Pfarrer Hans-Christoph Werner und Alexandra Zoller vom Deutschen Roten Kreuz arbeiten in der Notfallnachsorge. Foto:  

Wenn sich Menschen mit traumatischen Situationen konfrontiert sehen, kommt der Notfallnachsorgedienst zum Einsatz. Im Rems-Murr-Kreis arbeitet das Deutsche Rote Kreuz seit 20 Jahren mit der Notfallseelsorge der Kirchen zusammen.

Waiblingen - Da war dieser junge Mann, der mit seinem Vater eine Motorradtour machte und plötzlich feststellen musste, dass der Papa nicht mehr hinter ihm fuhr: Er fand ihn tödlich verunglückt im Straßengraben. Hans-Christoph Werner war damals als Notfallseelsorger im Einsatz. Er kümmerte sich direkt nach dem Unglück um den Sohn des Toten und brachte ihn nach Hause. Eine Mischung aus Trauer und Aggressivität habe er bei dem jungen Mann wahrgenommen, erinnert sich der evangelische Pfarrer. „Dieser Fall ging mir lange nach.“

Wenn die Welt eines Menschen plötzlich und unerwartet aus den Fugen gerät, etwa durch Gewalterfahrung oder weil ein Angehöriger stirbt oder sich selbst das Leben nimmt, dann ist der Notfallnachsorgedienst zur Stelle. Meistens wird er von den Einsatzkräften vor Ort – Polizei, Feuerwehr oder Notarzt – angefordert. Beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) im Rems-Murr-Kreis arbeitet der Notfallnachsorgedienst mit der Notfallseelsorge der Kirchen zusammen: Immer ein Ehrenamtlicher des DRK und ein Geistlicher gehen gemeinsam zu den Betroffenen. Am kommenden Sonntag feiert der Dienst sein 20-jähriges Jubiläum.

Geteiltes Leid ist halbes Leid

„Die meisten Menschen wollen in solchen Situationen keine Erklärungen, sondern jemanden, der da ist. Der sie in den Arm nimmt“, sagt Hans-Christoph Werner. „Ein Großteil unserer Arbeit besteht darin, zu schweigen“, bestätigt Alexandra Zoller vom DRK. Etwa 25 Menschen engagieren sich ehrenamtlich im Notfallnachsorgedienst der Organisation, von Seiten der Kirchen stehen rund 20 Geistliche zur Verfügung. „Die Bereitschaft der Kollegen nimmt ab“, kritisiert Pfarrer Werner und führt das unter anderem auf Stellenkürzungen zurück. Weil es derzeit einen Mangel an Geistlichen in der Notfallseelsorge gebe, engagiert sich der 63-Jährige auch jetzt im Ruhestand noch – den Kollegen zuliebe, aber vor allem deshalb, weil er da sein möchte für Menschen, die leiden.

„Geteiltes Leid ist halbes Leid“, ist Alexandra Zoller überzeugt. Manchmal komme es vor, dass sie mit Angehörigen mit weine. Grundsätzlich sei es aber wichtig, dass man fest im Leben stehe, wenn man im Notfallnachsorgedienst arbeite. „Man muss außerdem viel Zeit und Empathie mitbringen und die Fähigkeit haben, zuzuhören“, sagt die 49-Jährige. Neue Ehrenamtliche absolvieren beim Roten Kreuz zunächst eine einjährige Probezeit, während der sie das Team und die Strukturen kennen lernen, aber nicht an Einsätzen teilnehmen. Danach beginnt eine dreimonatige Ausbildung, an die sich eine Hospitation anschließt. Nach einem halben Jahr oder zehn begleiteten Einsätzen folgt ein weiterer Ausbildungsblock mit Prüfung.

Weinen, schreien, schweigen

„Der Eigenschutz ist ganz wichtig. Wir stützen uns immer gegenseitig“, betont Alexandra Zoller. Denn die Notfallnachsorgeteams sind mit ganz unterschiedlichen Reaktionen konfrontiert: Manche Menschen verlieren völlig die Fassung und fangen an zu schreien, andere weinen, reden ununterbrochen oder sprechen überhaupt nicht. „Es kann alles kommen. Man darf keine Berührungsängste haben. Wir begegnen wirklich allem“, sagt Zoller. Das muss man aushalten können – und darüber hinaus erspüren, was dem einzelnen Betroffenen in seiner Situation hilft. Oft seien Rituale des Abschiednehmens gefragt, hat Pfarrer Werner beobachtet. „Ein Vaterunser, ein vertrauter Text, kann sehr viel bewirken.“ Bevor der Geistliche ein Gebet spricht, fragt er die Menschen, ob sie das möchten. „Wir drängen uns nicht auf“, sagt er. „Wichtig ist, dass wir immer die Angehörigen selbst entscheiden lassen“, erklärt Zoller.

Das gilt auch für ganz praktische Fragen, die sich mit dem plötzlichen Tod eines Angehörigen ergeben: Wie geht es jetzt weiter? Wer muss informiert werden? Wie organisiert man die Beerdigung? Der Notfallnachsorgedienst berät und gibt Orientierung. „Wir sind in der Akutphase da, aber wir sind keine Therapeuten“, betont Alexandra Zoller. Der Einsatz des Notfallnachsorgedienstes ist in der Regel nach drei bis fünf Stunden beendet. Wann es Zeit ist zu gehen, sei ebenfalls etwas, das man „erspüren“ müsse: „Meistens bleiben wir so lange, bis Freunde oder Nachbarn da sind“, berichtet Zoller. Doch häufig melden sich die Menschen, denen die Mitarbeiter des Notfallnachsorgediensts beigestanden haben, nach einem Einsatz erneut: um sich zu bedanken.

Viel Dankbarkeit

„Ich denke, die Angehörigen sind einfach dankbar, dass jemand dagewesen ist“, sagt Pfarrer Werner. Alexandra Zoller erinnert sich an eine Dankeskarte, die sie vor Jahren bekommen hat und die sie noch heute sehr berührt. Was den Menschen widerfahre, könnten sie mit ihrem Einsatz natürlich nicht ungeschehen machen – aber zumindest seien die Betroffenen in dieser schwierigen Situation nicht alleine, sagt Zoller. „Es macht mir Spaß, Menschen etwas zu geben.“

Die Kraft dafür zieht die 49-Jährige, die neben ihrem Ehrenamt beim DRK auch noch in einer ambulanten OP-Praxis arbeitet, aus der Zeit mit ihrem Hund und ihrer Familie. „Ich gehe viel laufen, raus in die Natur. Man muss Dinge finden, die einem guttun“, sagt sie. Denn: „Im Einsatz gibt man immer das Beste, was man hat.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: