Die Wendlinger Johanneskirche hat eine mächtige Natursteinfassade. Foto: Horst Rudel

Kirchen sind mehr als bloße Versammlungsräume. Durch Taufen, Konfirmationen und Hochzeiten sind sie eng mit den Lebensgeschichten der Bürger verknüpft. Wo es nicht zwingend ist, darf keine Kirche abgerissen werden, findet unser Autor Ulrich Stolte.

Wendlingen - Kirche soll sichtbar sein, Kirche muss sichtbar sein, das ist ein Credo der Christen in Deutschland, seitdem der Glaube in einem generationenlangen Prozess, „immer mehr verdunstet“, um es mal mit den Worten Winfried Kretsch­manns auszudrücken.

Die Johanneskirche wurde in den siebziger Jahren gebaut, um ein Zeichen zu setzen. Die neue Stadtmitte sollte damals mit der Kirche und dem Rathaus die mehr oder weniger zwangsweise Vereinigung von Wendlingen und Unterboihingen in der Nazizeit überwinden. Das Unterfangen ist geglückt. Allerdings gibt es heute nicht mehr dieses Gefühl, dass in eine richtige Ortsmitte auch ein spiritueller Ort gehört. Die Zahl der Gemeindeglieder schrumpft, die evangelischen Kirchengemeinden von Unterboihingen und Wendlingen haben fusioniert, Kirchenraum gibt es genug.

Trotzdem hat die Idee, die gut gelungene Kirche mit ihrer schönen Tuffsteinfassade abzureißen, um dafür einen neuen Gebetsraum zu bauen, etwas Paradoxes. Denn niemals wieder wird es in Wendlingen einen solchen Kirchenbau geben, schon allein deswegen, weil sich kaum mehr jemand eine Natursteinfassade dieser Güte leisten kann. Besser wäre es also, die Kirche in den Neubau zu integrieren.

Kirchen sind mehr als bloße Versammlungsorte, wie es von Theologen gerne dargestellt wird. Sie sind Kraft- und Erinnerungsorte durch Taufen und Konfirmationen. Die Wendlinger sollten ihre Kirche im Dorf stehen lassen, auch wenn die Kommune durch den Flüchtlingsstrom nach dem Zweiten Weltkrieg längst zu einer soliden Stadt gewachsen ist.

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