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Auch Passagiere betroffen - Cockpit fordert Untersuchung über Folgen der Ausdünstungen.  

Stuttgart - Piloten greifen das Problem von Giftstoffen in Verkehrsmaschinen wieder auf, die bei Reisenden möglicherweise Nervenerkrankungen auslösen. Den Airlines passt die Debatte gar nicht. Sie fürchten um ihre Kundschaft.

Seit Jahren klagen Piloten und Kabinenpersonal über krankmachende Luft in Flugzeugen. Bei Verkehrsmaschinen wird die Luft am Triebwerk gezapft. Manchmal gelangen mit ihr auch Öldämpfe und damit Schadstoffe in die Kabine. Das Personal kennt den schweißfußähnlichen Geruch. Der hat's in sich, unter anderem auch das Nervengift TCP.

Vieles deute darauf hin, dass Nerven- und Muskelerkrankungen im Zusammenhang mit solchen Gasen stehen können, erklärt Vorstandsmitglied Alexander Gerhard-Madjidi von der Vereinigung Cockpit (VC). "Nicht nur Piloten und Flugbegleiter - alle Passagiere sind den Gesundheitsgefahren ausgesetzt." Selbst die Airlines gäben zu, dass etwa alle 2000 Flüge eine Dichtung versage und dadurch die kritischen Substanzen in die Kabinen gelangen. Cockpit geht davon aus, dass das Problem regelmäßig auch im Normalbetrieb auftritt, wenngleich in geringeren Konzentrationen.

Der Vereinigung zufolge gibt es weltweit mehr als 500 Menschen mit gesundheitlichen Symptomen, deren Ursache wohl in der Luftbelastung von Flugzeugen liegt. In Deutschland seien es weniger als 50. Die Beweisführung sei freilich schwierig. "Es verhält sich ähnlich wie bei Tonerstaub in Büros: Die meisten Kollegen fliegen bis zum Ruhestand, ohne ein Problem zu bekommen", erklärt Gerhard-Madjidi. "Andere atmen es einmal ein und haben gleich Lähmungserscheinungen." Wiederum bei anderen trete die Nervenerkrankung zeitverzögert zutage. Weil der Nachweis so schwer ist, fordert Cockpit deshalb eine umfassende unabhängige Untersuchung darüber, inwieweit und in welchem Umfang derartige Giftstoffe für gesundheitliche Schäden verantwortlich gemacht werden können.

"Man möchte das Problem nicht anerkennen"

Dabei gibt es Gerhard-Madjidi zufolge durchaus Alternativen. Eine Möglichkeit seien Filtersysteme am Ausgang der Klimaanlage. Dem Piloten zufolge gibt es diese bereits, doch als einzige deutsche Airline zeige derzeit Condor Interesse daran. Besser sei es, sogenannte Stauluft direkt in den Rumpf der Maschinen einzuleiten. Dieses System sei aber teurer. Lediglich Boeing setze es in der neuen 787 um.

Das Radioprogramm des Norddeutschen Rundfunks NDR Info zitierte am Donnerstag ein vertrauliches Papier des Bundesverbands deutscher Fluggesellschaften (BDF), wonach "zur spezifischen Frage der Gesundheitsgefährdung bei Menschen durch Spuren von TCP in Flugzeugkabinen bisher weltweit keine wissenschaftlich fundierten Ergebnisse" vorliegen.

Zudem sei es teuer, solchen Zwischenfällen vorzubeugen. "Ein wirksamer Rückhalt von Schadstoffen (...) ist technisch sehr aufwendig und erfordert völlig neue Konstruktionen", wird das unter Verschluss gehaltene Dokument zitiert. Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg zufolge zeigt das Papier, wie die Fluggesellschaften wirklich zum Thema stünden: "Man möchte das Problem nicht anerkennen." Angeblich befürchten die Airlines "ein potenzielles Aufflammen der öffentlichen Diskussion", das ihrem Ruf schaden könnte, so NDR Info. Der BDF warne vor einer "neuen Dimension" der Diskussion, wenn sich das Thema in Richtung Betroffenenkreis Passagiere verlagern würde.

Das kann auch über andere Kanäle passieren, denn mittlerweile tauchen Haftungsfälle auf. Vor dem Frankfurter Sozialgericht klagt eine ehemalige Flugbegleiterin gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber, eine Fluggesellschaft. Die heute schwerbehinderte 42-Jährige hatte zunächst Erkältungssymptome, dann Konzentrations- und Sprachstörungen, schließlich Lähmungserscheinungen. Mehrere Gutachter hätten den Zusammenhang zu ihrem früheren Beruf nachgewiesen. "Passagiere sollten sich ärztlich Beweise sichern lassen, wenn es im Flugzeug nach Öldämpfen gerochen hat, etwa durch Blut- oder Haarproben", rät Gerhard-Madjidi. "Damit sie bei einer Erkrankung ihre Rechte wahrnehmen können."

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