Pfarrer Mergel predigt in Ludwigsburg im Dialekt „I find, s’muss net alles bloß Schwäbisch sei“

Von Patricia Beyen 

Pfarrer Manfred Mergel spricht und predigt am liebsten auf Schwäbisch. Foto: Klaus Wagner
Pfarrer Manfred Mergel spricht und predigt am liebsten auf Schwäbisch. Foto: Klaus Wagner

Über Dialekt lässt sich streiten. Für die einen ist es eine Verunglimpfung der Sprache, für die anderen ein lieblicher Singsang, der viel mit Heimat zu tun hat. Pfarrer Manfred Mergel bezeichnet das Schwäbische als sein „Lebenselexier“. Er hält seit 20 Jahren Predigten und Gottesdienste auf Schwäbisch ab.

Ludwigsburg - Mitte der 90er Jahre hat Manfred Mergel als junger Pfarrvikar begonnen, evangelischen Gottesdienste auf Schwäbisch abzuhalten. Auch weil er mit dem Klischee aufräumen will, dass jeder, der Dialekt spreche, ungebildet sei und wenig zu sagen habe.

Herr Mergel, welchen Bezug haben Sie zur Mundart?

Ich bin in Göppingen in einer urschwäbischen Großfamilie aufgewachsen. Schwäbisch war und ist für mich ein Lebenselixier. Mit dem Dialekt hat sich mir die Welt erschlossen. Als Erstklässler habe ich intuitiv Schwäbisch formuliert und geschrieben. Mein erster Aufsatz im Schulfach Deutsch ging notentechnisch komplett in die Hose. Das hat meiner Mutter eine schlaflose Nacht bereitet. Um Gottes willa, hat se gsagt, i zieh en Analphabeta groß!

Wie kamen Sie dann dazu, Gottesdienste auf Schwäbisch abzuhalten?

Ich hatte wegen meiner schweren schwäbischen Zunge Minderwertigkeitskomplexe – als Kind, als Jugendlicher, als Student im Ausland in Hamburg. Ich fühlte mich als plumper Schwab. Meine Mutter hat gerne gesagt: Schwätz mr fei anständig, wenn da fortgehst. S muss doch net jeder glei höra, wo du herkommst! Doch in der Fremde habe ich wohl unbewusst meinen Dialekt neu entdeckt. Das Klischee, wer Schwäbisch speche, sei ungebildet und habe wenig zu sagen, ist natürlich kompletter Quatsch. Aber ich hatte es lange geglaubt. Dann habe ich aus meiner Not eine Tugend gemacht und fing an, Schwäbisch zu schreiben und zu predigen.

Wer besucht Ihre Gottesdienste?

Alle mögliche Leut: Familien, treue Kirchgänger, Urschwaben und Reigschmeckte, die wo eifach a Freud hen, wenn ebber Schwäbisch schwätzt. Im Gottesdienst auf dem Cannstatter Wasenbietet sich immer ein buntes Bild. Leider sehe ich viel zu wenig junge Leute. Sie kommen oft wieder, wenn sie mal da waren. Aber sie kommen nicht unbedingt zahlreich. Mit der Einladung zu einem schwäbischen Gottesdienst können sie zunächst wenig anfangen. Sie leben nicht mehr in dieser sprachlichen Welt. Jetzt hinterher saget se manchmal, des sei direkt cool gwesa, voll subbr.

Welche Reaktionen bekommen Sie sonst so?

Meistens positive. Aber d Leut bruttlet au, dr Schwab sowieso. Allen kann ich es nie recht machen. Ich kann auch nicht immer die Erwartungen verschiedener Generationen miteinander versöhnen. Ältere Gottesdienstbesucher finden es zum Beispiel doof, wenn ich einen Gospelchor dabeihabe, der englische Lieder singt. Do verstanda mir nix! Jetzt de Junge gfällt genau des. I find, s muss net alles bloß Schwäbisch sein. Mr sott d Kirch im Dorf lassa.

Können Sie auch Hochdeutsch sprechen?

Ein Predigthörer hat das mal bezweifelt. Er meinte, ich solle ehrlich sein: Sie prediget auf Schwäbisch, weil Se net gscheit Deutsch könnet! Das ist falsch. Ich kann Schriftdeutsch. Um das zu beweisen, habe ich ein Buch in korrektem Deutsch geschrieben.

Gottesdienste auf Schwäbisch

Im Kreis Ludwigsburg
Am Sonntag, 14. Oktober, predigt Pfarrer Mergel um 19 Uhr in der Sankt-Georgs-Kirche in Poppenweiler.

Auf dem Volksfest
Einmal im Jahr hält Pfarrer Mergel auch auf dem Cannstatter Wasen einen schwäbischen Mundartgottesdienst. Das nächste Mal am Sonntag, 29. September 2019, um 10 Uhr im Schwaben Bräu-Festzelt.

In der Region
Seit 2015 arbeitet Mergel als sogenannter beweglicher Pfarrer im Kreis Freudenstadt. Als Mundartpfarrer bereist er ehrenamtlich das Land. Die schwäbischen Gottesdienste werden durch Spenden finanziert.

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