Matthias Knecht steht im Blitzlichtgewitter, als er mit seiner Frau Ulrike und seinem Sohn Jakob ins Ludwigsburger Kulturzentrum kommt. Foto: factum/Simon Granville

Überwältigt ist der 43-jährige Wahlsieger Matthias Knecht. Kaum jemand hatte mit einem so deutlichen Sieg gerechnet. Seine Anhänger feiern ihn – doch auch der abgewählte OB Werner Spec erhält Anerkennung.

Ludwigsburg - Im Vorfeld hatten fast alle politischen Beobachter einen engen Wahlausgang erwartet – sie haben sich geirrt: Die Wähler in Ludwigsburg haben am Sonntag sensationell deutlich den Amtsinhaber Werner Spec abgestraft und mit Matthias Knecht einen neuen Oberbürgermeister ins Rathaus gewählt. Spec kam im ersten Wahlgang auf lediglich 29,4 Prozent der Stimmen, der Politik-Neuling Knecht erreichte auf Anhieb mit 58,5 Prozent die absolute Mehrheit. Der Rechtsprofessor wird damit am 1. September die Nachfolge von Spec antreten, der seit 2003 im Amt ist.

Knecht wird der achte Oberbürgermeister in Ludwigsburg seit dem Zweiten Weltkrieg und zeigte sich in einer ersten Stellungnahme sichtlich überrascht angesichts des klaren Wahlausgangs. Auch er sei davon ausgegangen, dass die OB-Wahl erst im zweiten Wahlgang in zwei Wochen entschieden werde, sagte der 43-Jährige: „Das ist ein überwältigender Moment.“ Knecht dankte Spec für „16 unglaubliche gute Jahre für Ludwigsburg“.

Knecht: Ich reiche Ihnen die Hand, völlig wurscht, welches Parteibuch Sie haben

In Richtung seiner politischen Gegner im Gemeinderat und in der Stadt sagte der strahlende Wahlsieger: „Ich reiche Ihnen die Hand, wir werden unheimlich gute acht Jahre haben, meine Bereitschaft zur Zusammenarbeit ist vorhanden – völlig wurscht, welches Parteibuch Sie haben.“

Wenn überhaupt, galt Knecht vorab als leichter Favorit, weil er mit der CDU, SPD und den Grünen drei der vier großen Fraktionen im Gemeinderat hinter sich wusste. Werner Spec, dessen Beliebtheit in der Stadt nach mehreren äußerst ruppigen Auftritten und Dauerstreitigkeiten etwa in Sachen Stadtbahn zuletzt deutlich zurückgegangen war, wurde nur noch von den Freien Wählern unterstützt.

Spec: Es waren 16 glückliche Jahre in Ludwigsburg

Der alte und der neue OB traten am Sonntag unmittelbar nacheinander im Ludwigsburger Kulturzentrum vor die Öffentlichkeit. Knecht wurde mit tosendem, aber auch Spec mit viel Applaus empfangen. In seiner Rede gratulierte der 61-Jährige dem Wahlsieger. „Diese Stadt ist so großartig, dass es mit Ihrer Führung tolle weitere Jahre geben kann“, sagte er. Er habe 16 glückliche Jahre im Rathaus gehabt, dafür sei er dankbar. „Eine Wahlniederlage ist nicht wirklich etwas, das man sich wünscht, aber ich freue mich jetzt auf eine neue berufliche Herausforderung“, erklärte der Wahlverlierer.

Den Liveticker über den Wahlabend zum Nachlesen finden Sie hier.

Welche Pläne er hat, verriet Spec nicht. Nur so viel: „Es beginnt jetzt ein neuer Lebensabschnitt für mich, in dem das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit deutlich anders aussieht.“ Es sei schwierig gewesen, gegen das Bestreben von drei großen Parteien anzukommen, die einen Wechsel wollten, erklärte er.

Jakob Novotny will sich weiter engagieren

Insgesamt waren fünf Kandidaten zur Wahl angetreten. Der junge Student Jacob Novotny erreichte nach einem engagierten Wahlkampf beachtliche 8,6 Prozent der Stimmen, die anderen beiden Bewerber holten lediglich jeweils gut ein Prozent. „Ich bin zufrieden mit dem Wahlergebnis, da ich ein unbeschriebenes Blatt in der Stadt bin“, erklärt der 26-jährige Novotny. Er will nun einen Youtube-Kanal gründen, um junge Menschen für Politik und Demokratie zu begeistern, sagte er.

Für Ludwigsburg ist diese Wahl eine Zäsur. Spec war kein stiller Oberbürgermeister, streitbar und umstritten, aber er hat viel geleistet für diese Stadt. Die Lebensqualität ist hoch, die Arbeitslosigkeit gering, die Zahl der Jobs in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen – auch dank spektakulärer Neuansiedlungen von Bosch und Porsche, die Spec maßgeblich mit eingefädelt hat. Nicht gelungen ist es in der Ära Spec indes, die Verkehrsprobleme in der von Stau geplagten Stadt zu lösen.

Spec hat viel Unterstützung verspielt

Der hartnäckig geführte Kampf zwischen dem OB und dem Landrat Rainer Haas um den Bau einer Stadtbahn von Remseck bis nach Markgröningen hat offenbar vor allem Spec geschadet. Er hatte, gegen alle Widerstände, auf den Aufbau eines Schnellbusnetzes gesetzt und die Stadtbahnplanungen behindert.

Spannend zu sehen wird nun sein, welche Auswirkungen die Wahl von Knecht für die Schnellbusplanungen haben wird. Im Wahlkampf hat er sich zwar stets hinter alle Beschlüsse gestellt, aber mehrfach erklärt, dass er in dem Spec’schen Lieblingsprojekt nicht die Lösung der Verkehrsprobleme sieht.

Eine weitere große Herausforderung für Knecht wird sein, dem Anstieg der Immobilienpreise und Mieten etwas entgegenzusetzen. Diese sind zuletzt nahezu explodiert, und vor allem in den vergangenen Jahren sind viel zu wenige neue Wohnungen in der Stadt gebaut worden.

Das Video von Matthias Knechts Antrittsrede sehen Sie hier.

Die breite Allianz der Spec-Gegner ist zufrieden

Es dürften allerdings vor allem die atmosphärischen Störungen sein, die zu dem Wahldebakel für den Amtsinhaber führten. War Spec bei seiner ersten Wahl 2003 noch von einer großen Mehrheit des Gemeinderats unterstützt worden, hat er in seiner letzten Amtszeit einen Großteil dieser Unterstützung verloren. Entsprechend zufrieden reagierte das Lager von Knechts Unterstützern aus CDU, Grünen und SPD. „Ich habe dieses Ergebnis erhofft, aber nicht damit gerechnet“, sagte die SPD-Fraktionschefin Margit Liepins. Der CDU-Sprecher Klaus Herrmann erklärte: „Offenbar war der Wunsch in der Bevölkerung nach einem Wechsel größer als manche dachten.“ Die grüne Stadträtin Christine Knoß hofft jetzt auf ein neues Klima in der Stadtpolitik: „Die Türen sind jetzt weit offen.“

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