Picassos „La vie“ von 1903 Foto: Cleveland Museum of Art

Die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel zeigt in einer opulenten, jahrelang zusammengestellten Schau Werke der Blauen und Rosa Periode Picassos

Basel - Man hat nicht Geld, nicht Aufwand gescheut. Das bisher aufwendigste und kostspieligste Projekt der Fondation Beyeler in Basel, „Der junge Picasso – Blaue und Rosa Periode“, ist eine Ausstellung der Superlative: Sieben Millionen Franken ließ sich das Museum die Schau kosten; normalerweise ist das ein ganzer Jahresetat.

Allein die Versicherungssumme für die rund 110 präsentierten Werke liegt bei rund vier Milliarden Dollar. Die Vorbereitung dauerte vier Jahre. Doch der Aufwand hat sich gelohnt. Mit einer hinreißenden, vom Kurator Raphaël Bouvier konzis konzipierten Ausstellung will die Fondation Beyeler markieren: Picasso war ein Ausnahmekünstler des 20. Jahrhunderts.

Willkürliche Einteilung?

Die Einteilung des Frühwerks Picassos in eine Blaue und Rosa Periode mag recht willkürlich erscheinen; zumal es Überschneidungen gibt und einzelne Bilder der jeweiligen Phase die Namen gebende Farbe nur sehr sparsam aufweisen. Rosa und Blaue Periode teilen vielmehr das Frühwerk ein und verweisen auf Picassos frühe Abwendung von einer realistischen Farbgebung. Die Bilder der Blauen und Rosa Periode sind die beim großen Publikum mit Abstand beliebtesten Werke Picassos, deshalb hätte sich das Museum bequem zu einer Aneinanderreihung von „Gassenhauern“ moderner Kunst zurücklehnen können.

Doch die Ausstellung verfolgt nichts Geringeres als das ehrgeizige Ziel, die innere Logik der Entwicklung des frühen Picasso, die dann sehr bald in der kubistischen Phase mündete, aufzuzeigen.

Denn Blau und Rosa, das sind Schöpfungen eines ganz jungen Mannes, das ist die kurze Zeitspanne von 1901 bis 1906. Das älteste Gemälde, die sichtlich von Henri Toulouse-Lautrec beeinflusste „Femme en bleu“ von 1901, ist das Werk eines 19-Jährigen, noch in Barcelona entstanden. In weiteren Bildern dieser ganz frühen Zeit scheinen, im Pinselduktus oder im Einsatz farbiger Flächen, Vorbildern gleich Vincent van Gogh und Paul Gauguin auf. Auch Sujets wie Café- oder Cabaret-Szenen übernimmt der junge Künstler von den Postimpressionisten. Gleichzeitig findet Picasso bereits in dieser frühen Zeit zu einem individuellen Stil – wie auch zu einem eigenen Repertoire an Motiven.

Der Maler kannte die Not

Wer kennt sie nicht, die zartgliedrigen Kinder-, Frauen- und Männergestalten des blau-rosa Frühwerks. Picassos Bildakteure sind Akrobaten, Gaukler und Harlekine, Greise, Blinde und Bettler, Absinthtrinkerinnen und Prostituierte – Menschen am Rande der Gesellschaft.

In manchen Bildern regiert die blanke Not, wie sie der junge Künstler, der in den ersten Jahren zwischen Barcelona und Paris pendelte und 1904 auf dem Montmartre eine eigene Wohnung bezog, aus eigener Erfahrung kannte. Die technisch meisterhafte frühe Radierung „Das karge Mahl“ zeigt zwei Gaukler als junge, ausgemergelte Gestalten. Ihnen wie auch ­Figuren gleich einer in Haft sitzenden Prostituierten lässt Picasso ihre Würde.

An Selbstbewusstsein mangelt es dem jungen Künstler nicht. Mit „Yo Picasso“ – „Ich, Picasso“ – ist ein Selbstporträt von 1901 betitelt, in dem er vor der Leinwand mit zur Seite gewendetem Kopf aus dem Bild heraus den Betrachter fixiert. Der Pinselduktus des Bildes vergibt an Kühnheit den avanciertesten Schöpfungen der frühen Fauvisten nichts. Gleichzeitig hat der junge Maler die Chuzpe, sich kurze Zeit später als kränklich wirkenden, gealterten Mann darzustellen. Es sind dies Rollenspiele à la Rembrandt.

Melancholie ist der Grundton der meisten Bilder dieser ganz frühen Phase. Picasso malt einsame oder schlafende Absinthtrinkerinnen, einen Blinden beim kümmerlichen Mahl oder Akrobaten abseits der Manege. Wie Mehltau liegt Melancholie auf der Szene von „Akrobat und Harlekin“ von 1905. Im Übergang von der Blauen zur Rosa Periode (auch wenn die Grenzen dieser beiden Werkphasen verschwimmen) hellt sich nicht allein die Farbpalette, sondern die Bildstimmung hoffnungsvoll auf.

Der Künstler als Harlekin

Pablo Picasso malt jetzt sublime Por­träts oder Aktdarstellungen, aber auch symbolkräftige, allegorische Bilder wie „La vie“ – und Figuren aus der Welt der Commedia dell’arte.

Die Gestalt des Harlekins will als heimliche Identifikationsfigur des Künstlers erscheinen. In „La Célestine“, übersetzt etwa: die Kupplerin, von 1904 deutet sich bereits Picassos Interesse an erotischen Motiven an. Gegen Ende der Rosa Periode sind Tendenzen zu einer zunehmenden Reduktion und Stilisierung, aber auch zu einer an ethnografischer Kunst sich orientierenden Archaisierung nicht zu übersehen. Sie weisen bereits auf die kubistische Periode Picassos voraus.

Mit einem Reigen früher Meisterwerke gelingt es der Schau, Picassos künstlerische Entwicklung als unaufhörlichen Prozess der Wandlung darzustellen.

Noch bis zum 26. Mai, Fondation Beyeler, greöffnet Montag bis Sonntag 10–18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr.
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