Peter Lenks Skulptur zu Stuttgart 21 ist eher Satire als Kunst. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Peter Lenks S-21-Skulptur vor dem Stadtpalais kommt gut an, weil sie die Mächtigen lächerlich macht. In die Kunstgeschichte wird sie aber vermutlich nicht eingehen.

Stuttgart - Eigentlich müssten Kunstmuseen vor Neid erblassen. Denn wann immer man an der neuen Skulptur von Peter Lenk vor dem Stadtpalais vorbeikommt, steht eine Traube von Menschen davor. Sie fotografieren, diskutieren, rätseln, wer diese oder jene Figur wohl sein mag, sie lesen den Begleittext, und vor allem kichern sie gern über das kleine Feigenblatt, das das Geschlecht des Ministerpräsidenten mehr schlecht als recht verdeckt. Selten erlebt man das Publikum so wach, interessiert und konzentriert bei der Kunstbetrachtung.

Aber ist das überhaupt Kunst? Sicher, Peter Lenk ist Bildhauer, in Süddeutschland sogar ein sehr gefragter. Er wurde 1947 in Nürnberg geboren, studierte an der Stuttgarter Kunstakademie und lebt schon lange am Bodensee, wo man gleich mehrere seiner Skulpturen und Brunnen findet. An seiner „Imperia“ in der Hafeneinfahrt von Konstanz kommt man kaum vorbei, sie ist bei Touristen ein beliebtes Fotomotiv. In Überlingen hat Lenk den Autor Martin Walser als Bodenseereiter verewigt. Für Schopfheim hat er den ehemaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel als preußischen Soldaten mit Pickelhaube dargestellt, in Stockach salutiert der Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping auf einem U-Boot.

Der Künstler hat ein klassisches Standbild erstellt

Der „Schwäbische Laokoon“, wie Peter Lenk selbst seine knapp zehn Meter hohe S-21-Skulptur vor dem Stuttgarter Stadtpalais nennt, ist zunächst ein klassisches Standbild mit Sockel, der in Schieflage geraten ist. Anstelle eines einzelnen mächtigen Mannes oder Reiters hat Peter Lenk an die 150 Figuren dargestellt. Im Zentrum der Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der wie Laokoon mit der Schlange ringt, die hier ein ICE ist. Man kann allerhand bekannte Persönlichkeiten entdecken: Wolfgang Schuster, Günther Oettinger, Annette Schavan und Winfried Hermann. Auf dem Sockel sind als Halbreliefs auch Demonstranten zu sehen, denen die Polizei mit Schlagstöcken begegnet. Parkschützer klettern auf einen Baum, den eine mit Kettensägen bewaffnete Meute niedermachen will.

Diese Halbreliefs am Sockel sind liebevoll ausgearbeitet. Ob es Schnürsenkel sind oder Bauhelme, alles ist mit Lust am Realismus ausformuliert. Peter Lenk ist ein Erzähler, der viele Szenen direkt aus der Wirklichkeit übernommen hat und zugleich gern zu eindeutigen Symbolen und Bildern greift.

Kunst ist ein inflationär gebrauchter Begriff

Zwei Jahre hat Peter Lenk an dem Standbild zu S 21 gearbeitet – und es wurden mehr als 135 000 Euro gespendet, damit es bis Ende März vor dem Stadtpalais stehen kann. Danach verschwindet es wieder, sofern die Stadt es nicht ankauft, der Preis soll bei rund 500 000 Euro liegen. Im Vergleich zu den meisten Werken, die etwa in der Staatsgalerie Stuttgart hängen und stehen, wäre das sehr günstig.

Kunst ist ein inflationär genutzter Begriff. Kochkünstler beanspruchen ihn ebenso für sich wie Hobbymaler und Schüler im Kunstunterricht. Aber nicht jedes Werk, das sich Kunst nennt, schreibt zwangsläufig Kunstgeschichte oder ist bedeutend genug, um ins Museum zu kommen. Was aber macht Kunst aus, die es eines Tages vielleicht in den Kanon schafft? Darüber herrscht schönste und stete Uneinigkeit. Der Kunstbegriff wird permanent neu erfunden. Am ehesten kommt man dem Phänomen auf die Spur, wenn man sich Kunst als etwas vorstellt, das einen neuen Gedanken riskiert, eine neue Form ersinnt oder Zusammenhänge erstellt, die so noch nicht formuliert wurden – also den Horizont erweitert. Das führt dazu, dass Kunstwerke oft unbequem sind, weil sie nicht reproduzieren, was man bereits weiß, sondern auf unsicheres Terrain führen.

