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Der Slalom-Spezialist über seine Chancen bei Olympia, den Sieg in Kitzbühel und seine Mutter.

Whistler - Seine Mutter gewann 1976 dreimal Gold. Nun hat Felix Neureuther die Chance, in Rosi Mittermaiers Fußstapfen zu treten. Am Samstag findet in Whistler der Slalom statt - und der 25-Jährige sagt: "Wenn ich gut fahre, kann ich ganz vorne landen."

Herr Neureuther, die Olympischen Spiele haben gut für Sie begonnen: Platz acht - ausgerechnet im Riesenslalom.

Ja, das stimmt. Schon ein Top-15-Resultat wäre Wahnsinn gewesen. Wenn ich auch im Slalom so eine Leistungssteigerung schaffe, dann wird das Ergebnis unvorstellbar.

So ein Ergebnis gibt viel Sicherheit, oder?

Ja. Es ist einfach schön zu sehen, wenn das bei Olympia so passiert. Wenn man merkt, dass man mit dem Druck umgehen kann.

Dabei ist es noch gar nicht lange her, da dachten Sie noch daran, alles hinzuschmeißen.

Ich habe mir wirklich viele Gedanken gemacht. Und ich muss auch zugeben: Es gab eine Phase, da hatte ich auf diesen ganzen Mist einfach keinen Bock mehr.

Was war das Problem?

Sportlich ist es einfach nicht so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und das hatte Auswirkungen: Der Sport hat plötzlich auch den Menschen Felix Neureuther negativ beeinflusst. Ich war ein ganz anderer Mensch, bin frustriert durch die Gegend gelaufen und habe den ganzen Ärger extrem in mich hineingefressen. Mein Umfeld hat schon gesagt: Das bist nicht du.

Und alles wegen einiger schlechter Resultate?

Ja, weil ich im Sommer gebuckelt habe wie ein Voll-Irrer - und es sich dann einfach nicht ausgezahlt hat. Das war eine verdammt schwierige Situation.

Bei den Trainern fanden Sie in dieser Zeit nicht die nötige Unterstützung?

Die konnten mir gar nicht helfen, weil ich das alles für mich behalten habe. Vor dem Rennen in Alta Badia Ende Dezember hatte ich noch ein gutes Gespräch mit Cheftrainer Charly Waibel, aber auch da habe ich nichts gesagt. Für mich war klar: Ich muss erst mal mit mir selbst im Reinen sein.


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Der Weg aus der Krise

Und wie haben Sie das geschafft?

Es war seltsam: Ich habe viel Zuspruch bekommen in dieser Zeit, obwohl ich ja gar keinem was gesagt hatte. Die Leute haben das aber anscheinend schnell gemerkt. Und eine E-Mail eines guten Bekannten unserer Familie hat es dann auf den Punkt gebracht.

Was stand darin?

Eben das, was ich gerade beschrieben habe. Dass der sportliche Misserfolg auch den Menschen beeinflusst hat und das dies eigentlich nicht passieren darf. Danach habe ich erkannt: Hey, Junge, Skifahren kann doch nicht alles sein. Du bist doch ein ganz netter Bursch, und Freunde hast du auch.

Und das hat dann geholfen?

Ja, denn wenn man es so angeht, wird man auch erfolgreicher sein. Und dann kann man die Momente des Erfolgs auch viel mehr genießen.

Momente wie bei Ihrem ersten Weltcup-Sieg in Kitzbühel?

Genau. Mit so einem Sieg vergisst man die Gedanken ans Aufhören ganz schnell. Und man erkennt: Bei jedem Sportler gibt es mal Tiefs, auch bei einem Bode Miller oder einem Aksel Lund Svindal. Der Bode zum Beispiel war in Turin 2006 auch schlecht - und jetzt hat er drei Medaillen gewonnen.

Noch einmal zurück zum Sieg in Kitzbühel.

Gerne. Das war einfach ein ganz besonderer Moment, auf den ich mein Leben lang hingearbeitet habe. Wenn man immer kämpft, immer alles probiert und dann mit so einem Sieg beschenkt wird, ist das etwas, das man nie wieder vergisst. Ich habe jedenfalls versucht, diese Gefühle mit hierherzunehmen.

Wie haben Sie sich denn seitdem auf die Olympischen Spiele in Whistler vorbereitet?

Zunächst einmal war es sehr wichtig, dass ich diese Leistung mit dem fünften Platz in Kranjska Gora bestätigt habe. Danach ist die ganze Anspannung erst einmal etwas abgefallen. Ich habe dann meinen Körper auf Vordermann gebracht, habe gut trainiert und bin zwei Europacup-Rennen gefahren.

Und?

Nun ja, im Riesenslalom lief es nicht so gut. Im Slalom aber war ich im ersten Lauf nur ein Zehntel hinter Reinfried Herbst.

Der nun die Kohlen für die österreichischen Männer aus dem Feuer holen muss, die noch keine Medaille gewonnen haben. Ist das für die Konkurrenz ein Vorteil?

Es sollte zumindest kein Nachteil sein.

Was ist denn nun drin?

Mit dem Thema Medaille beschäftige ich mich eigentlich nicht. Sicher, das ist ein Traum, aber zunächst einmal weiß ich jetzt durch meine jüngsten Erfolge einfach, dass ich es kann und dass mich die anderen auch ein bisschen fürchten. Und ich weiß: Wenn ich gut fahre, dann kann ich ganz vorne landen - und das ist schon ein gutes Gefühl.

In Deutschland ist das Thema ja fast schon durch, hier werden Sie aber immer wieder auf die Erfolge Ihrer Mutter angesprochen. Welche Bedeutung hat Sie denn für Ihre Karriere?

Meine Mutter ist natürlich ein sehr spezieller Mensch für mich. Und was sie damals in Innsbruck geschafft hat, war unglaublich für ein ganzes Land. Ich habe sie natürlich auch gefragt, wie sie das damals gemacht hat, wie sie mit dem Druck umgegangen ist.

Was hat sie geantwortet?

Sie hat gesagt: Genieße einfach diese Momente.

Sind ihre Erfolge Ansporn für Sie?

Sicher. Die Mama war gut damals, ich will auch gut sein. Aber ich lasse mir deswegen von der Öffentlichkeit keinen Druck machen. Die Topfavoriten sind andere.

Wer denn?

Na, Reinfried Herbst eben, auch Julien Lizeroux, Marcel Hirscher, Benni Raich oder Ivica Kostelic. Da bin ich erst mal glücklich, dass ich zu so einem Kreis dazugehöre.


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