Papst Johannes Paul II. wird bei seinem Irland-Besuch im Jahr 1979 umjubelt – so wie hier im Wallfahrtsort Knock. Foto: AFP, Knockshrine

Knapp 40 Jahre nach Papst Johannes Paul II. reist Franziskus nach Irland. Die skandalgeschüttelte katholische Kirche dort kämpft um ihren Status.

Dublin - Zum zweiten Mal in der Geschichte ihres Landes rüsten die Iren für den Besuch eines Papstes. Und wieder werden rund um Dublins Phoenix Park sicherheitshalber die Tore ausgehängt. Mit mehreren Hunderttausend Menschen rechnen die Kirchenoberen, wenn der Pontifex am Sonntag in der irischen Hauptstadt eine Open-Air-Messe zelebriert. Tags zuvor ist Franziskus Ehrengast des katholischen Weltfamilientreffens im Stadion von Croke Park, ebenfalls in Dublin. Doch es sind gemischte Gefühle, mit denen Papst Franziskus empfangen wird. Seit fast 40 Jahren kam kein katholisches Kirchenoberhaupt mehr in das Land, in dem in den vergangenen Jahrzehnten massiv Kinder und Frauen von Priestern und Ordensschwestern missbraucht wurden.

Beim Besuch des Argentiniers soll nun auch das Thema Familie im Mittelpunkt stehen, bekräftigt der Vatikan vor der zweitägigen Reise. Doch um das Thema Missbrauch wird der Pontifex während des Weltfamilientreffens nicht herumkommen. Viele Iren kritisieren, dass die Kirche in den vergangenen Jahren die Missbrauchsskandale im Land nicht konsequent verfolgt habe. Sie werfen dem Vatikan sogar Verschleierung vor. Wenige Tage vor dem Besuch entschließt sich der Papst zu einem ungewöhnlichen Zug und richtet ein ausführliches Schreiben an das „Volk Gottes“, die 1,3 Milliarden Katholiken in aller Welt. Darin räumt er ein, was die Kritiker sagen: dass die Kirche die Opfer lange ignoriert hat.

Wehmütige Erinnerung an die Begeisterung von 1979

Auch deshalb weiß schon jetzt jeder in Irland, dass dieser Besuch sich nicht wird messen können mit dem ersten und bislang einzigen Papstbesuch. Als Papst Johannes Paul II. im Jahr 1979 seine „Schäfchen“ in Irland besuchte, wurde ihm ein Empfang zuteil, wie er ihn kaum anderswo in der Welt hätte erwarten können. Noch heute berichten ältere Iren wehmütig von der „kollektiven Begeisterung“, die die Insel erfasste, von ihrer Pilgerschaft zu den Auftrittsorten des Heiligen Vaters.

In jener Zeit genoss die katholische Kirche in der Republik Irland freilich noch eine ganz unangefochtene Stellung. Sie entschied in Moralfragen, gab die sozialen Regeln vor, kontrollierte das Schul- und Gesundheitswesen. Politik konnte nicht gemacht werden ohne Rücksicht auf das Verdikt von den Kanzeln der Nation. An Priestern und Nonnen mangelte es da noch nicht. Die Kirchen waren voll besetzt – und das nicht nur sonntags. Kein anderes europäisches Land hatte so große Familien. Keines stand so fest zu den Lehren des Vatikans.

Vehement verteidigten Irlands Kirchenfürsten ihren Einfluss. Als sie Anfang der achtziger Jahre alarmiert feststellten, dass der Staat erstmals (rezeptpflichtige) Verhütungsmittel zuließ, beschlossen sie, ein Exempel ihrer Macht zu statuieren. Beim berühmten „Abortion-Referendum“ von 1983 wurde das bereits existierende totale Abtreibungsverbot als neuer Artikel in die irische Verfassung aufgenommen – um das Verbot unangreifbar zu machen. Zwei Drittel der Iren stimmten damals, von der Priesterschaft und von rechtskatholischen Verbänden angeleitet, für diese Verfassungsänderung. Jahrzehntelang wagte kaum ein Politiker, sich der Weisung der Kirche in dieser sensitiven Frage zu widersetzen. Erst in diesem Mai, 35 Jahre später, ist die heiß umstrittene Klausel mit einer „umgekehrten“ Zweidrittelmehrheit wieder aus der Verfassung gelöscht worden – eine echte Zäsur im Staate.

