Birgit Niemyt nutzt den E-Bus in die Bachhalde seit dem ersten Tag. Ein Wegfall der Linie würde sie hart treffen. Foto: Ines Rudel

Die Einstellung der E-Buslinie ins Nürtinger Gewerbegebiet Bachhalde stellt manche Beschäftigte vor ein Problem. Sollte es keinen Ersatz geben, muss Birgit Niemyt künftig 900 Meter per pedes zurücklegen – und das mit einer Gehbehinderung.

Nürtingen - Rein ökonomisch betrachtet, ist der Nürtinger Elektrobus ein Flop gewesen. Zu wenige Fahrgäste und anfällige Technik: Deshalb wird die E-Bus-Linie 169 ins Gewerbegebiet Bachhalde Ende März stillgelegt. Was betriebswirtschaftlich nachvollziehbar ist, ist aus der Sicht von betroffenen ÖPNV-Kunden eine herbe Enttäuschung.

Manch ein Beschäftigter hat sein Auto verkauft

Birgit Niemyt arbeitet bei einer Firma in dem interkommunalen Gewerbegebiet des Zweckverbands Wirtschaftsraum Nürtingen. Morgens steigt sie in Esslingen in den Bus und gelangt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Nürtingen. Am Bahnhof dort steigt sie in den Elektrobus ein, der sie an die Haltestelle Heinrich-Hertz-Straße und damit direkt zu ihrem Arbeitsplatz bringt. Die Einstellung der E-Bus-Linie 169 bereitet Birgit Niemyt große Sorgen.

Die nächste Haltestelle, die von Bussen mit herkömmlichem Antrieb angefahren wird, ist in Oberensingen. Dort müsste Birgit Niemyt aussteigen und dann die restlichen circa 900 Meter zu Fuß zurücklegen. Weil die Esslingerin eine Gehbehinderung hat, ist dies sehr mühsam, vor allem im Winter bei Schnee und Glätte. Sie wisse außerdem von Fahrgästen, die dem auf dem E-Bus angebrachten Slogan „Nürtingen fährt mit Strom und null Emission – steigen Sie um“ gefolgt sind und im Vertrauen auf den Elektrobus ihr Auto verkauft haben. Auch diese Gruppe stehe dann im Regen.

Die Fahrgastzahlen haben nicht die Erwartungen erfüllt

Gestartet war das von der Region Stuttgart geförderte Pilotprojekt am 1. April 2016. Vom ersten Tag an ist Birgit Niemyt mit dem E-Bus gefahren. Dessen Nutzung bringe ihr täglich bis zu einer Stunde Zeitersparnis, sagt die ÖPNV-Kundin. Mit dem Service sei sie bisher zufrieden gewesen. Umso frustrierter ist sie nun. „Man kann doch nicht einfach sagen: Leute, steigt auf Buslinien um, und dann werden diese wieder eingestampft, so kann es ja nicht vorwärts gehen mit dem ÖPNV und der Elektromobilität“, drückt die Esslingerin ihr Unverständnis aus. „Das passt einfach nicht zusammen.“

Er sei sich bewusst, erklärte der Nürtinger Oberbürgermeister Johannes Fridrich im Gemeinderat Anfang Dezember, dass auf den ersten Blick eine gewisse Diskrepanz bestehe. Alle Welt rede von der Zukunft der Elektromobilität, und Nürtingen verabschiede sich von dem Pilotprojekt. Doch rein rechnerisch hatte der Gemeinderat keine Alternative zur Einstellung der Linie gesehen. Das Votum in dem Gremium fiel einstimmig aus. Durchschnittlich haben im laufenden Jahr pro Monat 835 Fahrgäste den E-Bus genutzt. Zu wenig aus Sicht des Rathauses, einen weiteren Betrieb zu rechtfertigen. Unter dem Strich kostet die Stadt eine Fahrt pro Fahrgast zur Bachhalde 10,47 Euro. „Wir könnten genauso gut jedem Fahrgast ein Taxi zahlen“, brachte es der Grünen-Stadtrat Bernd Sackmann auf den Punkt.

Bei einem E-Bus ist der Akku kaputt gegangen

Hinzu kommt, dass die Busse nach den bisherigen Erfahrungen technisch nicht die zuverlässigsten waren. Einer der beiden Busse steht seit geraumer Zeit beim Akku-Hersteller in Österreich. Eine teure Reparatur oder ein Tausch des kaputten Akkus lohnt sich nicht. Birgit Niemyts Hoffnungen ruhen derweil auf Gesprächen der Stadt Nürtingen mit dem Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart. Es soll ausgelotet werden, ob die Bachhalde mit Dieselbussen bedient werden kann.

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