Vomn A nach B bequem mit E – das Pedelec wird besonders im hügeligen Stuttgart immer beliebter. Foto: dpa

Die Zahl neu gekaufter Fahrräder mit Hilfsmotor steigt. Damit nehmen aber auch Probleme wie zum Beispiel Fahrsicherheit oder E-Tuning zu. Die Bereitschaft zur Schulung ist aber gering.

Stuttgart - Der Verkauf von Fahrrädern mit Hilfsmotor boomt. Im Jahr 2016 wurden bundesweit 605 000 Räder mit elektrischer Unterstützung verkauft, das entspricht einem Marktanteil von etwa 15 Prozent. Langfristig rechnet der Zweirad-Industrie-Verband gar mit bis zu 30 Prozent. Zahlen über die Häufigkeit von Pedelecs in Stuttgart gibt es zwar nicht, aufgrund der Topografie der Landeshauptstadt dürften aber hier wohl heute schon mehr als 15 Prozent der neu erworbenen Räder einen E-Hilfsmotor haben. Die Firma Transvelo nahe dem Marienplatz verkauft zum Beispiel rund 30 Prozent ihrer Räder mit Motor, bei Stadtrad im Westen sind es etwa die 15 Prozent wie im Bundesdurchschnitt. Und es gibt ja auch Läden wie zum Beispiel Stromrad in der Olgastraße, die ausschließlich Räder mit elektrischem Motor im Angebot haben.

Kurse werden nue selten gebucht

Die neue Stromwelle bringt allerdings auch einige Schwierigkeiten mit sich. Viele E-Einsteiger sind ältere Menschen, die manchmal Probleme haben, die Geschwindigkeit und vor allem die Beschleunigung ihres neuen Rades richtig einzuschätzen. „Viele denken, kein Problem, ich kann das“, sagt dazu Peter Beckmann, der Kreisgeschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). Dem sei aber oft nicht so. „Man sollte mit den Pedelecs wegen der Geschwindigkeit mehr Abstand zu Hindernissen wie Borsteinkanten halten, bei Kurven aufpassen und vor allem die Fehleinschätzung anderer wie zum Beispiel Autofahrer oder Fußgänger mit einkalkulieren“, erklärt Experte Beckmann. Der ADFC hat deshalb auch immer wieder Kurse angeboten, die aber so gut wie nie gebucht wurden. „In Stuttgart haben wir noch keinen einzigen Kurs durchführen können“, sagt Beckmann, „von den 22 Angeboten landesweit in diesem Jahr fand gerade mal einer statt.“ Anders sehe es bei Schulungen von Betrieben für die Belegschaft aus – die kämen immer wieder mal zustande.

32 Unfälle mit Pedelecs

Dass ein wenig Einführung in die Kunst des E-Bikens durchaus sinnvoll wäre, zeigt ein Blick in die Unfallstatistik. 2016 gab es 32 Pedelec-Unfälle mit Verletzten in der Stadt, ein Radler kam zu Tode, allerdings nicht durch eigene Schuld. Knapp ein Drittel aller Unfälle mit E-Bikes sind selbst verschuldet, fast 60 Prozent gehen allerdings von anderen aus – oft weil sie das Tempo der E-Radler unterschätzen. Trotzdem wäre eine Schulung besonders für ältere Pedelec-Anfänger sinnvoll. 2016 verloren nach Zahlen des Statistischen Landesamtes bei Unfällen in Baden-Württemberg neun Pedelec-Fahrer ihr Leben. Allein sieben davon waren in der Altersgruppe 75 Jahre und älter, der jüngste E-Bike-Tote kam aus der Altersgruppe 65 bis 70 Jahre. Deutlich ist auch die Altersverteilung bei den Personenschäden. Von den 259 landesweit schwer verletzten Pedelecfahrern 2016 waren 137 älter als 65 Jahre und davon 81 älter als 75.

Dazu kommt als noch relativ neues Risiko das so genannte Pedelec-Tuning. Die Motoren der normalen E-Bikes unterstützen den Fahrer nur bis zu einer Geschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde. Das Internet ist aber voll mit Zubehör und Tricks, um diese Sperre aufzuheben. In Facebook oder Youtube gibt es zusätzlich zahlreiche Lehrfilme, wie es geht. Normal müsste so ein getuntes Velo dann versichert werden, der Fahrer müsste einen Helm tragen und dürfte Radwege nicht benutzen.

Polizei hat vom Tuning keine Kenntnis

Die Verkäufer der Tuning-Techniken schützen sich ihrer Meinung nach vor illegalem Handeln, indem sie darauf hinweisen, dass der Betrieb getunter Pedelecs nur auf privaten Grundstücken erlaubt sei. Im Alltag wird sich aber wohl kaum einer ein derart schnelles Gefährt für den Hinterhof herrichten. Wer viel mit dem Rad in der Stadt unterwegs ist, der weiß, dass diese aufgemotzten Räder mittlerweile auch im Alltag über die Radwege brettern. Die Stuttgarter Polizei hat davon aber noch keine Kenntnis. „Wenn wir bei einem Unfall den Verdacht haben, dass hier ein manipuliertes Rad beteiligt ist, würden wir es natürlich von einem Fachmann begutachten lassen“, sagt Polizeisprecher Stephan Widmann. Im Alltag sei seinen Kollegen das Phänomen getunter Pedelecs aber noch nicht untergekommen.

Das könnte sich ändern, denn die E-Bike-Zahl wird weiter steigen und damit sicher auch die Zahl der illegalen Tunings. Von A nach B bequem mit E gilt zwar dann auch noch, aber das Risiko von Unfällen wird steigen, wenn die Geschwindigkeitsunterschiede auf den Radwegen größer werden und gleichzeitig immer mehr ältere Pedelecfahrer auf den Strecken unterwegs sind.

So läuft das Tuning

E-Tuning: Vereinfacht gesagt, übermittelt bei einem manipulierten Pedelec der Tacho dem Motor eine falsche, deutlich niedrigere Geschwindigkeit. Als Folge unterstützt der Antrieb weiter, bis ihm der Tacho 25 Kilometer pro Stunde meldet.

Geschwindigkeit: De facto läuft das Rad nach dem Tuning deutlich schneller, meist bis knapp 50 Kilometer pro Stunde. Das Velo wird zum Geschoss auf zwei Rädern – mit dafür nicht ausgelegten Bremsen.

Verbreitung: Genaue Zahlen gibt es nicht. Dirk Zedler, Chef des renommierten Instituts für Fahrradtechnik in Ludwigsburg, beobachtet aber die Szene seit Langem. Die Einschätzung des Fahrradexperten: Pedelecfahrer der ersten Generation, die das Rad für den Alltag nutzen, sind unauffällig. Junge Fahrer zum Beispiel von E-Mountainbikes oder Funrädern neigen aber zum Tuning. Bei Gutachten, die sein Institut bei Unfällen erstellt, waren etwa die Hälfte der Motoren in der Fun-Zielgruppe manipuliert.

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