Unterwegs nach Italien lassen viele Innsbruck links liegen. Zu Unrecht. Zeit für einen Kurzurlaub.

Eine Gletscherzunge liegt träge in der Sonne. Mitten in Innsbruck, unweit der Hofburg. Je nach Sonneneinstrahlung glitzert sie weiß bis perlmuttfarben, grün-grau oder bläulich. Touristen, die sich ihr nähern, verschluckt sie ganz einfach – um sie acht Minuten später auf „Wolke 7“ wieder auszuspucken...

Die amorphen Formen von Eis und Schnee waren ganz offensichtlich Inspirationsmasse für die britisch-irakische Stararchitektin Zaha Hadid, als sie für die Tiroler Landeshauptstadt eine neue Standseilbahn entwarf. Organisch fließende Glaskonstruktionen spannen sich über die vier Stationen, deren letzte im hoch gelegenen Stadtteil Hungerberg steht – direkt neben einem Café namens „Wolke 7“. Man kann in Hadids Konstruktionen einen Gletscher sehen, sich windende Fischkörper oder gleich ein paar Flügel. Die 2007 eröffnete Bahn ist eine leichtfüßige Antwort auf die gewaltige Nordkette, den Hausberg der Innsbrucker, der hier über allem steht.

Und ihre Eleganz lässt fast vergessen, dass eine Bahn wohl die schnödeste aller Arten ist, einen Berg zu bezwingen. Aber sei’ s drum: Wer Hadids Hungerburgbahn nimmt, kann auch gleich noch die Nordkettenbahn besteigen, die praktischerweise direkt bei „Wolke 7“ beginnt und den Reisenden in weiteren acht Minuten auf etwa 1900 Meter zur Station Seealpe bringt. Von hier aus lässt sich der Berg im Winter mit Skiern, im Sommer mit Wanderstiefeln, Mountainbike oder Gleitschirm ganz prima erobern. Man kann aber auch einfach nur oben stehen und staunen, die Einheimischen belauschen, Speckknödel essen und runter gucken.

Vor einem liegen der Inn und die 120000-Einwohner-Stadt Innsbruck im Talkessel, und man kann gar nicht glauben, dass man hier schon so unzählige Male auf dem Weg nach Italien vorbeigerauscht ist. Vielleicht hat man gerade auf der Autobahn das zweite viel zu hart gekochte Ei verdrückt, während in der Altstadt Tiroler Gröstl und Speck auf den Tisch kamen. Vielleicht hat man sich gerade die Zeit mit Spielen vertrieben, während auf dem Adolf- Pichler-Platz die Leute in der Sonne saßen oder den Inn entlangbummelten. Vielleicht stand man gerade im Stau, als auf der Schanze die Skispringer im Sommertraining abhoben.

Es war schon immer Innsbrucks Glück und Pech zugleich, an der Strecke in den Süden zu liegen, kurz vor dem Brenner, der bereits im 13. Jahrhundert weitgehend als Weg über die Alpen befahrbar war. Pech, weil Durchreisende seit jeher gar nicht oder nur kurz haltmachten. Glück, weil Innsbruck damit an einer wichtigen Handelsroute lag: Schon die Römer bauten hier eine Militärstation an der Reichsstraße Verona–Augsburg. Um 800 nach Christus entdeckten die Bajuwaren das nördliche Innufer als geeigneten Siedlungsort. Bedeutend allerdings machten Innsbruck die Habsburger. Ihre Hinterlassenschaften von der Hofburg, über das Goldene Dachl bis hin zu Universität und Theaterhaus prägen noch heute die Altstadt. Vor allem Kaiser Maximilian I. (1459–1519), der das Habsburgerreich nach Westen hin ausdehnte, war ein Fan der Residenzstadt. „Tirol ist ein grober Bauernkittel, aber er wärmet gut“, soll der Monarch gesagt haben. Sein Ehrengrab in der Hofkirche ist das größte Grabmal der Habsburger: 28 lebensgroße Bronzefiguren umgeben den Kenotaph, wirklich bestattet wurde „der letzte Ritter“ jedoch in Wien.

So viel Geschichte gibt es unten in Innsbruck zu sehen. Aber noch sind wir auf dem Berg, versunken in Autobahnerinnerungen und blicken auf die Sprungschanze, die der Nordkette ungefähr gegenüber liegt, am Bergisel. Auch so eine Geschichte: Der Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer kämpfte am Bergisel 1809 zunächst erfolgreich, am Ende aussichtslos gegen die bayerischen und französischen Truppen, von deren Besatzung er seine Heimat befreien wollte. „Die Tiroler sind die Bayern von Österreich“, sagt Schanzenführer Rainer Ammann dazu. Der gebürtige Schwabe muss es wissen. Er lebt seit 20 Jahren in Innsbruck und redet auch schon ein bisschen so. Er sagt Wörter wie „Gaudi“ und lobt das Nebeneinander von modern und alt in der Stadt.

