Das Foto zeigt zwei Opfer der Pest im 14. Jahrhundert aus einem Doppelgrab in Deutschland. Foto: Fabian Strauch/dpa

15 bis 100 Millionen Opfer soll die Justinianische Pest im 6. bis 8. Jahrhundert in Europa gefordert haben. Exakte Zahlen gibt es nicht, nur Schätzungen aufgrund der Berichte zeitgenössischer Historiker. Wissenschaftler der Universität von Jerusalem haben die geschichtlichen Quellen jetzt genauer untersucht.

Jerusalem - Mitte des sechsten Jahrhunderts wurden die Menschen im Oströmischen Reich plötzlich von einer rätselhaften Krankheit dahingerafft. Sie bekamen Fieber und seltsame Beulen am ganzen Körper. Kurz darauf starben sie qualvoll – einer nach dem anderen, zu Tausenden und Zehntausenden.

Die verheerende Epidemie, die in Wellen zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert bis zu einem Viertel der Bevölkerung des Mittelmeerraumes auslöschte, benannten die Zeitgenossen nach dem damaligen Herrscher auf dem Thron von Byzanz, Kaiser Justinian I., der von 527 bis zu seinem Tod 565 n. Chr. in Konstantinopel regierte.

Die Folgen dieser Justinianischen Pest werden einer neuen Studie zufolge überschätzt. Behauptungen, die Pandemie habe die Population im Mittelmeerraum und in Europa deutlich dezimiert, seien kaum belegt, schreibt ein internationales Forscherteam in den „Proceedings of the National Academy“.

„Anhand der vorhandenen Daten war ein plötzlicher und dramatischer Bevölkerungseinbruch fast eindeutig die Ausnahme und nicht die Regel“, schreiben die Wissenschaftler um Lee Mordechai von der Hebräischen Universität Jerusalem.

Historiker unterscheiden drei große weltweite Pest-Pandemien

– Die Justinianische Pest mit der ersten Welle in den Jahren 541 bis 544, auf die bis Mitte des 8. Jahrhunderts mehr als ein Dutzend weitere Wellen in Europa und im Mittelmeerraum folgten.

– Der Schwarze Tod, der Europa, Vorderasien und Nordafrika im 14. Jahrhundert heimsuchte.

– De Dritte Pandemie, die ab Ende des 19. Jahrhunderts in Süd- und Ostasien wütete und sich auch nach Madagaskar und Lateinamerika ausbreitete.

Der Verursacher: Bakterium Yersinia pestis

Verursacht wird die Pest vom Bakterium Yersinia pestis, das vor allem über Insekten wie etwa Flöhe verbreitet wird. Schätzungen von Experten zufolge habe die Justinianische Pest zwischen 15 und 100 Millionen Todesopfer gefordert, was etwa 25 bis 60 Prozent der damaligen Bevölkerung des Oströmischen Reichs entspreche, wie die Autoren in ihrem Artikel ausführen.

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Pestepidemie im byzantinischen Reich

Nach gängiger Einschätzung habe die Pest zum Niedergang Byzanz und dem Ende der Antike beigetragen. Sie sind der Ansicht: „Solche außergewöhnlichen Behauptungen erfordern außergewöhnliche Belege.“

„Wenn die Pest ein Schlüsselmoment der Menschheitsgeschichte war und angeblich binnen weniger Jahre zwischen einem Drittel und der Hälfte der Population des Mittelmeerraums tötete, sollten wir dafür Belege haben“, erklärt Mordechai. „Aber unsere Datenanalyse fand nichts.“ Viele Historiker, so seine Kritik, hätten ihre Annahmen bisher aus den aufrüttelnden Berichten abgeleitet und andere Quellen ignoriert.

Zu den wichtigsten Quellen zählt der zeitgenössische griechische Historiker Prokop, der die Seuche in Konstantinopel beschrieb. Dieser beschreibe die Pest in weniger als einem Prozent seines Werkes, bei dem Geschichtsschreiber Gregor von Tours seien es höchstens 1,3 Prozent. Das sei wenig angesichts der vermeintlich dramatischen Auswirkungen der Pest, so die Forscher.

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Niedergang der Römer durch die Pest?

Generell, so betonen sie, gingen schriftliche Quellen nur vereinzelt auf Pestausbrüche ein. Die Auswertung von Papyri und von Inschriften gäben keine Hinweise etwa auf deutliche Abnahmen der Bevölkerung. Auch die Produktion und Zirkulation von Münzen deute nicht auf gravierende Veränderungen hin. Ferner belegten auch Pollenanalysen keine Abnahme der landwirtschaftlichen Produktion infolge der Pest.

Selbst die mitunter angeführten Massengräber aus jener Epoche lassen die Forscher nicht gelten. „Nicht alle Massen- oder Mehrfachgräber sind das Resultat einer Krankheit“, betonen sie. Bestattungen im selben Grab würden eher soziale Verbindungen oder Verwandtschaftsbeziehungen widerspiegeln.

