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Das hoffnungslos unterlegene deutsche Nationalteam erlebt bei Olympia großartige Momente .

Vancouver - Sagen wir es mal so: Ein Erfolg war die Partie der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft gegen den Olympia-Gastgeber Kanada nicht unbedingt. Ein Erlebnis dagegen schon - trotz des 2:8.

Es ist ein Tag, wie ihn die Juroren wahrscheinlich nicht erlebt haben, als sie Vancouver zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt haben. Denn es ist kein guter Tag. Es ist trüb, es ist nasskalt, irgendwann fängt es auch an zu regnen. Nicht nur ein bisschen - sondern wie aus Kübeln. Und doch ist es ein Feiertag. Weil Kanada spielt.

Also trauen sich die Leute in den Regen. Sie haben ihre roten Klamotten rausgeholt, ihre schwarzen Kanada-Jacken, oder sie tragen einfach nur das, was am passendsten ist an solch einem Tag: ein Eishockey-Trikot. Es sind viele Leute, die Straßen von Vancouver downtown sind proppenvoll, und im fünften Stock des Kaufhauses The Bay ist die Party schon in vollem Gange. Es gibt dort oben diese ganzen Kanada-Klamotten zu kaufen, und weil das Geldausgeben ein bisschen Spaß machen soll, sind auch noch Rick und William da. Wären sie nicht zu zweit, würde man sagen: Sie sind Alleinunterhalter, so sind sie eben ein flottes Duo. Sie spielen Hits von Bob Marley (mit Rasta-Perücke), sie spielen Lou Bega (mit Hut), und sie spielen Bryan Adams (einfach so). Die Leute summen mit, sie wippen mit den Hüften und klatschen. Doch irgendwann sind die Leute weg. Weil Kanada spielt.

Und zwar gegen Deutschland. Das war zwar nicht vorgesehen, aber nachdem die Kanadier wegen der Niederlage gegen die USA nur Gruppenzweiter geworden waren, müssen sie sich nun eben gegen Deutschland für das Viertelfinale erst noch qualifizieren. Und die Leute in Vancouver machen das Beste daraus.


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Für viele ist es eine unverhoffte Gelegenheit, ihr Team doch noch live sehen zu können. Draußen an der Bahnstation Stadium-Chinatown fragen junge Leute nach Tickets, doch die Arena ist ausverkauft. Ja, genau: weil Kanada spielt.

Für die Kanadier ist es also gar nicht schlecht, noch ein zusätzliches Spiel geboten zu bekommen. Besonders gut ist es aber für die Spieler der deutschen Mannschaft. Natürlich ist klar: Sie werden keine Chance haben. Schließlich gibt es in Kanada mehr Eishockey-Schiedsrichter (29839) als in Deutschland Eishockeyspieler (28967). Aber die Deutschen dürfen bei Olympia im eishockeyverrückten Kanada gegen die Gastgeber antreten - und das ist doch auch was. "So ein Spiel ist etwas ganz Besonderes, weil der Stellenwert von Eishockey hier so extrem hoch ist", sagt Marcel Goc später. Der gebürtige Schwenninger muss es wissen. Er hat Olympia 2006 erlebt, er spielt in der NHL, aber das hier in Vancouver stuft er noch ein bisschen größer ein.

Also hat Uwe Krupp, der deutsche Bundestrainer, nicht nur über Taktik und Kampfkraft philosophiert, sondern seinen Jungs auch geraten, diese 60 Minuten aufzusaugen. Denn "das ist ein Erlebnis, das sie ihr ganzes Leben nicht vergessen werden". Wenn einem da beim Bully nicht der Bekannte aus der DEL gegenübersteht, sondern Leute wie Sidney Crosby, Toptalent und Superstar zugleich. Krupp weiß: "Das sind dann schon besondere Momente."

Die Arena also ist voll, man sieht so viele Ahornblätter, dass jeder deutsche Wald neidisch wäre, und auch ein paar deutsche Fans sind gekommen. Sie rufen: "Auswärtssieg." Aber das ist nicht so einfach. Die Spieler kommen aufs Eis, Wayne Gretzky bezieht seine Loge, dann geht's los. Die Deutschen haben sich auf eine Abwehrschlacht eingestellt, sie halten erst einmal auch gut mit, aber plötzlich wird es derart laut in der Arena, dass es einen an den Fußsohlen kitzelt - weil der Boden vibriert. Kanada hat getroffen. Dann ist Drittelpause, auf dem Videowürfel werden Pärchen zum Knutschen aufgefordert, die Einheizer schießen mit einer Art Kanone zusammengerollte T-Shirts in die Luft, und wird der Geräuschpegel mal ein klein wenig zu niedrig, dann ruft der Sprecher: "Make some noise." Macht Krach! Und schon wird es wieder laut.

Es kommt das zweite Drittel, dann das Letzte - und es vibriert immer wieder, insgesamt achtmal. "Bei Kanada stehen einfach klasse Einzelspieler im Team, die haben in vier Reihen nur Superstars - die sind uns einfach überlegen", sagt Marcel Goc. Aber immerhin: Die Deutschen haben auch zweimal getroffen. Und sie haben mitmachen dürfen bei dieser riesigen Eishockey-Party.

Irgendwie war es dann doch noch ein guter Tag.

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