Im vergangenen Jahrzehnt ist in Innsbruck viel neue Architektur entstanden. Zum Beispiel die Sprungschanze. Sie ist ebenfalls ein Werk von Zaha Hadid aus dem Jahr 2002. Die gut 15 Millionen Euro Baukosten hätten sich bereits amortisiert, sagt Rainer Ammann, so viele Leute kämen, um das Kunstwerk zu besichtigen, das von weitem so aussieht als strecke ein riesiger Roboterkopf seine Zunge heraus. In dem Roboterkopf gibt es – auf Augenhöhe mit der Anlauframpe – ein Restaurant. Dort kann man bei Kaffee und Kuchen darüber diskutieren kann, warum ein Mensch freiwillig Dauerdiät hält, um sich dann von etwa 40 Metern Höhe in die Tiefe zu stürzen. Ist der Mensch denn immer auf dem Sprung irgendwohin? Wer unten ist, will hinauf und wer oben ist – sollte der vielleicht ab und zu mal wieder runter steigen? Man fragt sich oft solche Sachen in Innsbruck, wo man zwischen Höhen und Tiefen pendelt, Positionen und Perspektiven ändert.

Erden tut einen da die Maria-Theresia-Straße im Stadtzentrum, die nach langer Umgestaltung jetzt als Einkaufs- und Flaniermeile und Treffpunkt der Jugend genutzt wird. Hier stehen zwischen alten Fassaden interessante neue Gebäude: Das traditionsreiche Kaufhaus Tyrol etwa wurde von Stararchitekt David Chipperfield neu aufgebaut und dieses Jahr eröffnet. Gleich um die Ecke führen am Schickimicki verdächtigen Sparkassenplatz die Neubauten der Banken und das altehrwürdige Hotel Central ein kontrastreiches Nebeneinander.

Alt und Neu in sich vereint hat der Rathausneubau von Dominique Perraulte aus dem Jahr 2002. Zwischen zwei alte Gebäudeteile hat der Franzose einen verbindenden Neubau gesetzt. Das Gebäude ist jetzt nicht mehr nur Ort nüchterner Verwaltungsarbeit, sondern auch eine Einkaufspassage. Ganz oben auf dem Haus sitzt ein weiterer Höhepunkt, die Bar „360 Grad“. Von dort hat man einen Rundumblick über die Stadt, ihre Dächer, Türme und Berge. Zum Aperitif trinkt man Sprizz, ein Getränk, das eigentlich in Norditalien zu Hause ist. Ach ja, wir waren ja eigentlich auf dem Weg in den Süden!

Weiter Informationen

Anreise
Die Stadt liegt direkt an der Brennerautobahn A 13. Mit der Bahn ist Innsbruck ab Stuttgart in circa fünf Stunden zu erreichen.

Vor Ort gibt es die Innsbruck Card, mit der man alle öffentlichen Verkehrsmittel und Bergbahnen benutzen kann und freien Eintritt in zahlreiche Museen und Sehenswürdigkeiten hat. Preis: ab 29 Euro, Kinder unter 15 zahlen die Hälfte.

Unterkunft
Vier Sterne: Das Austria Trend Hotel bietet ein schlichtes modernes Ambiente, fünf Gehminuten von der Altstadt entfernt und direkt an einer Station der Hungerburgbahn gelegen. Ab 119 Euro (alle Preise: Doppelzimmerpreise inklusive Frühstück), www.austria-trend.at/Hotel-Congress-Innsbruck/de/. Wer er lieber traditionsreich will: Das Hotel Goldener Adler (vier Sterne) ist das älteste der Stadt (seit 1390) und liegt direkt beim Goldenen Dachl. Ab 125 Euro: www.bestwestern.at/goldeneradler. Zentrale Dreisternehotels: Weisses Rössl, ab 120 Euro, www.roessl.at; Basic Hotel Innsbruck, ab 120 Euro, www.basic-hotel.at. Etwas außerhalb, dafür günstiger ist das Bistro's B&B Hotel Garni, ab 66 Euro, auch Dreibettzimmer, www.hotel-bistro.at. Viele Unterkünfte und Informationen zur Stadt auf www.innsbruck.info

Moderne Architektur
Informationen über neue Architektur in Innsbruck und Tirol gibt es beim Verein „aut. architektur und tirol“.In seiner Lounge am Lois-Welzenbacher-Platz 1 in Innsbruck finden Ausstellungen, Vorträge, Diskussionen, Lesungen und Workshops statt. Außerdem bietet der Verein Stadtspaziergänge und Exkursionen zu moderner Architektur an: www.aut.cc, Telefon 0043 / 512 / 571567.

Was Sie tun und lassen sollten
Auf jeden Fall sollten Sie die Bar 360 Grad im Rathaus besuchen, abends an den alten Viaduktbögen vorbeibummeln und einen Blick in die Kneipen und Clubs dort werfen, die Sprungschanze am Bergisel besichtigen, mit der Bahn auf die Nordkette fahren und von der Terrasse der Station Seealpe aus ins Tal blicken.

Auf keinen Fall sollten Sie vor einem Tiroler Gröstl (Pfannengericht mit Kartoffeln, Schweinefleisch und Ei) Schlutzkrapfen (ähnlich den schwäbischen Maultaschen) als „Vorspeise“ essen, denn dann sind Sie wahrscheinlich bereits satt.

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