Patti Smith im Jahr 2007 Foto: Sony

Wo das Fernweh der Beatgeneration und der Zorn des Punk, William Blakes Vi­- sionen und die Vitalität des New Yorker Underground aufeinandertreffen, ist Patti Smith. Am 5. August tritt die 67-jährige US-Songpoetin auf dem Stuttgarter Killesberg auf.

Stuttgart - Für meine Sünden ist Jesus nicht gestorben. Dieser Satz ist das Erste, das man von ihr zu hören bekommen hat. Die Zeile „Jesus died for somebody’s sins, but not mine“ eröffnet Patti Smiths Album „Horses“ aus dem Jahr 1975. Und auch heute, fast vierzig Jahren später, ist dieses Debüt der Patti Smith Group immer noch ein unerhörtes Stück Musik. Noch immer betört die frei assoziierende Lyrik dieser US-Songwriterin, noch immer verwirren diese sich zu Rockungetümen aufbäumenden Lieder einem die Sinne.

Die Bedeutung, die Patti Smith für die moderne Rockmusik hat, kann kaum überschätzt werden. Die 67-Jährige, die in der kommenden Woche in Stuttgart auftritt, hat 1975 mit ihren sperrigen Rocksongs nicht nur den Punk vorweggenommen, sondern war auch die erste, die vorführte, dass Poesie und Rock’n’Roll kein Widerspruch sind. Man muss sich dafür nur einmal wieder das fast zehnminütige Meisterwerk „Land“ anhören, das sich vom zaghaften Gedicht in einen aufgebrachten Rocker verwandelt, in dem Smith in immer neuen assoziativen Bildern vom Kontrollverlust erzählt.

Es ist einer der vielen in die Irre führenden Mythen des Pop, das eine britische Spaßcombo namens Sex Pistols den Punk erfunden hätte. Auf Patti Smiths Album „Horses“ ist bereits alles angelegt, was man ein, zwei Jahre später als Punk verstehen sollte. Man muss sich nur anhören, wie sie mit ihrer Band „My Generation“ von The Who auseinandernimmt – ein Song, mit dem sie seit 1974 üblicherweise ihre Konzerte beendete, um zu verstehen, warum der New Yorker Underground Patti Smith gleich in sein Herz schloss. Sie war es dann auch, die im Jahr 2006 mit einen dreieinhalbstündigen Konzert das letzte Konzert im legendären CBGB’s in der Lower East Side geben durfte. Dieser düstere Musikclub war seit 1974 das Zuhause des New Yorker Underground und damit die Heimat von Patti Smith gewesen.

1967 war sie erstmals nach New York gezogen, kam nach einem Aufenthalt in Paris wieder in diese Stadt zurück, um im Chelsea Hotel zu leben. Dort lernte sie den Fotografen Robert Mapplethorpe kennen, der Smith dann auch für das Cover von „Horses“ fotografieren sollte – eine Aufnahme, die heute zu den klassischen Ikonenbildern des Rock gehört. Nicht nur Mapplethorpe protegierte Smith damals, auch John Cale nahm sich Patti Smiths an und produzierte „Horses“.

Als sie in den 1970er Jahren das erste Mal im CBGB’s aufgetreten war, hatte William Burroughs vorne neben der Bühne Platz genommen und der so jung, so übereifrig, so schön spröde wirkenden Frau immer wieder aufmunternd zugenickt. Er hatte Patti Smith kennengelernt, weil sie ständig in der Lobby des Chelsea Hotels herumlungerte. „Er ging natürlich davon aus, dass ich irgendwie in ihn verknallt war“, wird Smith später erzählen.

Tatsächlich entwickelte sie sich zur musikalischen Stimme der Beatgeneration, sie war nicht nur eng mit Burroughs und Alan Ginsberg befreundet, sondern sie führt noch heute die Beatnik-Poesie des Bewusstseinsstroms, der Improvisation, der Ruhelosigkeit in ihren Songs fort, verarbeitet dabei aber auch William Blake, Arthur Rimbaud und Walt Whitman.

„Das Leben ist ein von uns selbst erfundenes Abenteuer, das durch Schicksalsschläge und eine Serie von glücklichen und unglücklichen Zufällen abgefangen wird“, sagt Patti Smith in der Filmdokumentation des Fotografen Steven Sebring, die 2008 auf der Berlinale zu sehen war. Den Film, der inzwischen auf DVD erhältlich ist, kann man auch als Einführung in den poetischen und spirituellen Kosmos Patti Smiths verstehen.

Das gilt aber auch für Patti Smiths ausgezeichnetes, immer noch aktuelles Album „Banga“ aus dem Jahr 2012. In diesem reist sie mit Vespucci und Kolumbus in die Neue Welt und mit Tarkowski zu den Sternen, schaut mit Neil Young in eine zerstörte Welt und fragt sich, wie das alles wohl enden wird. Knurrige Poeme, sanfte Totenlieder und Traumerzählungen finden auf „Banga“ zum großen Welttheater zusammen.

In dem Song „Amerigo“ erzählt sie zum Beispiel in einem fast schon schüchtern-zarten Duktus von der Neugier der Entdeckungsreisenden. Streicherarrangements und Klavierkadenzen verirren sich in dem Song ebenso wie die Eroberer selbst, die am Ende in einer mit zarten Akkorden hingepinselten Idylle nackt mit den Ureinwohnern im Regen tanzen.

Mit diesem Hunger nach neuen Welten, nach neuen Entdeckungen und der Unersättlichkeit des Zivilisationsbestrebens konfrontiert Smith einen immer auf der Platte: im meditativen Raumfahrerdrama „Tarkovsky (The Second Stop Is Jupiter)“; im lyrisch-folkloristischen Walzer „Seneca“, durch das kurz „Stairway To Heaven“ zu huschen scheint; im Post-Fukushima-Gebet „Fuji-san“, das sich nach der beschwörenden Anrufung des heiligen Bergs zu einem veritablen Rocker auftürmt; und ­natürlich im Epos „Constantine’s Dream“, bei dem Reise in die Neue Welt gleichzeitig ein psychedelisch-visionärer Trip voller Traumbilder ist, die im Weltuntergang ­endet. Trost bietet da dann nur noch die ­Aneignung von Neil Youngs „After The Goldrush“, in dem Patti Smith am ­postapokalyptischen Morgen einen Kindergartenchor dirigiert.

Obwohl die Zeit, in der die Musik von ­Patti Smith zu Hits taugte (ihr größter war 1978 „Because the Night“ mit Bruce Springsteen als Co-Autor) vorbei zu sein scheint, ist sie immer noch eine der wichtigsten, einflussreichsten und prägendsten Stimmen der alternativen Rockszene. „Ein Künstler ist jemand“, hat Patti Smith einmal gesagt, „ist jemand, der sich auf einen Wettbewerb mit Gott einlässt.“

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