Die Schließung des Media Markts ist für die betroffenen Mitarbeiter und den Nürtinger Einzelhandel eine Katastrophe. Foto: Ines Rudel

Mit der Schließung des Media Markts bricht in der Nürtinger Innenstadt ein wichtiger Frequenzbringer weg. Im Wettbewerb der Kommunen setzt das Rathaus auch auf das Thema Nachhaltigkeit und Verbesserungen in der ÖPNV-Anbindung.

Nürtingen - Tschüss Nürtingen! Der Media Markt ist geschlossen.“ Mit dieser lapidaren Botschaft auf einem Plakat am Eingang zum Einkaufcenter NC und dem Verweis auf die nächstgelegenen Filialen in Kirchheim, Esslingen und Eislingen verabschiedet sich die Elektronik-Fachmarktkette aus der Nürtinger Innenstadt. Nicht nur für die 27 Mitarbeiter ist das ein harter Schlag, sondern auch für den lokalen Einzelhandel. Denn mit dem Abschied des Media Markts fehlt plötzlich ein entscheidender Frequenzbringer.

Der Abschied von Media Markt hat Nürtingen kalt erwischt

„Das hat uns kalt erwischt“, sagt der Nürtinger Oberbürgermeister Johannes Fridrich und spricht von einer „Hiobsbotschaft“ und einem „Schock“. Denn auf dem NC ruhen große Hoffnungen. Vor knapp zwei Jahren gab das Traditionskaufhaus Hauber dort auf. Die Stuttgarter Nanz-Gruppe, der bis dahin zwei Drittel des Gebäudes gehörten, übernahm den Anteil des Unternehmers Joerg Hauber.

Nach einer Sanierung, so der ursprüngliche Plan, sollte Ende dieses Jahres neu eröffnet werden. Zwar kam es zu Verzögerungen, doch schien Media Markt als Ankermieter weiter gesetzt. Die Drogeriemarkt-Kette Müller, ein Discounter und ein Fitnessstudio gelten als weitere Mietinteressenten.

Die Städte im Umfeld sind eine harte Konkurrenz

Die Firmenzentrale von Media Markt in Ingolstadt begründete die Schließung in Nürtingen mit der schwierigen wirtschaftlichen Situation in der Corona-Krise. Indessen kommt der Rückzug für Branchenkenner nicht ganz unvermittelt. Hatte doch der Mutterkonzern Ceconomy, der auch die Saturn-Märkte betreibt, bereits vor einem Jahr ein massives Sparprogramm angekündigt.

Als Einkaufsstadt hat Nürtingen im regionalen Wettbewerb der Kommunen generell einen schwierigen Stand. Kirchheim etwa hat sich erfolgreich als Markt-Stadt aufgestellt, knapp 15 Kilometer von Nürtingen entfernt lockt die Outlet-City Metzingen, und auch Esslingen mit seiner attraktiven Altstadt und die Landeshauptstadt Stuttgart sind nicht weit.

Nürtingen verliert als Mittelzentrum an Bedeutung

„Nürtingen verliert massiv an die Städte im Umfeld“, sagt Dirk Funck, Professor für Multi-Channel-Handel, Sales-Management und Kooperationsmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU). Inzwischen gebe es in der Hölderlinstadt regelrechte „Sortimentslöcher“. Wer für Einkäufe die Stadt wechseln muss, erledige seine Besorgungen eben häufig gleich komplett auswärts. Ein Teufelskreis. Der Wissenschaftler verweist auf die sogenannte Zentralität, mit der die Attraktivität als Einzelhandelsstandort gemessen wird. Eine Kennziffer von mehr als 100 bedeutet einen Kaufkraftzufluss, was darunter liegt, beschreibt einen Kaufkraftabfluss. Bei Nürtingen sei der Wert bereits unter 100 gerutscht, so Dirk Funck, was für ein Mittelzentrum „unüblich“ sei. Kirchheim etwa liege bei mehr als 120.

„Wir sind etwas umzingelt von attraktiven Orten für den Einzelhandel“, sagt Funck. Umso wichtiger sei es, dass Nürtingen sich positioniere, um sich von der Konkurrenz zu unterscheiden und Menschen anzulocken. Im Auftrag der Stadt hatte schon vor einem Jahr die Agentur Gruppe Drei angemahnt, dass Nürtingen seine „Persönlichkeit“ bestimmen müsse, um attraktiver zu werden.

Nürtingen will mit dem Thema Nachhaltigkeit punkten

Dirk Funck sieht in dem Thema Nachhaltigkeit eine Chance für Nürtingen und befindet sich damit auf einer Linie mit OB Fridrich. Im Oktober ist der Unverpackt-Laden in der Marktstraße erfolgreich gestartet. Der unweit davon gelegene Weltladen liebäugelt mit einer Erweiterung, und ein Ökotextil-Laden steht in den Startlöchern. Wie wäre es, wenn sich in der Marktstraße ein Cluster von Läden bilden würde, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben haben? „Das könnte die Leute neugierig machen“, sieht Dirk Funck Potenzial für solch einen Ansatz.

Damit Nürtingen im Wettbewerb der Kommunen nicht abgehängt wird, setzt Johannes Fridrich auch auf eine Professionalisierung des Stadtmarketings in Zusammenarbeit mit dem Werbering. „Es fehlt mir da an konzeptioneller und strategischer Arbeit“, kritisiert der OB. Event-Aktionen wie „Shoppen und Schlemmen“ zielten zwar in die richtige Richtung, seien bisher aber zu punktuell. Es gelte, „Strukturen zu überdenken“, so Fridrich.

OB kritisiert mangelnde Umsetzung von Konzepten

Ein weiterer Baustein zur Attraktivitätssteigerung des Einzelhandelsstandorts ist eine bessere Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Die geplanten Metropol-Expresszüge und die anvisierte S-Bahn-Linie sollen bis in fünf Jahren deutlich mehr Menschen nach Nürtingen bringen. Zudem soll durch das städtebauliche Entwicklungsprojekt Bahnstadt am Bahnhof ein einladendes Entreé entstehen, das Besucher in die Innenstadt zieht. Sollte Nürtingen am Jahresende den Zuschlag für eine Landesgartenschau bekommen – eine Kommission kommt Ende Juni zur Stippvisite in die Stadt – könnte dies einen weiteren Schub bedeuten.

Die Belebung der Innenstadt durch Gastronomie und Einzelhandel ist seit vielen Jahren ein Thema in Nürtingen. An Konzepten hat es in der Vergangenheit nicht gemangelt, laut Johannes Fridrich krankt es aber erheblich an der Umsetzung. Daran werde er arbeiten, kündigt der Oberbürgermeister an, der im vergangenen August sein Amt angetreten hat. Der 42-Jährige will die Ärmel hochkrempeln: „Türen aufstoßen – da sehe ich meine Aufgabe, wir müssen Chancen am Schopf packen und Dinge umsetzen.“ Der Media-Markt-Schock macht die Aufgabe nicht leichter in einer Zeit, in der der Einzelhandel wegen der Auswirkungen der Corona-Krise ohnehin zu kämpfen hat.

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