Immer mehr Menschen gehen direkt in die Notaufnahme der Kliniken Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Die Krankenhäuser klagen allerorten, dass immer mehr Patienten mit nur leichten Erkrankungen in die Notaufnahmen kommen. Nun startet die Kassenärztliche Vereinigung eine Informationskampagne, um mehr Patienten in die Praxen von niedergelassenen Mediziner zu lenken.

Stuttgart - Landauf, landab klagen Krankenhäuser über wachsende Fallzahlen in ihren Notaufnahmen, auch in Stuttgart. Dabei steigt die Zahl der Patienten, die nicht dort hingehören, sondern in die Praxen von niedergelassenen Ärzten. Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) startet nun einen Versuch einer besseren Patientensteuerung: Auf Plakaten in Arztpraxen wird auf die wenig bekannte Bereitschaftsdienstnummer 116 117 der Niedergelassenen hingewiesen. Und es soll Modellversuche einer besseren Verzahnung von ambulanter und stationärer Notfallversorgung geben.

Dass die Patientenzahlen in den Notaufnahmen steigen, zeigt sich in Stuttgart. Beispiel Interdisziplinäre Notaufnahme des städtischen Klinikums: Von 2014 auf 2015 haben dort die Fälle von 29 983 auf 33 282 zugenommen, plus elf Prozent. Die Zahlen des laufenden Jahres sind ähnlich. Beispiel zwei: Im Notaufnahmezentrum des Robert-Bosch-Krankenhauses (RBK) betrug der Patientenzuwachs von 2013 bis 2015, als man 38 547 Fälle zählte, 14 Prozent. Nicht viel anders die Lage im Marienhospital, hier registrierte man 2014 rund 24 600 Fälle in der Notaufnahme, ein Jahr später waren es 26 900 (plus neun Prozent). Und in diesem Jahr scheint der Zuwachs kaum geringer zu sein.

Die Kliniken bieten viel, verdienen aber wenig

Das Problem dabei: Die Kliniken bieten für Patienten, die nur geringfügig erkrankt sind, ihr umfangreiches medizinische Equipment auf, bekommen aber wenig Geld. Die Kosten pro Patient liegen im Schnitt bei etwa 130 Euro, die Einnahmen bei 30 bis 35 Euro, sagt Annette Baumer von der baden-württembergischen Krankenhausgesellschaft.

Und diese Gruppe wächst. „Etwa 20 Prozent der Patienten könnten auch zum Hausarzt gehen“, schätzt Tobias Schilling, der die Interdisziplinäre Notaufnahme (INA) am Katharinenhospital der Stadt leitet. Markus Mord, Geschäftsführer des Marienhospitals, stellt fest: „Unsere Notaufnahme wird zunehmend von Patienten in Anspruch genommen, die nur leicht erkrankt sind und vom Hausarzt oder einem anderen niedergelassenen Arzt behandelt werden könnten.“ Viele dieser Menschen hätten „keinen festen Hausarzt“, so Mord, die Zunahme registriere man „überwiegend in Zeiten, in denen Arztpraxen geöffnet haben“. Etwas günstiger ist die Entwicklung im Robert-Bosch-Krankenhaus. Zwar werden auch dort nur 41 Prozent der in der Notaufnahme behandelten Patienten tatsächlich stationär aufgenommen. Aber der Ärztliche Direktor Mark Dominik Alscher hat ermittelt, dass von allen Patienten in der Notaufnahme lediglich „drei Prozent auch eine reguläre Praxis hätten aufsuchen können“.

Im Marienhospital liegt das Minus bei 930 000 Euro

Der Unterschied zu den beiden anderen Häusern könnte auf die weniger zentrale Lage des RBK auf dem Burgholzhof zurückzuführen sein. Beim Marienhospital dürfte eine Rolle spielen, dass dort in der Nacht und an den Wochenende die Notfallpraxis der niedergelassenen Ärzte angesiedelt ist, die Patienten deshalb auch zu anderen Zeiten dorthin gehen.

Diese Entwicklung hat für die Krankenhäuser ihren Preis. Im Marienhospital liegt das Minus der Notaufnahme für die genannte Patientengruppe im Jahr bei 930 000 Euro. In der INA des Katharinenhospitals waren es im Vorjahr 1,24 Millionen Euro, alle Ambulanzen des Klinikums brachten es das Jahr zuvor auf ein Defizit von 13 Millionen Euro. Im RBK liege das Minus hier bei einem sechsstelligen Betrag, so Mark Dominik Alscher.

Trotz des Trends, dass vermehrt auch nur leicht erkrankte Menschen die Notaufnahmen aufsuchen, wollen die Mediziner den Stab nicht über diesen brechen. Die Beispiele, dass es manche einfach bequemer finden, in die Notaufnahme zu gehen statt sich einen Termin beim Niedergelassenen zu holen, hält Mark Dominik Alscher für „Einzelfälle“. Die allermeisten Patienten seien „in Sorge und haben Ängste“, sagt er. Und unter den „Selbsteinweisern“, die 54 Prozent ausmachen, „lag der Anteil der dringlichen Fälle bei 28 Prozent“, so Alscher. Das ist auch die Erfahrung von Tobias Schilling: „Mancher, der seit Wochen Schmerzen hat und gerade an einem Freitagabend in die Notaufnahme geht, ist ein Schwerkranker.“

Es gibt eine Notfalldienst-App zum Herunterladen

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung will man das Problem auf mehreren Wegen angehen. „Die Notfallversorgung ist für die Patienten undurchsichtig“, sagt Sprecher Kai Sonntag. Da sei es für viele am einfachsten, ins Krankenhaus zu gehen. Deshalb startet die KV eine Infokampage, um ihre eigene, einheitliche Rufnummer für ärztliche Bereitschaftsdienste, die 116 117, bekannter zu machen. Zudem habe die KV Baden-Württemberg als einzige der Republik eine Notfalldienst-App zum Herunterladen. „Es ist viel Aufklärung notwendig“, findet Annette Baumer von der Krankenhausgesellschaft.

Weil man gerade an den Krankenhausstandorten mit einer kassenärztlichen Notfallpraxis wie am Marienhospital festgestellt hat, dass die Patientenzahlen vor allem zu den üblichen Praxisöffnungszeiten stark steigen, plant die KV, an einigen Standorten probeweise die Zusammenarbeit von niedergelassenen und von Krankenhausärzten entsprechend zu erweitern. Auch Mark Dominik Alscher vom RBK plädiert für Modellprojekte dieser Art. Tobias Schilling vom Klinikum ist überzeugt: „Durch den Riesengraben zwischen ambulant und stationär verlieren wir viele Ressourcen und viel Geld.“

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