Viel Herzblut für ihr Unternehmen: Die Beachvolleyballerinnen Karla Borger (li.) und Britta Büthe. Foto: Tom Bloch

Viele Wege führen nach Rio – selten werden sie allein beschritten. In unserer Serie stellen wir die unterschiedlichsten Sportler-Trainer-Konstellationen vor. Die Beachvolleyballerinnen Karla Borger und Britta Büthe bezahlen ihren serbischen Coach Srdjan Veckov aus der eigenen Tasche.

Stuttgart - Wer Karla Borger und Britta Büthe fragt, was sie an ihrem Sport am meisten fasziniert, erhält eine klare Antwort: die Freiheit. Nun liegt es in der Natur der Sache, dass Beachvolleyballer sich am Strand und in der Sonne ungezwungen bewegen und im Sand nicht in eine Form gepresst werden wollen. Doch die Freiheit, die Borger und Büthe meinen, geht über ein cooles Lebensgefühl hinaus. Sie bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen. Für sich, aber auch für das eigene Mini-Unternehmen. Die beiden Stuttgarterinnen finanzieren ihre Leidenschaft komplett selbst, und das führt zu einer im Sport nicht alltäglichen Situation: Borger (27) und Büthe (28) sind die Chefinnen des Mannes, der sie zumeist hart arbeiten lässt – von Trainer Srdjan Veckov (36).

Nun steuern die Firmengründerinnen und ihr Angestellter auf den bisher größten Erfolg zu. Bei den Olympischen Spielen. In Rio. An der Copacabana. „Dort ist alles möglich. Es gibt keine klaren Favoriten auf die Podestplätze“, sagt Veckov, „wir wollen unsere beste Leistung zeigen. Reicht es zu einer Medaille, dann ist es super.“ Und wenn nicht? „Fliegen wir heim und trainieren weiter!“

„Wir arbeiten perfekt zusammen“

Das mag sich hart anhören, passt aber zur Haltung des Serben. Er ist ein Freund klarer Worte, und er neigt nicht zu Sentimentalitäten. Weder in Trainingseinheiten, noch bei Turnieren. Er gibt seinen beiden Freigeistern einen genauen Plan vor, an den diese sich akribisch zu halten haben – und es auch tun. „Wir arbeiten perfekt zusammen“, sagt Veckov, „dass es mit der Olympia-Qualifikation geklappt hat, ist der Beweis dafür, dass wir einen guten Job machen.“

Und das ist gar nicht so einfach, wenn es so gut wie keine Pausen gibt. Es ist schon eine Weile her, als Borger und Büthe die Idee hatten, einen Karla-und-Britta-freien Tag pro Woche einzuführen. Kein Training, kein Mittagessen, kein Handy, kein Facebook, kein Kontakt. Sie haben es probiert, geklappt hat es fast nie. Weil sie sich so gut verstehen und ergänzen, dass sie solche Auszeiten nicht brauchen. Und weil sie immer ein gemeinsames Ziel vor Augen hatten – Rio de Janeiro. Der Weg dorthin war anstrengend, voller Rückschläge, entbehrungsreich. Und nur gemeinsam zu bewältigen. Schritt für Schritt. Tag für Tag. Turnier für Turnier.

Seit Mitte Februar, als die Qualifikation in die heiße Phase ging, sind Borger und Büthe nur als Team anzutreffen. Und Veckov ist immer irgendwo im Hintergrund dabei. Er motivierte die beiden, als Borger vor einem Jahr nach einer Rücken-Operation um ihre Karriere bangte. Er machte die beiden fit für die entscheidende Phase der Saison. Er bereitete sie vor jedem Spiel auf ihre Gegnerinnen vor. Er analysierte ihre Fehler. Und er zeigte ihnen Wege auf, um noch besser zu werden. „Wir brauchen einen Trainer, der ständig bei uns ist“, sagen die Beachvolleyballerinnen, „anders geht es nicht.“

Ihr erster Vollzeit-Trainer war Guillermo Naranjo Hérnandez. Als der Spanier Chefcoach bei Frauen-Erstligist Allianz MTV Stuttgart wurde, schauten sich Borger und Büthe nach Ersatz um. 2014 nahmen sie Veckov mit in ein Trainingslager und zu einem Turiner nach Den Haag, und schnell war allen klar: Es bedarf keiner weiteren Probezeit, das passt. Seither tingelt das Trio von Sandkasten zu Sandkasten. Finanziert wird alles von den Spielerinnen. „Das ist wie in anderen Unternehmen auch“, sagen Borger und Büthe, „man investiert am sinnvollsten in den Bereich, in dem man sich am stärksten weiterentwickeln kann.“

Die Suche nach der richtigen Lösung

Nun ist es nicht so, dass Veckov Reichtümer verdienen würde, aber leben können muss er mit seiner schwangeren Frau und der zweijährigen Tochter von seinem Gehalt natürlich schon. Andererseits schauen die Geschäftsführerinnen Borger und Büthe natürlich auch auf ihren Ausgabenetat, in dem die Reisekosten ein wichtiger Posten sind. Deshalb kommt es schon mal vor, dass Veckov wie beim Turnier in Hamburg, als endgültig die Tickets nach Rio gebucht wurden, nicht in dem Nobelhotel wohnt, das die Spielerinnen vom Veranstalter zugewiesen bekommen, sondern etwas preisgünstiger um die Ecke. Den Trainer stört das nicht, so lange er Strom für den Laptop hat. So bleibt ihm, abseits des Trubels, genügend Zeit, um Videos der nächsten Gegnerinnen zu studieren. „Srdjan arbeitet super professionell“, sagt Borger. Und Büthe fügt hinzu: „Es kommt im Beachvolleyball immer darauf an, die richtige Lösung zu finden. Er hilft uns dabei enorm.“

Der frühere serbische Erstliga-Volleyballer und Diplom-Trainer war zunächst Coach von Hallenteams im Iran und Libanon sowie auf Malta, zudem kümmerte er sich vier Jahre lang um die serbischen Beachvolleyball-Nationalteams und den Nachwuchs. Sein größter Erfolg? Ist die Olympia-Qualifikation mit Borger und Büthe. „Wer weiß, ob so eine Chance noch einmal kommt“, sagt Veckov – dessen Vertrag mit seinen zwei Chefinnen im September ausläuft. Ob es anschließend weitergeht, darüber wird nach Rio verhandelt. Es gibt wenig, das dagegen spricht, und trotzdem sagt Veckov, ganz pragmatischer Trainer: „Ich mag die beiden sehr, aber es ist nicht so, dass ich nicht ohne sie leben könnte.“

Was zeigt, dass nicht nur Beachvolleyballerinnen die Freiheit lieben. Auch ein Trainer muss stets bereit sein für neue Bindungen – nach der letzten Etappe eines Weges, der in Rio endet. Am liebsten auf einem Podest.

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