Ärzte bei einer Operation (Symbolbild). Foto: dpa

Die Zahl der Organspenden in der Republik geht zurück. In Stuttgart ist das etwas anders, hier ist die Zahl konstant. Allerdings auf niedrigem Niveau: Zuletzt ist es nur zu 13 Organspenden gekommen.

Stuttgart - Beim Thema Organspende ist das Klinikum der Stadt Stuttgart die entscheidende Adresse in der Landeshauptstadt. Zwar entnehmen gegebenenfalls auch andere Kliniken wie das Robert-Bosch-Krankenhaus, das Marienhospital oder das Diakonie-Klinikum Organe von Verstorbenen, aber meist nicht mehr als in ein oder allenfalls in zwei Fällen im Jahr, wenn überhaupt. Beispiel Diakonie-Klinikum: „In den vergangenen Jahren hatten wir keine Patienten, welche die Kriterien für eine Organentnahme erfüllten“, erklärt dessen Sprecher Frank Weberheinz.

Die Voraussetzung, dass einem verstorbenen Patienten überhaupt Organe entnommen werden können, sind meist nicht gegeben. Diese sind in aller Regel eher erfüllt, wenn ein Krankenhaus nicht nur Traumazentrum ist, das schwer verletzte Unfallopfer aufnimmt, sondern auch über eine Neurochirurgie verfügt. Das hat in Stuttgart nur das städtische Klinikum. Nur Patienten mit einem „irreversibler Hirnfunktionsausfall“, so der Fachausdruck für den landläufig als Hirntod bezeichneten Zustand, kommt für eine Organentnahme in Frage. „Wenn das Gehirn auf allen Ebenen keine Funktion mehr hat und auch der Atemantrieb ausgefallen ist, so dass der Patienten künstlich beatmet werden muss“, präzisiert Oberarzt Wolfgang Bettolo, der Transplantationsbeauftragte des Klinikums, die Grundbedingung dafür.

Bundesweit gingen die Spenden um siehen Prozent zurück

Und dies ist nicht die einzige Voraussetzung. Bei etwa 400 Patienten, die im Vorjahr im Katharinenhospital (KH) des Klinikums wegen einer schweren Hirnschädigung behandelt wurden – verursacht etwa durch einen Verkehrs- oder Arbeitsunfall, einen Schlaganfall oder eine Hirnblutung –, sei es zu 30 Kontakten mit Angehörigen wegen einer möglichen Organspende gekommen, sagt Uwe Hadlich, der Koordinator für Baden-Württemberg der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Zuletzt ist es zu 13 Organspenden gekommen.

„Ich finde, das sind relativ viele“, sagt Wolfgang Bettolo. Anders als im Bund, wo die Zahl der Spender um rund sieben Prozent zurückgegangen ist, könne man „eine leichte Steigerung“ verbuchen. Im Jahr davor waren es im KH nur neun Organspender. Aber natürlich findet der Oberarzt: „Unsere Zahlen sind stabil – aber auf niedrigem Niveau. Gemessen am Organmangel ist es eine kleine Zahl.“ Doch man muss das Ergebnis vor dem Hintergrund sehen, was alles gegen die Organspende eines verstorbenen Patienten sprechen kann. Die Richtlinien sind da durchaus streng.

„Die meisten Patienten erfüllen die Kriterien nicht“

Nicht nur eine Tumorerkrankung, auch auch andere Leiden können ein Ausschlusskriterium sein. Und nur ein Patient, der tatsächlich einen Hirntod erleidet und künstlich beatmet wird, sodass die Organe noch intakt sind, kommt in Frage. „Die meisten Patienten erfüllen die Kriterien nicht“, sagt Wolfgang Bettolo. Oftmals sind es zuletzt die Angehörigen, die trotz erfüllter Kriterien nicht einverstanden sind.

Zu den Aufgaben des Transplantationsbeauftragte gehört es, darauf hinzuwirken, dass in dem anspruchsvollen Klinikbetrieb möglichst alle für eine Organspende in Frage kommenden Patienten, auch wahrgenommen werden. „Da muss man sehr genau suchen“, sagt Bettolo. Dadurch können man, glaubt er, pro Quartal im KH vielleicht noch zwei bis drei weitere Organspender gewinnen. Von erhebliche höheren Zahlen geht er unter den gegebenen Bedingungen nicht aus. Zumal er immer wieder feststellt, dass es mit der Bereitschaft zur Organspende zuletzt nicht so weit her ist wie die Umfragen mit einer Zustimmung von etwa 80 Prozent glauben machen. Wenn es nach Wolfgang Bettolo ginge, würde man auch in Deutschland die sogenannten Widerspruchslösung einführen wie etwa in Spanien, dem Spitzenreiter bei der Organspende in Europa, oder in Österreich. Dann müsste man nicht die Bereitschaft zur Organspende erklären, sondern die Ablehnung. Den Angehörigen sollte bei starken Bedenken dennoch eine Widerspruchmöglichkeit eingeräumt werden, findet Bettolo.

Von 13 Spenden haben 39 Menschen profitiert

Aber er sagt: „Jedes Organ zählt.“ Von den 13 Organspenden im KH haben 2017 insgesamt 39 Menschen profitiert. In der Regel werden pro Spende drei bis vier Organe entnommen. Dialysepatienten müssten heute sieben Jahre auf eine Transplantation warten, sagt der Oberarzt. Wer eine neue Leber brauche, bedeute dies „ein Sterben auf der Warteliste“. Das städtische Klinikum ist auch das einzige Krankenhaus in der Stadt, in dem transplantiert wird, und zwar Nieren. 2017 waren es gerade mal 56, deutlich weniger als im Jahr davor. Und das auch nur, weil bei der Niere Lebendspenden meist von Angehörigen gibt (21 waren das im Vorjahr im KH).

Uwe Hadlich von der DSO wünscht sich, dass die noch immer „sehr zurückhaltende“ Einstellung zur Organspende in Deutschland einer stärken Großzügigkeit im Geben weichen würde, wie man dies in Ländern wie Spanien finde, wo auch das ganze System besser organisiert sei. Hierzulande herrsche eine gewisse Mir-gebet-nix-Haltung. Dabei schenke jeder Spender den Empfängern seiner Organe im Schnitt 31 neue Lebensjahre. „Das ist eine enorme Zahl“, findet Hadlich. Es könne auch für Angehörige eines Verstorbenen ein Trost sein, „wenn sein Herz in einem anderen doch weiter schlägt.“

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