Die Pest-Mortalität sei in verschiedenen Regionen unterschiedlich hoch gewesen, betonen die Forscher. „Manche Regionen erlitten vielleicht zeitweilig eine höhere Sterblichkeit, wie etwa Konstantinopel beim ersten Ausbruch, aber wir können nicht davon ausgehen, dass das für alle gilt.“ Künftig solle man die Folgen der Pest lokal untersuchen, anstatt vom „Niedergang der Römer“ oder von einem Bevölkerungseinbruch zu sprechen, schreiben sie.

25 Prozent der Bevölkerung starben

Der Historiker Mischa Meier von der Universität Tübingen hält die Kritik für unangemessen und die Methodik der Forscher für problematisch. Vom Niedergang des Oströmischen Reiches sprechen Historiker demnach nicht mehr, sondern von einer Transformation.

Auch dass die damalige Bevölkerung um 60 Prozent geschrumpft sei, behaupte heutzutage niemand mehr, betont der stellvertretende geschäftsführende Direktor des Instituts für Alte Geschichte. Er selbst schätzt, dass die Bevölkerung von Mitte des 6. bis Mitte des 8. Jahrhunderts grob um etwa 25 Prozent sank, betont jedoch, dass man letztlich über Mutmaßungen nicht weit hinauskomme.

Pestausbruch in Ellwangen im 14. Jahrhundert

Als Arbeiter im Jahr 2013 begannen, den Marktplatz von Ellwangen umzubauen, stießen sie auf etliche Skelette. Mitten in der Stadt im Osten Baden-Württembergs tauchte ein Massengrab auf, in dem um die Mitte des 16. Jahrhunderts mehr als hundert Menschen bestattet worden waren. Nur Kriege oder Seuchen töten so viele Menschen in kürzester Zeit, dass nicht jeder sein eigenes Grab erhält.

Das bestätigte dann auch Johannes Krause, Professor für Archäo- und Paläogenetik an der Eberhard Karls Universität in Tübingen und am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena: Die Menschen waren dem Schwarzen Tod zum Opfer gefallen, die seit Mitte des 14. Jahrhunderts in Europa wütete. Das Massengrab unter dem Marktplatz von Ellwangen liefert so einen wichtigen Eckstein zur Geschichte dieser Seuche.

Schwarzer Tod rafft Bevölkerung in Württemberg und Schwaben dahin

Auch in den Jahrhunderten danach flackerten immer wieder Pestepidemien auf, die allerdings deutlich glimpflicher verliefen, weil die Menschen sich an den Erreger gewöhnt hatten und lernten, die Gefahr zu meistern. Besonders betroffen aber waren fast immer Hafenstädte und Ballungsgebiete.

Die Bevölkerungsverluste durch die großen Pestepidemien im 14. und 15. Jahrhundert führen auch in Süddeutschland zu verheerenden Verlusten. So wurde die Bevölkerung in Württemberg und der Pfalz bis zu 50 Prozent dezimiert. In Bayern, Schwaben und Franken starben zwischen 30 und 50 Prozent der Bewohner.

Fleckfieber, Grippe, Pocken, Ruhr: Eine Epidemie folgt der nächsten

Doch war es wirklich immer die durch das Bakterium Yersinia pestis ausgelöste Infektionskrankheit? Im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit grassierte mehr als eine Seuche. Ruhr, Infektionen der Atmungsorgane, Tuberkulose, Typhus, Grippe, Masern, Pocken, Cholera, Lepra und Antoniusfeuer (Vergiftung durch Verzehr des Mutterkornpilzes im Getreide – auch Ergotismus genannt): Eine Epidemie folgte über Jahrhunderte in Europa der nächsten. Um welchen Erreger es sich konkret handelte, lässt sich heute – auch aufgrund der oft mageren Quellenlage – kaum noch rekonstruieren.

Pestausbrüche im Dreißigjährigen Krieg

Vor allem in Kriegszeiten wie während des Dreißigjährigen Krieges 1618 bis 1648 wüteten Pest und Fleckfieber – auch Kriegspest genannt. Erreger der durch Läuse und Flöhe übertragenen Infektion sind Bakterien der Gattung Ricketttsien.

So hatte Nürnberg um 1620 rund 50 000 Einwohner. Zwischen 1632 und 1634 starben davon rund 25 000 Menschen an Seuchen, die allermeisten an der Pest. 1633 bis 1635 gehören zu den schlimmsten Pestjahren in der deutschen Geschichte. So starben nach der Schlacht von Nördlingen im August 1643 Tausende an der Pest.

Napoleons Grande Armee starb an der Kriegspest

Auch Napoleons Armeen wurden von Infektionskrankheiten genauso dezimiert wie durch feindliche Heere. „Von den 500 000 Mann, die ausgezogen sind, der Grande Armee von Napoleon, sind bei dem Rückzug aus Moskau nach Belagerung und dem Brand Moskaus ungefähr 80 000 übrig“, erklärt der Hans-Peter Kröner, Medizinhistoriker an der Universität Münster. „Man darf annehmen, dass ein Großteil dieser Opfer von Epidemien, großteils von Fleckfieber gewesen sind.“

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