Eine Bühnenszene zeigt, wie die Wirklichkeit sein kann: Erleichtert begrüßt Tochter Michaela (Miriam Grimm, rechts) die polnische Pflegerin Maria (Yaroslava Gorobey). Mutter Magdalena (Sabine Felix alias Felix S. Felix) ist hingegen skeptisch. Foto: Dudenhöffer/Chawwerusch

Das Chawwerusch-Theater zeigt in Eislingen das Stück „Maria hilf“ und bringt eine Problematik im Pflegebereich auf den Punkt, die im Alltag von Patienten, Pflegenden und Angehörigen alltäglich zu sein scheint. Ein reales Beispiel verstärkt diesen Eindruck.

Kreis Göppingen - Es sind genau diese Momente, die einen Theaterbesuch so reizvoll machen. Dieser abrupte Wechsel zwischen befreiendem Lachen und plötzlichem Erschrecken. Getoppt wird das Ganze noch, wenn einem das, was auf der Bühne gezeigt wird, aus der Wirklichkeit bekannt vorkommt. Bei seinem Gastspiel in der Eislinger Stadthalle hat das Chawwerusch Theater aus dem südpfälzischen Herxheim diese Kunst vortrefflich umgesetzt. Das Stück „Maria hilf“ brachte nicht nur das ernste, aber immer noch unterschätzte Thema Pflegenotstand auf die Bühne. Vielmehr war die Fiktion offenkundig so nah an der Realität, dass einem als Besucher angst und bange werden konnte.

Ein Schlaganfall von Mutter Magdalena, perfekt gespielt von Sabine Felix alias Felix S. Felix, lässt die familiäre Lebensroutine aus den Fugen geraten und stürzt die hektische und aufgrund ihrer eigenen Situation ohnehin schon überforderte Tochter Michaela (Miriam Grimm) in Konflikte. „Eine 24-Stunden-Polin muss her“, so lautet ihr Fazit, „weil die 1400 Euro im Monat kostet und nicht 8000, wie drei Deutsche“. Die Polin (Yaroslava Gorobey) kommt und stellt sich als eine der „pflegeleichten Marias“ vor. Doch die energische Magdalena ist, vorsichtig formuliert, wenig begeistert: „Eine Fremde in meinem Haus, das geht nicht“, stellt die Mutter klar.

In einer Göppinger Kreisgemeinde heißt eine dieser Marias Janina. Sie kommt nicht aus Polen, sondern aus Litauen, und weiß wie es ist, bei denen, um die sich kümmern soll, nicht willkommen zu sein. „Ich bin zum sechsten Mal in Deutschland, und hier im Filstal geht es mir gut“, sagt die 36-Jährige. Ihre Patientin ist zwar schwer dement. „Aber sie schlägt nicht, und ihre Familie ist sehr nett – zu ihr und zu mir“, erzählt Janina. Sie hat allerdings schon andere Erfahrungen gemacht: Ablehnung, fehlende Wertschätzung, Beleidigungen und Schlimmeres, über das sie nicht sprechen möchte.

Bei „Maria hilf“ werden diese auf den Punkt gespielt. Doch natürlich könne sie frei haben, erfährt Maria, so zwei Stunden am Tag vielleicht. Und das freie Wochenende wäre dann der Sonntagmorgen, erklärt ihr Tochter Michaela. Dummerweise kommt bei der überlasteten Sozialarbeiterin dann noch der Job dazwischen. „Ein Notfall, sorry“, zuckt sie entschuldigend mit den Schultern und verschwindet. Die anschließende Stille lässt Platz für Beklemmung. Maria muss bleiben. Und sie bleibt, nicht nur des Geldes wegen, wie sie sagt. „Pflege ohne Herz nix funktionieren“, stellt sie in gebrochenem Deutsch klar –, und die Beklemmung des Publikums wird größer.

Janina kennt diese Situationen. „Die Angehörigen meiner Patienten sind oft im Stress.“ Da sei es besser sich nichts vorzunehmen. „Ich weiß inzwischen, dass 24-Stunden-Pflege bedeutet, 24 Stunden zur Verfügung zu stehen“, betont die verheiratete Mutter zweier Kinder, die in Litauen bei der Oma leben. Drei Monate lang sieht sie ihre Familie nur via Skype. „Hier gehe ich manchmal spazieren und schaue mir die Umgebung an.“ Ab und zu fährt sie mit dem Bus in die Stadt, zum Einkaufen, meist aber, um mit ihrer Patientin zum Arzt zu gehen.

