Bei der kanadischen Familie Zanini-Beckers in Vancouver wurde die Couch zur Snowboardpiste.  

Vancouver - Die Wissenschaftler Lavinia Zanini (41) und Jos Beckers (44) leben mit ihren Zwillingen Janneke und Evan (6) in Vancouver. Die Olympischen Spiele haben sie in der Stadt hautnah miterlebt, mit all ihren Facetten - den Veränderungen vor und der Begeisterung während des Massenspektakels.

Familie Zanini-Beckers, Hand aufs Herz: Sind Sie froh, dass Olympia vorüber ist?

Lavinia Zanini: Ganz ehrlich - ja. Zwei Wochen Ausnahmezustand sind genug. Es wird Zeit, dass der Alltag wieder einkehrt.

Das klingt, als hätten Sie ein wenig gelitten.

Lavinia Zanini: Nein, das kann man so nicht sagen. Doch es gab nur noch ein Gesprächsthema - Olympia, Olympia, Olympia. Im Fernsehen, in den Zeitungen, auf der Straße, im Freundeskreis. Vancouver hat Olympia gelebt. Sogar unsere sechsjährigen Zwillinge waren total infiziert.

Inwiefern?

Jos Beckers: Natürlich war Olympia die ganze Zeit über Hauptthema in der Schule. Außerdem haben sie zu Hause viele Sportarten nachgemacht. Die Couch in unserem Wohnzimmer zum Beispiel wurde zur Snowboardpiste umfunktioniert, unsere Tochter schlitterte als Eisprinzessin über das Parkett, der Sohn war Bobfahrer oder Eishockeyspieler.

Haben Sie mit solch einer Begeisterung in der Bevölkerung gerechnet?

Lavinia Zanini: Es war faszinierend zu beobachten, wie sich die Menschen verhalten haben. Wir Kanadier sind normalerweise ruhige, zurückhaltende Menschen. Während Olympia hat sich das total geändert.

Erzählen Sie.

Lavinia Zanini: Vancouver hat den Ruf als "City of no fun". Die Stadt kommt etwas langweilig, träge daher, die Menschen gelten als ein wenig muffig. Vancouverties sind eigentlich Outdoor-Menschen. Sie bewegen sich viel draußen in der Natur. Bergsteigen, Wandern, Klettern, Kajak- und natürlich Skifahren, das ist in. Öffentlich Party zu machen und Feste zu feiern, das gab es bisher kaum.

Jos Beckers: In den letzten zwei Wochen ging besonders in der Innenstadt richtig die Post ab. Die Nächte wurden durchgefeiert, Tausende Menschen feierten lautstark auf den Straßen. Das kannten wir bisher nicht, und auch dieser Patriotismus war uns bisher fremd.

Das ist kaum vorstellbar, nachdem jede Medaille so euphorisch gefeiert wurde.

Lavinia Zanini: Wir haben unsere amerikanischen Nachbarn wegen ihres Patriotismus immer ein wenig belächelt. Jetzt kann man bei uns sehen, was Olympia alles bewegen kann. Plötzlich trägt jeder stolz Jacken, T-Shirts, Kappen oder Handschuhe mit dem Ahornblatt.

Jos Beckers: Die roten Fäustlinge waren der absolute Renner und schon nach einer Woche komplett ausverkauft. Und überall hängt die kanadische Flagge.

Wird sich das wieder ändern?

Lavinia Zanini: Oh ja, ich denke schon. Wir werden ganz schnell wieder zur Normalität zurückkehren.

Was bleibt, nachdem das olympische Feuer nun erloschen ist?

Lavinia Zanini: Hoffentlich kein horrender Schuldenberg, so wie damals in Turin.

Jos Beckers: Man muss positiv denken. Durch die Spiele hat sich Vancouver weiterentwickelt. Besonders von der Infrastruktur hat die Bevölkerung profitiert. Beispiele sind die Schnellbahn zum Flughafen und der Ausbau der Straße nach Whistler. Und die Stadt ist viel fußgängerfreundlicher geworden. Und noch etwas wird bleiben.

Sagen Sie's uns bitte.

Jos Beckers: Ich bin sicher, dass es durch die Spiele einen Schub für den Tourismus geben wird. Und das ist für uns Kanadier ein enorm wichtiger Wirtschaftszweig mit vielen Arbeitsplätzen.

Viel wurde von dem drastischen Unterschied zwischen Arm und Reich in Ihrer Stadt berichtet. Haben Sie Verständnis für die Demonstranten, die gegen die Spiele waren?

Lavinia Zanini: Oh ja. Wenn man einerseits so viel Geld für die Olympischen Spiele ausgibt und auf der anderen Seite so viele Menschen obdachlos sind, ist das sehr unbefriedigend. Gut fand ich allerdings, dass man diese Armut, diese Probleme nicht versteckt hat. Allerdings muss sich jetzt dringend etwas ändern.

Haben Sie sich eigentlich einen Wettbewerb angeschaut?

Jos Beckers: Man hat hier nur Karten über eine Lotterie erhalten. Wir hatten Glück und bekamen Vorrundentickets für das Eishockeyspiel Kanada gegen Norwegen.

Lavinia Zanini: Allerdings war das nicht ganz billig. Olympia scheint nur etwas für die reicheren Leute zu sein. Wir haben 600 Dollar für unsere ganze Familie bezahlt. Das hat wehgetan, sich aber trotzdem gelohnt. Es war schön, einmal für kurze Zeit ein Teil von Olympia gewesen zu sein.

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