schon einmal beim WWC dabei. An einem Wochentag vormittags in Stuttgart sitzen drei von ihnen in einem spartanisch eingerichteten Pausenwagen und wissen eigentlich gar nicht so recht, was sie erzählen sollen. Für sie ist der rasende Wahnsinn einfach nur ein Job wie jeder andere auch.

Beinahe. „Wir leben hier tagsüber unseren Zirkusalltag. Aber kurz vor dem Auftritt schießt das Adrenalin in die Adern“, erzählt die einzige Frau im Team, die 24 Jahre alte Nasheska Castillo. Sie fährt Motorrad, seit sie zwölf Jahre alt ist, damals noch eine ­Miniversion. Wie der 41-jährige José Pinillo kommt sie aus Kolumbien, und auch der Rest der Mannschaft stammt aus Südamerika. „Wir haben die Leidenschaft“, so erklärt das Pinillo.

Bis zu 70 Stundenkilometer

Alle Fahrer stammen wie José und ­Nasheska aus Zirkusfamilien. Etwas anderes als diesen Job können sie sich nicht vorstellen – auch wenn er gefährlich ist. „Das Krankenhaus ist meine zweite Heimat“, antwortet Pinillo grinsend auf die Frage, ob beim Training ab und an mal ein Unfall passiere. Mehr, meint er, brauche man dazu nicht sagen.

Die Motorräder, die mit bis zu 70 Kilometer pro Stunde durch die Kugel schießen, ­seien ganz normale 125-Kubikzentimeter-Maschinen, mit denen sie jederzeit auf der Straße fahren könnten, erklärt der Chef der Truppe. Nur die Reifen sind breiter, damit die Motorräder besser am Inneren der Kugel haften bleiben – ähnlich wie beim Motocross oder bei Rallyes, erläutert Pinillo. In Stuttgart hat er 15 Maschinen am Start. Geht ­etwas kaputt, wird es in der Regel selbst ­repariert.

Weihnachten haben die Pinillos gemeinsam verbracht, aber mit der romantischen Vorstellung einer Ersatzfamilie für die Artisten hat die Wirklichkeit wenig gemeinsam. Sie alle sind Profis, die einzeln arbeiten und je nach Engagement zusammenkommen oder wieder auseinandergehen. Sie sind Teil einer Unternehmung, José Pinillo hat drei Teams, die weltweit arbeiten.

Und dennoch: Als sie es in dieser Vorstellung wieder geschafft haben – sich erst am Boden der Kugel gedrängt haben und schließlich zu zehnt in der Horizontalen entlanggerast sind – und sich dann vor ihrer Todeskugel aufstellen, zeigt Pinillo ganz kurz die Zungenspitze. Weltrekord gesichert, vor allem aber: nichts passiert.

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