Die Wertbegriffe in Irland haben sich radikal gewandelt

In der Tat haben sich gesellschaftliche Verhältnisse und Wertbegriffe in Irland zwar langsam, doch radikal gewandelt seit jener ersten Papstvisite. 1995 wurde das Scheidungsverbot aufgehoben. Noch einmal zwanzig Jahre später, 2015, überraschte die ehedem konservativste Nation Europas ihre Nachbarn damit, dass sie als erstes Land der Welt die Same-Sex-Ehe per Referendum einführte – noch dazu mit einem klaren Ja von 62 Prozent.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Irlands katholische Kirche sich allerdings auch schon auf spektakuläre Weise ihrer eigenen Glaubwürdigkeit beraubt. Den Anstoß zu diesem Prozess gaben ausgerechet zwei prominente Geistliche, die Papst Johannes Paul II. bei seinem strahlenden Auftritt in der neuen Kathedrale von Galway im Westen Irlands zur Seite standen. Bischof Eamonn Casey und Father Michael Cleary, stellte sich heraus, hatten jeweils versucht, intime Verhältnisse geheim zu halten, aus denen Kinder hervorgegangen waren. Ihre Heuchelei, für viele Gläubige ein Schock, war freilich noch nichts im Vergleich zum Horror des massenhaften Missbrauchs von Kindern durch irische Priester, der praktisch mit der Staatsgründung begonnen hatte. Tausende von Anschuldigungen sind untersucht worden oder werden noch untersucht. Eine Vielzahl von Geistlichen hat sich schwerster Verbrechen schuldig gemacht. Bischöfe haben geholfen, den wüsten Tatbestand zu verdecken. Das haben nicht mal die gläubigsten Iren ihren Seelsorgern und der Kirchenhierarchie verziehen.

Anteil der Katholiken sinkt

Die schockierenden Enthüllungen über die Behandlung unverheirateter Mütter und ihrer Kinder durch kirchliche Institutionen über Jahrzehnte hin haben dem Ansehen der Kirche zusätzlich schweren Schaden zugefügt. Denkwürdigerweise warf, als der Vatikan sich diesen Fakten nicht stellen wollte, im Jahr 2011 der damalige irische Regierungschef Enda Kenny der Kirchenleitung in Rom vor, „funktionsunfähig, realitätsfern, elitär und narzisstisch“ zu sein. Solche Worte wären 1979 noch undenkbar gewesen.

Die Kombination der Kirchenskandale, sukzessiver sozialer Reformen und eines kontinuierlichen Rückgangs von Kirchgängern jedoch hat neue Realitäten in Irland geschaffen. Der Anteil „nomineller“ Katholiken an der Bevölkerung ist von 95 Prozent schon jetzt auf 75 Prozent gesunken. Aber die Zahl der wirklich religiösen Iren liegt weit niedriger, als es die Statistik suggeriert. Außerdem gehen der Kirche die Priester aus. Selbst der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, räumt ein, dass der Katholizismus in Irland „unvermeidlich“ zu einer „Minderheitskultur“ werden wird.

Anlässlich des Besuchs von Papst Franziskus, der irischen Medien zufolge auch Missbrauchsopfer treffen will, hofft Martin noch einmal, eine eindrucksvolle Menschenmenge mobilisieren zu können. Aber auch er weiß, dass längst nicht mehr so viele Leute wie früher anrücken werden – und dass selbst der treue Kern der Gemeinde sich von Franziskus nicht nur päpstlichen Segen erhofft, sondern Antworten auf unbequeme Fragen.

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