Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat zugelegt. Nürtingens Oberbürgermeister Otmar Heirich (rechts) betrübt das nicht – im Gegenteil. Foto: Horst Rudel

Beim Nürtinger Silvesterwiegen für den guten Zweck geben sich nicht nur politische Schwergewichte die Ehre. Insgesamt werden der alten Sackwaage 18 262 Pfund zugemutet.

Nürtingen - Ein lautes Raunen ging durch den Saal, gefolgt von Applaus. Sechs Pfund mehr im Vergleich zum Vorjahr hat der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) am Samstag auf die alte Sackwaage beim traditionellen Silvesterwiegen in Nürtingen gebracht. Demnach wiegt er jetzt 104 Kilogramm. „Bei dem Job muss man darauf achten, dass man nicht vom Fleisch fällt“, kommentierte der Nürtinger Oberbürgermeister Otmar Heirich (SPD) das Messergebnis launig.

Der „Highlander“ wiegt am meisten

Insgesamt waren 113 Personen aus Politik, Wirtschaft, dem Vereinsleben und der Kirche der Einladung zum Silvesterwiegen in der Stadthalle gefolgt. Jeder Gewogene hatte im Anschluss daran eine Spende an die Arbeitsgemeinschaft Hospiz Nürtingen zu leisten. An den langjährigen Champion dieser Veranstaltung, den CDU-Stadtrat Andreas Deuschle, kam der Ministerpräsident freilich nicht heran. Deuschle führt mit 310 Pfund auch im gerade zu Ende gegangenen Jahr die Lis­te der schwersten Männer beim Silvesterwiegen an. „Wer Baumstämme und Steine wirft, der braucht ein Gewicht“, konstatierte Heirich und nahm Bezug auf die außergewöhnlichen Hobbys des Stadtrats mit dem Spitznamen Highlander, weil er regelmäßig an schottischen Nationalsportveranstaltungen teilnimmt. Beim Lebendgewicht gleichauf wie Kretschmann lag dagegen der CDU-Stadtrat Thaddäus Kunzmann, wie der Oberbürgermeister während der Präsentation der Ergebnisse des Silvesterwiegens hervorhob.

Am Ende wurden 1027 Euro und fünf britische Pfund gespendet. Ob die gespendeten Pfund aus Großbritannien bereits die Auswirkungen des Brexits seien, fragte sich Heirich feixend. Mit nur 23 Frauen unter den 113 Teilnehmern waren die Männer beim öffentlichen Wiegen, wenig überraschend, deutlich überrepräsentiert. Obwohl in diesem Jahr zwei Personen mehr als 2015 am Wiegen teilnahmen, ging das gemessene Gesamtgewicht um rund fünfzig Pfund auf 18 262 Pfund zurück. An Heirich selbst lag das nicht, er hat sein Gewicht mit 84 Kilogramm im Vergleich zum Vorjahr mit einem Minus von einem Kilogramm nahezu gehalten. Einer, der dagegen vier Kilogramm zugelegt hat, ist der Stadtrat Achim Maier (Freie Wähler, jetzt 160 Pfund). „In der Reihe hinten sind die Brötchen immer als Erstes weg“, scherzte Heirich und spielte dabei auf die Sitzungsverpflegung des Gemeinderats an.

Graf Zeppelin als Initiator?

Die Tradition des Silvesterwiegens geht zurück bis ins Jahr 1832. Der Ursprung des Brauchs soll aber noch viel älter sein. Es existiert die Legende, dass sich einst der Graf Zeppelin mit einigen Honoratioren der Stadt in der Weinstube Liedle am Schlossberg zu einem Trinkgelage getroffen habe, berichtet die Stadtführerin und ehemalige FDP-Stadträtin Anne Marie Hammelehle. Der Graf habe gewettet, dass er mit seinem Pferd die engen Stäffele hinunterreiten könne. Es sei ihm gelungen, und im Gegenzug mussten sich die Honoratioren wiegen lassen und dafür etwas spendieren. „Von dieser Geschichte sind allerdings höchstens 60 Prozent wahr“, sagt die Stadtführerin. Später wurde die Tradition dennoch beibehalten – zunächst in der Gaststätte Vier Jahreszeiten und anschließend in der Nürtinger Stadthalle.

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