Im Theaterstück kommen sich Magdalena und Maria näher. Zeitweise ist das Verhältnis sogar herzlich. Doch den Hochs folgen wieder die Tiefs – und das Happy End bleibt aus. Yaroslava Gorobey geht in Marias Zerrissenheit geradezu auf. Das Wohnen in ihrem winzigen Gast-Zimmerchen, das Weit-von-Zuhause-weg-sein, das Handy stets im Anschlag, um in der Heimat nix zu verpassen. Und dann die schlimme Nachricht von der Familie. „Maria hilf“ blickt tief hinein in den Alltag der Frauen, die rund um die Uhr für andere da sind.

Janina erging es ähnlich. Als ihre Oma gestorben ist, war sie in Oberbayern beschäftigt. Die überstürzte Rückkehr war gleichbedeutend mit dem vorläufigen Ende ihrer Arbeit. Eine andere Pflegekraft wurde als Ersatz geschickt. „Ich hatte im Anschluss große Mühe, überhaupt noch einmal genommen zu werden“, macht sie die Tragweite ihrer Gewissensentscheidung deutlich. Janina musste auf viel Geld verzichten. Ihr Vermittler verschlechterte die Konditionen. Wer das ist, sagt sie nicht. „Ich muss aufpassen.“

Sich das Stück zu erarbeiten, sei nicht einfach gewesen, macht Felix S. Felix im Anschluss an die Vorstellung von „Maria hilf“ in Eislingen deutlich: „Wir haben Interviews mit Pflegerinnen geführt und mit Angehörigen. Wir haben viel gelesen, mit Fachleuten gesprochen und unser Regisseur ließ uns improvisieren.“ Dennoch habe der schwere Stoff dafür gesorgt, dass es lange nur bei der Idee geblieben ist. „Wir haben uns immer wieder gefragt, wer das sehen will, und sind von dem Zuspruch selbst überrascht, den wir jetzt erhalten.“

Janina freut sich indes über den Zuspruch, den sie auf ihrer jetzigen Stelle bekommt. Die gelernte Kindergärtnerin hat zwar ebenfalls nur ein winziges Zimmerchen für sich und kein eigenes Bad. Zudem hat sie Tätigkeiten zu verrichten, die sie aus medizinischer Sicht eigentlich nicht verrichten darf. „Aber ich erfahre Dankbarkeit“, lobt sie ihre Arbeitgeber. Das könne beim nächsten Mal aber wieder ganz anders sein, macht sich Janina nichts vor. Helfen will sie trotzdem.

Die 24-Stunden-Pflege bewegt sich in einem Graubereich

Bricht man die bundesweiten Schätzungen des Deutschen Instituts für Pflegewissenschaften herunter, sind in der Region Stuttgart rund 9000 Frauen aus Osteuropa als 24-Stunden-Pflegerinnen tätig. Sie leben mit den Menschen, um die sie sich kümmern unter einem Dach und übernehmen die Aufgaben der Angehörigen, die offiziell die Pflegenden sind und das Pflegegeld erhalten. Dieses muss in aller Regel aus eigener Tasche aufgestockt werden, um die Angestellten zu entlohnen. Deren Verdienst ist recht unterschiedlich.

Zum einen haben sich hierzulande Agenturen etabliert, die 24-Stunden-Pflegekräfte aus Osteuropa an Interessenten vermitteln. Diese schließen Verträge nach dem EU-Entsendegesetz ab. Die Sozialabgaben werden damit im Herkunftsland bezahlt. Eine 24-Stunden-Pflege durch eine Person ist gemäß deutschem Arbeitsrecht nicht legal, wird aber dennoch geduldet. Fachleute sprechen von einem Graubereich. Zudem gibt es Vermittler in den Heimatländern der Frauen, die über entsprechende Kontakte verfügen und in aller Regel wissen, wo Hilfe gefragt ist. In diesen Fällen reisen die Pflegerinnen als Touristinnen ein, arbeiten einige Monate, meist schwarz, und werden dann von „Freundinnen“ abgelöst, ehe sie wieder zu ihrer Familie zurückreisen. Legal ist auch diese Variante nicht.

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