„Spreche ist ‚Stuttgart‘eigentlich richtig aus?“ Patti Smith am Dienstag beim Auftritt auf der Freilichtbühne Killesberg Foto: Steffen Schmid

Hier der Dichter Paul Verlaine, der 1875 Arthur Rimbaud nach Stuttgart folgt. Dort der Musiker Tom Verlaine, der das Aufregendste ist, das das Jahr 1974 und das New Yorker CBGB’s zu bieten haben. Dazwischen Patti Smith, die auf der Freilichtbühne Killesberg Lieder über Außenseiter und sich selbst singt.

New York im Jahr 1974: Im finstersten Eck der Stadt, in einer miefigen Spelunke namens CBGB’s an der Lower Eastside spielt sich Debbie Harry am Flipper die Finger wund. Williams S. Burroughs hockt aufmunternd nickend auf seinem Stammplatz gleich vor der Bühne, auf der eine junge, dürre, herbe Schönheit steht, auf Gitarrensaiten einhaut und frei assoziierend Gedichte erfindet, die sie sogleich scheppernd vertont.

40 Jahre später in Stuttgart: Burroughs ist längst tot, das CBGB’s gibt es nicht mehr und Debbie Harrys Band Blondie versucht sich gerade etwas verkrampft an einem Comeback. Doch Patti Smith macht immer noch das, was sie am besten kann. Sie steht auf der Open-air-Bühne auf dem Killesberg, schrammelt zu einem spröden Rhythmus einen A-Moll-Akkord und erzählt mit dieser eindringlichen, festen Stimme in einem improvisierten Folkgedicht die Legende von den Dichtern Paul Verlaine und Arthur Rimbaud, die sich einst in Stuttgart getroffen und geprügelt haben.

Weil in der Geschichte nicht nur die von Smith verehrten Dichter vorkommen, sondern auch über Gott gestritten wird, ist diese historische Anekdote ganz nach dem Geschmack Patti Smiths, deren Karriere mit dem Satz „Jesus died for somebody’s sins but not mine“ – für meine Sünden ist Jesus nicht gestorben – begann und deren Rockpoesie sich seither immer wieder ins Spirituelle, Mystische, Religiöse vorgewagt hat.

In ihrem Stuttgart-Gedicht, das später in das Lied „My Blakean Year“ übergehen wird, erzählt sie von dem Glaubenszwist der beiden Dichter, der in Patti Smiths Version damit endet, dass Verlaine mit Rimbauds „Illuminationen“ im Gepäck abreist, während Rimbaud zurückbleibt – und ihm das Blut ­Jesus’ aus der Hosentasche tropft („the blood of Christ dripping from his back pocket“).

Und schon ist man mittendrin im betörend-verstörenden lyrischen Kosmos der Patti Smith, die sich am Dienstag einmal mehr als Meisterin der Irritationen erweist. Schon bevor sie einen einzigen Ton gesungen hat.„Schön wieder hier zu sein!“, sagt die 67-Jährige grinsend zur Begrüßung . Allerdings kann sich keiner der 3500 Besucher auf der Killesberg erinnern, dass sie jemals hier aufgetreten ist. Wenn man den Archiven glaubt, ist dieser Auftritt in Wirklichkeit ihr erster überhaupt in Stuttgart.

Die Frau, die sich auf Fotos eher mürrisch und schroff inszeniert, gibt sich in Stuttgart altersmilde, sanftmütig. Smith lächelt viel – zumindest zu Beginn des Konzerts, das sie mit dem tänzelnden Reggae „Redondo Beach“ und dem Popsong „April Fool“ eröffnet – und damit mit den gefälligsten Nummern, die sie im Repertoire hat. Allerdings verstecken sich in der Leichtigkeit bereits Zeilen wie „Come, we’ll break all the rules“ – Komm, lass uns alle Regeln brechen.

Tatsächlich hat sich Patti Smith immer am Rande wohler gefühlt als in der Mitte, auch wenn sie sich mit der Nummer „Because The Night“ im Jahr 1978 aus Versehen – und mit Hilfe von Bruce Springsteen – einmal in die Charts verirrte. Ein Song, den sie am Dienstag als letztes Stück vor den Zugaben spielt und ihrem Sohn widmet, der an diesem Tag Geburtstag hat, und dessen Vater, Fred ­„Sonic“ Smith, der 1994 starb.

Obwohl Patti Smith gerne als Rockikone bezeichnet wird, ohne die es heute weder Punkrock noch New Wave gäbe. Obwohl sie wieder und wieder für Fotokünstler wie ­Robert Mapplethorpe oder Annie Leibowitz ­Modell stand, so wirkt sie zwischen den Liedern doch immer noch wunderbar schüchtern, scheu, fast unbeholfen.

Die sarkastische Byrds-Nummer „So You Wanna Be (A Rock’n’Roll Star)“, die sie seit rund 35 Jahren in ihrem Repertoire hat, fehlt zwar beim Auftritt am Dienstag in Stuttgart. Doch selbst sieben Jahre nachdem Patti Smith in die Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen wurde, verweigert sich diese störrische Songwriterin allen Starposen.

Auch dann, wenn sie das Konzert nach anderthalb Stunden mit dem Furor des Punk ausklingen lässt: „Rock’n Roll Nigger“ ist eine Außenseiterhymne, die Jimi Hendrix, Jesus Christus, Jackson Pollock und (zumindest in der Stuttgarter Version) Edward Snowden zu Verbündeten macht. „Outside of society/that’s where I want to be“, ich möchte außerhalb der Gesellschaft leben, schreit sie immer wieder im Refrain.

Davor gefällt sich Patti Smith in der Rolle der poetisch-politischen oder spirituellen Predigerin – etwa wenn sie sich im Post­Fukushima-Gebet „Fuji-san“ an einer beschwörenden Anrufung des heiligen Bergs versucht, die sich schließlich zu einem veritablen Rocker auftürmt. Oder wenn sie in „Ghost Dance“ das Publikum auffordert, mit ihr die Geister zu vertreiben.

Zwischendurch fragt sie höflich nach, ob sie „Stuttgart“ eigentlich richtig ausspricht, widmet „Beneath The Southern Cross“ dem verstorbenen Bluesmusiker Johnny Winter, lässt in einem der atemberaubendsten, intensivsten Konzertmomente das Großwerk „Land“ in ein furiose Version von „Gloria“ übergehen, erzeugt ein voluminöses Drama, das nebenbei das Gesamtwerk Nick Caves zusammenfasst.

Und Patti Smith hat auch noch Zeit an den anderen Verlaine zu erinnern, der sie so sehr beeinflusst hat: In „We Three“ erzählt sie von Tom Verlaine, dem Sänger und Gitarristen der Band Television und davon, wie sie ihm jeden Sonntag die Gitarren überlassen hat – damals vor 40 Jahren im CBGB’s.

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