Der „Schwäbische Laokoon“ will nicht zeitlos sein und allgemeine Themen verhandeln

Der „Schwäbische Laokoon“ dagegen will gar nicht überzeitlich sein und größeren Phänomenen nachspüren. Weder werden Politik und Macht ernsthaft analysiert noch neue Perspektiven auf S 21 geworfen. Lenk spießt konkrete Themen der Gegenwart auf und setzt dabei bewusst auf möglichst große Wiedererkennbarkeit. Der zentrale Reiz für das Publikum besteht sogar genau darin, bekannte Persönlichkeiten zu entdecken, weil die Satire erst ihre Wirkung entfaltet, wenn man die Akteure kennt: Angela Merkel im Strampelhöschen und Erwin Teufel als dickes Engelchen. Einem Publikum, das nichts von S 21 weiß, kann das Werk dagegen wenig geben. Somit sind Lenks Bildhauerarbeiten keine Kunstwerke im herkömmlichen Sinne, sondern eher dreidimensionale Karikaturen. Er will politische Zustände anprangern und die Mächtigen bloßstellen. Lenk nimmt das Bloßstellen oft sogar so wörtlich, dass er die Mächtigen nackt abbildet. Indem Lenk Winfried Kretschmann auszieht und mit angestrengtem Gesicht zeigt, wirkt der allzu menschlich, aber auch albern.

Es geht nicht um eine differenzierte Auseinandersetzung, sondern um eine Zuspitzung

Weil Lenk sich wie ein Karikaturist bei seinen Darstellungen nicht um die Intimsphäre oder die Würde der Dargestellten schert und sie oft verspottet, gibt es immer wieder Kritik an seinen Skulpturen. Provokation allein beweist aber nicht die Qualität eines Werks, selbst wenn das gern behauptet wird. Lenks „Laokoon“ mag vielen Menschen in der Stadt aus der Seele sprechen, weil das Standbild auf die diversen Konflikte des Großprojekts S 21 anspielt. Aber statt zu einer differenzierten Analyse zu motivieren, zeigt es die Verantwortlichen als Witzfiguren und bestätigt damit das schlechte Image, das Politiker und Mächtige in der Bevölkerung oft haben.

So kann man sich trefflich über die satirischen Spitzen Peter Lenks amüsieren. Ein kluges oder gar wegweisendes Kunstwerk ist das Standbild nicht. Deshalb wird diese neue Skulptur vermutlich nicht zu den Werken gehören, die spätere Generationen in einem Kunstmuseum bewundern werden. Aber vielleicht landet sie eines Tages ja in einer kulturhistorischen Sammlung – im Zusammenhang mit Stuttgart 21.

Ergänzung und Anmerkung (4. 11. 2020): Der Künstler widerspricht der Darstellung, bei einem möglichen Ankauf des „S-21-Denkmals“ durch die Stadt gehe es um eine Kaufsumme von 500 000 Euro. „Diese Summe habe ich selbst nie genannt“, sagte Lenk. Vielmehr betrage die Versicherungssumme des Kunstwerkes 250 000 Euro. Eine private Spendenaktion, die das Kunstwerk dauerhaft für Stuttgart sichern soll, habe bisher 135 000 Euro erbracht. Als Differenz zur Versicherungssumme verblieben derzeit also 115 000 Euro. Generell müsste ein Ankauf durch die Stadt aber natürlich auch erst einmal im Detail ausgehandelt werden. „Ich bin da noch gar nicht entschieden“, sagt Lenk. „Da sind ja auch viele andere Fragen genau zu bedenken, zum Beispiel der Aufstellungsort für meine Skulptur“. Es bleibe dabei, dass er sich selbst mit „diesem traurigen Projekt keine goldene Nase verdienen“ wolle.

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