Das Foto zeigt die Kumpaneien bei der Generalprobe im Winter 2015. Auch in diesem Jahr haben sich die Cusanus-Mitarbeiter auf die Weihnachtsspiele vorbereitet. Foto: privat

Alljährlich werden im Nikolaus-Cusanus-Haus in Stuttgart-Birkach die Oberuferer Weihnachtsspiele gezeigt. Mitarbeiter des antroposophischen Seniorenheims beginnen in dieser Woche mit dem Paradeisspiel und dem Christgeburtspiel.

Birkach - Es gibt Theaterstücke, bei denen die Zuschauer den Text mitsprechen könnten. Manchmal tun sie das auch – ganz leise. Im Fall der Oberuferer Weihnachtsspiele, die in dieser Woche und im Januar im Nikolaus-Cusanus-Haus gegeben werden, ist das Publikum gut vertraut mit einem Text, der so gar nicht der Alltagssprache entspricht. Die Zuschauer genießen die altertümliche Sprache, denn die drei Weihnachtsspiele gehören zu den Ritualen, die mit der besinnlichen Zeit rund um das Christfest verbunden sind. Viele der Zuhörerinnen und Zuhörer haben selbst einmal als Waldorfschüler oder als Lehrer einer Waldorfschule in einem Weihnachtsspiel auf der Bühne gestanden.

Ein Geschenk der Mitarbeiter für Bewohner

„Es ist ein Geschenk der Mitarbeiter für die Bewohnerinnen und Bewohner unseres Hauses“, erläutert Heimleiter Frieder Stehle-Lukas, „aber es kommen auch Besucher von außerhalb“. Am Mittwoch und am Donnerstag besteht wieder einmal die Gelegenheit, in die mysteriöse Welt des Paradeisspieles und des Christgeburtspieles einzutauchen. Am 6. Januar wird die Reihe mit dem Dreikönigsspiel fortgesetzt.

Von der Gründung der anthroposophischen Senioreneinrichtung an, die im kommenden Jahr das 25-jährige Bestehen feiert, gehörten die Oberuferer Weihnachtsspiele zum Veranstaltungsprogramm. Seit mehr als 20 Jahren sind es die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die im Herbst mit den Proben beginnen.

Zu den sogenannten Kumpaneien des Nikolaus-Cusanus-Hauses gehören in diesem Jahr 18 Schauspielerinnen und Schauspieler. Mit dabei sind auch der Heimleiter und Pflegedienstleiterin Margit Kees-Baumann. Nur die Spieler des Dreikönigsspiels kommen aus Reutlingen. Eine Bewohnerin hat sich erboten, die Darsteller am Klavier zu begleiten, wenn es wieder heißt: „Ich tritt herein an allen spot, ein schön gutn abend geb euch Got, ein schön gutn abend, eine glückselige zeit, die uns der herr von himel geit.“

Texte, die sich in der Kindheit eingeprägt haben

Diese Worte des Begrüßungsengels aus dem Christgeburtsspiel sind in anthroposophischen Kreisen wohlbekannt. „Es sind Texte, die sich einem als Kind eingeprägt haben“, meint Katinka Amerbacher. Die Sprachgestalterin und Theaterpädagogin leitet das Jahr über den Sprechchor am Cusanus-Haus und führt bei den Weihnachtsspielen Regie. Sie mag es, wenn Sprache, Bilder, Musik, Bewegungen und archetypische Gesten so zusammenwirken, dass die Zuschauer die Erzählung intuitiv erfassen können. „Es geht um das Miterleben, da ist weniger Distanz zum Publikum“, lobt sie.

Tradition der Donauschwaben

Die Oberuferer Weihnachtsspiele gehen auf eine Tradition der Donauschwaben zurück. Diese Siedler aus Süddeutschland lebten unter anderem in der Nähe von Preßburg (Bratislava in der Slowakei), wo Bauern nach der Erntezeit mit den Proben begannen. „Damals durften nur Männer mitspielen, und sie mussten während der Zeit bis zur Aufführung ein redliches Leben führen“, erzählt Margit Kees-Baumann. Zu einem „ehrsamen Leben“, wie es damals hieß, gehörte zum Beispiel, dass keine Schelmenlieder gesungen wurden.

Entdeckt hat diese Tradition der Germanist und Volkskundler Karl Julius Schröer, der die Oberuferer Weihnachtsspiele 1859 herausgab. Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, war in Wien dessen Schüler. Er ließ die Tradition ab 1915 im schweizerischen Dornach aufleben. Die Musik stammt von Leopold van der Pals, der bei der Uraufführung 1819 in Berlin selbst am Klavier saß.

Nicht für alle Kinder geeignet

Anders als bei den Krippenspielen von Kirchengemeinden sind die Oberuferer Weihnachtsspiele nur bedingt für Kinder geeignet. „Das Paradeisspiel, die Geschichte vom Sündenfall, ist erst ab der zweiten oder dritten Klasse sinnvoll“, rät Katinka Amerbacher, „der Teufel kann sehr bedrohlich wirken“. Das Christgeburtsspiel, das mit den Hirten auch fröhliche Elemente enthält, ist für Kinder im Vorschulalter geeignet, die etwa 80 Minuten konzentriert zuhören können. „Die Dreikönigsspiele sind eher für Ältere“, meint die Regisseurin: Schließlich gehe es bei Herodes um den Mord an Kindern.

Vorstellungen
Die Oberuferer Weihnachtsspiele im Nikolaus-Cusanus-Haus an der Törles­äckerstraße 9 in Birkach werden zu folgenden Zeiten gezeigt: am Mittwoch, 14. Dezember, um 16.30 Uhr das Paradeisspiel, um 18 Uhr das Christgeburtspiel. Am Donnerstag, 15. Dezember, um 15 Uhr das Paradeisspiel und um 16.30 Uhr das Christgeburtspiel. Am Freitag, 6. Januar 2017, beginnt das Dreikönigsspiel um 16 Uhr. Der Eintritt ist an allen Terminen frei, Spenden sind willkommen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: